Wohlfahrt Gerhard: Chancengleichheit – was ist das?

21. Jul 2011

Chancengleichheit ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel, zu dem sich in der abendländischen Kultur nahezu alle relevanten AkteurInnen bekennen. Bei der Umsetzung entstehen aber meist große Diskrepanzen.

In diesem Beitrag werden aber nicht unterschiedliche Umsetzungsstrategien hinterfragt, sondern Chancengleichheit als Ziel an sich näher analysiert. Chancengleichheit im Sinne einer Minimalforderung kann als Verbot von (rechtlicher) Diskriminierung gesehen werden. Die theoretisch gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Bildung, öffentlichen Ämtern und
Spitzenpositionen sind verfassungsrechtlich weitgehend abgesichert und sicherlich nicht ausreichend für eine zukunftsorientierte Chancengleichheitspolitik.

Die gesellschaftspolitisch relevantere Definition von Chancengleichheit ist die Analyse von realisierbaren oder von realisierten Chancen. Chancengleichheit bedeutet in diesem Sinne bessere Chancen für derzeit Benachteiligte, aber meist auch schlechtere Chancen für derzeit Privilegierte. Mehr Chancengleichheit aus Genderperspektive führt zur Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen. Diese Forderung bedeutet, wenn die Anzahl der Führungskräfte begrenzt ist – und daran besteht ja wohl kein Zweifel, automatisch auch die Forderung nach – absolut und relativ – weniger Männern in Führungspositionen.

Nur bei einem generellen Ausbau von Chancen – wie er zum Beispiel im Bildungsbereich stattgefunden hat – kann eine Verbesserung der Chancengleichheit ohne gleichzeitige Verschlechterung der bisher Privilegierten erreicht werden. Beispielsweise können und werden durch höhere Bildungspartizipation nicht nur die Chancen von Kinder aus bildungsfernen Schichten deutlich verbessert, auch die Chancengleichheit wird gesteigert. Die Bildungschancen von Kindern aus privilegierten Schichten lassen sich ohnehin kaum steigern. Problematisch wird diese Definition von Chancengleichheit aber dann, wenn eine allgemeine Erhöhung der Chancen nicht möglich (z.B. bei der Anzahl der Führungskräfte) oder nicht sinnvoll ist und die Analyse für zu kleine Teilgruppen durchgeführt wird. In diesem Sinne kann Chancengleichheit zu einer Übersteuerung des Systems führen.

Mit anderen Worten: Mehr Frauen und damit weniger Männer (absolut und relativ) in Führungspositionen ist sicherlich ein erstrebenswertes Ziel. Aber was passiert, wenn diese Politik der gleichen Quoten auf kleinere Gruppen heruntergebrochen wird? Wenn Kinder aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Medizin
studieren sollen. Entsprechen derartige gleiche Quoten dem „allgemeinen Verständnis“ von Chancengleichheit?

Im Beitrag wird nicht nur die Definition von Chancengleichheit im Sinne von gleichen Quoten kritisch analysiert, es wird auch versucht eine Definition von Chancengleichheit im Sinne von „realistischen Zugangschancen“ zu entwickeln und beide Konzepte mit empirischen Befunden aus dem Bildungsbereich zu verdeutlichen.

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Wohlfahrt_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-21 13:23:04