Zimmering Raina: Das zapatistische Gleichheitskriterium als neues Paradigma von Gleichheit

26. Jul 2011

Die zapatistische Bewegung, die mit dem Aufstand des Zapatistischen Heeres der Nationalen Befreiung (EZLN) in Chiapas im Südosten Mexikos im Jahre 1994 ihren Anfang nahm und bis heute in Form autonomer Gemeinden existiert, hatte durch eine neue Widerstandskultur und konsequent basisdemokratische Gesellschaftskonzeption das Paradigma der Gleichheit für weltweite emanzipatorische Bewegungen und antikapitalistischen Widerstand aufgewertet und in einen neuen Zusammenhang gesetzt.

Das zapatistische Gleichheitskriterium erlangt diese Bedeutung, da es durch seinen hohen Grad an Synkretismus verschiedener bisheriger Gesellschaftsvorstellungen im Denken über Gleichheit und seine synthetisch neue Zusammensetzung im Kontext des Neoliberalismus ein innovatives Gleichheitsparadigma setzte. Es grenzt  sich durch seine solidarischen, basisdemokratischen und diversitätsgeleiteten Einstellungen und Alltagspraxen konsequent  vom neoliberalen Gleichheitsparadigma ab, das alle Teilnehmer am Markt als angeblich gleich hinstellt und die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz präferiert, alle Länder, Regionen und Wirtschaften dem einheitliches neoliberalen Konzept unterordnen will und die sozial, kulturell und ökonomisch ausgegrenzte Mehrheit ignoriert. Gleichzeitig unterscheidet sich das zapatistische Gleichheitsparadigma von einer großen Anzahl linker konservativer Gleichheitsvorstellungen, die Gleichheit oft auf den Bereich der sozioökonomischen Gleichheit reduzieren und die Realisierung von Gleichheit nur durch den Staat, Regierungen und Parteienrepräsentation gewährleistet sehen. Basisdemokratie, Gender-, ethnische, kulturelle Eigenbedürfnisse werden dabei oft an den Rand gedrängt.

Durch die Ausdehnung des Gleichheitsanspruches von sozial und ökonomisch Ausgegrenzten auf kulturell Ausgegrenzte wie z.B. Homosexuelle, auf ethnisch Ausgegrenzte wie Indigenas, auf Geschlechterdiskriminierungen, Generationenausgrenzungen und  geographische und historische Ausgrenzungen, auf das Ausgregrenztsein überhaupt entstand das zapatistische Gleichheitspradigma in Verbindung mit der Anerkennung der Differenz und der Aufwertung der Würde als Grundlage von Widerstand.

Die Verknüpfung dieser verschiedenen Bezüge macht das Spezifische der zapatistischen Gleichheitskategorie aus, die in emanzipatorischen regionalen und globalen Bewegungen wie auch in transregionalen soziokulturellen Räumen in der ganzen Welt paradigmatische Bedeutung gewann und auch von linken nationalen Regierungen und regionalen Integrationsgemeinschaften praktiziert wird.

Im Vortrag soll das zapatistische Gleichheitsparadigma an Hand seiner ideellen Wurzeln, theoretischen Quellen und seiner Alltagspraxen in den autonomen zapatistischen Gemeinden dargestellt und mit verschiedenen anderen Gleichheitsansätzen (marxistischen, leninistischen, anarchistischen, neoliberalen, dirkurstheoretischen, feministischen und kommunitaristischen)  verglichen werden.

Die Analyse der ideellen Grundlagen des zapatistischen Gleichheitsparadigmas soll überwiegend durch die Verknüpfung des Begriffs der Gleichheit mit anderen  Begriffen und Ansätzen erfolgen. Wichtig dabei sind die Begriffspaare wie Würde und Gleichheit, Diversität und Gleichheit, Geschlecht und Gleichheit, Macht und Gleichheit, Kollektivität und Gleichheit, Individualismus und Gleichheit, das Lokale und Gleichheit, Natur und Gleichheit, Gemeinschaft und Gleichheit, Nation und Gleichheit, Selbstverwaltung und Gleichheit und Widerstand und Gleichheit.

Was die Ableitung des zapatistischen Gleichheitskonzepts aus den Alltagspraxen anbetrifft, so sollen sowohl politische Entscheidungsfindungsmeschanismen, Governmentpraxen, die Verteilung des Bodens und der Commons, die Eigentumsverhältnisse, die Rolle der Frauen in der Gemeinschaft, Selbstverwaltungspraxen, verschiedene Politikbereiche wie Bildung und Gesundheit und das Verhältnis zwischen der EZLN (dem militärischen Teil der Zapatistas) und den zivilen autonomen zapatistischen Gemeinden unter dem Aspekt der Gleichheit analysiert werden.

Schlussfolgernd soll das Spezifische des zapatistischen Gleichheitskonzeptes besonders in der Verschränkung von Gleichheit mit Diversität und Würde herausgearbeitet und von Gleichheitskonzepten, die auf Gleichmacherei, Assimilation, Unterdrückung und Herrschaft setzen, unterschieden werden.

Dokumente zum Download

Zeimmering_2011_Paper (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-10-11 18:10:37

Zimmering_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 12:37:24