Scholz Jakob: Social Media – Equal Media? Soziale Medien als Versuchslabor für eine neue demokratische Kultur

26. Jul 2011

Soziale Medien sind im öffentlichen Diskurs derzeit sehr präsent. Vor allem die „klassischen“ Massenmedien Presse, Radio, TV und auch Film beschäftigen sich gerne mit den Auswirkungen von Facebook, Twitter und anderen Medien auf unser Leben. Dieser Diskurs ist dabei stark trivialisiert und, wie meistens bei der Entstehung neuer Medien, polarisiert. Eine differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung wird außerdem dadurch erschwert, dass es noch verhältnismäßig wenig seriöse Literatur zu Funktion und Funktionsweise Sozialer Medien gibt, und durch die Tatsache, dass Soziale Medien durch die Möglichkeiten, die das Internet als Hybridmedium2 bietet, ständigen Veränderungen unterworfen sind.

Besonders die Politik wird verstärkt an ihrem Umgang mit Sozialen Medien gemessen, da immer öfter zivilgesellschaftliche Initiativen die Gelegenheit nutzen, ihre Anliegen über diese Kanäle an die Öffentlichkeit und die Regierungsverantwortlichen heran zu tragen, sei es die Bewegung „unsereuni/unibrennt“ oder Plattformen wir „Machen wir uns stark“ oder „Genug ist genug“. Dieser Beitrag will die Sozialen Medien als mehr denken als nur als Kommunikationsplattformen: Unter welchen Voraussetzungen können die Plattformen des Web 2.0 ein Versuchslabor für eine neue, egalitäre demokratische Kultur sein? Historisch gesehen waren die Möglichkeiten zur Teilnahme an demokratischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen zuerst nicht vorhanden und dann von Faktoren wie gesellschaftlicher Stellung oder Geschlecht abhängig – in vielen Ländern ist die Einführung des allgemeinen Wahlrechts erst einige Jahre her. Doch selbst, wenn die formalen Möglichkeiten gegeben sind, beschränken sich die Möglichkeiten, sich über die Stimmabgabe hinaus politisch zu betätigen, oft auf das Engagement innerhalb politischer Parteien. Die dortigen Strukturen sind relativ starr und kommen den Erwartungen und Bedürfnissen von Menschen, die sich politisch engagieren wollen, nicht besonders entgegen. Der Beitrag soll Möglichkeiten diskutieren, über Soziale Medien Strukturen für politische Beteiligung zu schaffen, über die dann natürlich Themen bekannt gemacht werden können, die aber auch an sich aufzeigen sollen, dass es andere Möglichkeiten der politischen Beteiligung gibt als die derzeit gängigen. Das bedeutet nicht, Parteien die Eignung als Plattformen politischer Willensbildung abzusprechen – für die Entwicklung vollständig neuer Ansätze braucht es aber auch den Raum, Dinge auszuprobieren und längerfristig aufzubauen, und dafür bieten Parteien nicht die besten Rahmenbedingungen, da dort immer auch die Notwendigkeit für tagespolitisches Agieren besteht. Von solchen neu entwickelten Strategien können aber auch Parteien in ihrer Arbeit profitieren, sobald sie elaboriert genug sind.

Wie so oft ist das Ziel – eine Plattform, die möglichst viele Menschen unter gleichen Bedingungen mit dem Ziel organisiert, politische Ziele zu verfolgen – klar, der Weg dorthin  schwierig. Daher soll der Beitrag auch weniger darin bestehen, utopistisch eine detaillierte Vision zu formieren, sondern sich darauf konzentrieren, welche Hindernisse es bei der Umsetzung geben könnte und welche Aspekte über Erfolg oder Misserfolg einer solchen Plattform entscheiden. Das soll hauptsächlich durch die medienwissenschaftliche Analyse bisheriger Versuche in diese Richtung gehen, wie etwa „unsereuni/unibrennt“, aber auch Diskursplattformen von Parteien, etwa den grünen „Zukunftskongress“ oder „Österreich 2020“ der SPÖ. Das bedeutet zwar, viele Dinge aus Negativbeispielen ableiten zu müssen, stellt aber auch einen von konkreten Phänomenen geleiteten Diskurs sicher. Mögliche Felder der Betrachtung sind die Mobilisierung für politische Vorhaben und der Einfluss der verschiedenen Digital Divides3 auf die politische Partizipation in digitalen Medien, sowie die Frage des Zusammenspiels realer Organisationsstrukturen, die ab einer bestimmten Größe einer Plattform notwendig werden, mit Möglichkeiten zur Online-Partizipation. Die Analyse soll schließlich in einen Katalog von Do’s and Don’ts bei der Konzeption von Online-Plattformen für politischen Aktivismus führen, der in der Diskussion im Plenum hoffentlich verfeinert und erweitert wird, um als langfristiges Ziel zeigen zu können, dass gemeinsame Arbeit an politischen Zielen in einer gleichberechtigten Art und Weise möglich ist.

1 Für eine Definition des Begriffs siehe Münker 2009, S. 9ff.

2 Vgl. Bleicher 2009, S. 26, zit. nach Hickethier 2010, S. 197.


Dokumente zum Download

Scholz_2011_Paper (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2012-01-02 09:31:19

Scholz_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 13:39:13