„Wir sind vollkommene Idioten, wenn es um den Zufall geht“

20. Okt 2017
Credit: amespiphoto

Credit: amespiphoto

Florian Aigner ist Physiker, Autor und Wissenschaftsjournalist. 2017 erschien sein erstes Buch „Der Zufall, das Universum und Du“. Mit derMoment hat er darüber gesprochen, warum die Menschen den Zufall oft unterschätzen und wie er seine politische Einstellung beeinflusst hat.

Dein Buch heißt „Der Zufall, das Universum und Du“. Was bedeutet der Zufall aus wissenschaftlicher Perspektive?

Die moderne Physik hat herausgefunden, dass der Zufall tatsächlich in die Naturgesetze eingebaut ist. Die Chaostheorie besagt, dass winzig kleine Dinge riesengroße Auswirkungen haben können. Das bedeutet, dass jede Vorhersage über die weitere Zukunft unmöglich ist, weil man die Welt nie ganz perfekt und ohne Fehler beschreiben kann. Zusätzlich gibt es noch die Quantentheorie, die ist noch radikaler, weil sie sagt, Dinge passieren wirklich ohne Grund. Wenn ein radioaktives Atom zerfällt, zerfällt es einfach so. Auch wenn ich alles über das Atom weiß, kann ich nicht sagen, wann es zerfallen wird. Diesen Phänomenen gehe ich in meinem Buch nach, außerdem erkläre ich, was der Zufall für uns Menschen bedeutet und warum wir so wahnsinnig schlecht darin sind, den Zufall richtig einzuordnen.

Sind wir das?

Ja, es ist furchtbar. Wir sind vollkommene Idioten, wenn es um den Zufall geht. Wir sitzen im Casino und glauben, wenn beim Roulette acht Mal rot gekommen ist, dann muss doch jetzt schwarz kommen. Das ist einfach falsch, das ist dem Zufall nämlich einfach egal. Oder wir fürchten uns vorm weißen Hai wenn wir ins Meer springen, haben aber kein Problem damit, über die viel befahrene Uferstraße zu laufen, obwohl die Wahrscheinlichkeit überfahren zu werden, viel größer ist, als einen Hai auch nur aus der Ferne zu sehen. Wir entwickeln auch ganz komischen Aberglauben. Wenn ich bei der letzten Prüfung einen Einser bekommen habe, bringt mir der Pullover Glück und ich ziehe ihn beim nächsten Mal wieder an. So etwas ist im besten Fall lustig, im schlechtesten Fall kann es richtig anstrengend und problematisch werden.

Ist Zufall im Allgemeinen positiv oder negativ besetzt?

Ich bin nicht sicher, er kann beides sein. Er kann angenehm sein, wenn man dann selbst nicht schuld ist, er kann aber auch bedrohlich sein, weil er die Kontrolle entzieht. Ich glaube, wir sollten den Zufall hinnehmen und uns darüber freuen. Wenn man akzeptiert, dass vieles im Leben vom Zufall bestimmt ist – und das ist zweifellos so – kann man auch Erfolg im Leben ein bisschen relativieren und einsehen, dass man nicht an allem unbedingt selbst schuld ist, sondern vielleicht einfach nicht ausreichend viel Glück hatte.

Heißt das, die Zufalls-Forschung hat dich auch in deiner politischen Einstellung beeinflusst?

Ja. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir ständig auf Vorzeige- Erfolgsmenschen treffen und die uns einreden, sie wissen wie man es schafft und wie Erfolg funktioniert. Man muss nur in eine Buchhandlung schauen. Da gibt es ein ganzes Regal mit Erfolgsratgebern. Aber die Ratschläge sind in Wirklichkeit total banal und sinnlos. Andere Leute machen das genauso und haben trotzdem keinen Erfolg. Man muss einsehen, dass man einfach auch Glück braucht, um erfolgreich zu sein. Wenn der Zufall nicht auf unserer Seite ist, dann nützt die größte Anstrengung nichts.

Du glaubst also, man kann Erfolg kaum beeinflussen?

Natürlich muss man sich anstrengen, natürlich ist es gut, wenn man gebildet ist und versucht, intelligent zu handeln und fleißig zu sein. Es ist aber einfach so, dass man einen Startvorteil hat, wenn man zum Beispiel in eine erfolgreiche Familie hineingeboren wird. Wenn ich sage, der Zufall spielt eine große Rolle, dann heißt das nicht, dass alle Leute die selben Karten haben. Es ist wie ein Poker-Spiel. Wir bekommen Karten ausgeteilt und dann ist nochmal entscheidend, wie wir diese Karten spielen und ob wir sie klug einsetzen.

Gibt es das Schicksal?

Ich glaube nicht.

Du sagst auch, dir ist die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Esoterik wichtig.

Ja, Ich bin bei meiner Beschäftigung mit Wissenschaft immer wieder auf Leute gestoßen, die Dinge behaupten, die zwar wissenschaftlich klingen aber wissenschaftlichen Tests einfach nicht standhalten. Wir Menschen sind so gebaut, dass wir spannenden neuen Ideen gegenüber offen sind und die Dinge genau wissen wollen. Dieses Bedürfnis befriedigt aber nicht nur die Wissenschaft, sondern auch etwas anderes, das aussieht wie Wissenschaft aber einfach falsch ist. Da sind wir bei der Esoterik. Von Wünschelrutengehern bis zu Horoskopen, oder dem breiten Feld der Alternativmedizin. Man muss die Leute davor warnen und sagen, das stimmt einfach nicht.

Ist das nicht oft voreilig?

Man sollte nichts von vorne herein verdammen, das wäre dumm und unwissenschaftlich aber man muss sich die Dinge in Ruhe anschauen und fragen: Kann das funktionieren? Wie kann ich das überprüfen? Bei ganz vielen Dingen hat man das gemacht und dann komm heraus, nein, das geht einfach nicht.

Hat man als Wissenschafter einen entromantisierten Blick auf die Welt?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass Wissenschaft den romantischen Blick auf die Welt stärken kann. Es ist ja nicht so, dass eine Blume auf der Wiese weniger schön ist, nur wenn ich mich damit beschäftige, welche chemischen Farbstoffe dafür verantwortlich sind, dass sie jetzt genauso schön rot ist, wie sie ist. Das gibt vielleicht sogar noch eine Ebene Zauber dazu.

Oder wenn ich in den Sternenhimmel schaue und mir denke, das ist alles riesengroß und wunderbar. Wenn ich jetzt aber weiß, wie weit diese Sterne weg sind und wie viele es davon gibt und so weiter, dann find ich das alles noch besonderer.

Trotzdem sind gerade Naturwissenschaften unter jungen Menschen eher unbeliebt. Warum?

Das liegt nicht an der Wissenschaft, sondern an der Art, wie die Inhalte vermittelt werden. Ich glaube, dass die allermeisten Leute es ganz spannend finden würden, Dinge über die Welt zu erfahren. Das muss nicht Naturwissenschaft im technologischen Sinne sein aber wenn sie in Bravo die Dr. Sommer Kolumne lesen, ist das im weitesten Sinne auch Interesse für die Natur. Wenn man in ein Buchgeschäft geht und schaut, welche Bücher da herumliegen, dann sind Wissenschaftsbücher durchaus sehr populär. Den Bedarf und die Begeisterung gibt es also durchaus, es ist nur so, dass die Art, Wissenschaft zu präsentieren, wie es in der Schule passiert, eben nicht optimal funktioniert und manche Leute vielleicht abstößt. Das ist schade.