Wegscheider Angela: Menschen mit Behinderungen: Lobbyisten in eigener Sache

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track 5 „Community Organizing und Graswurzelbewegungen”

„Menschen mit Behinderungen: Lobbyisten in eigener Sache

1. Einleitung
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Begriffsdefinition von Behinderung sowie die Politik für Menschen mit Behinderung deutlich verändert. Obwohl Menschen mit Behinderung noch immer als wichtige Zielgruppe für sozialpolitische Maßnahmen gesehen werden, wird Behinderung aktuell auch als Menschen- und Grundrechtsthema begriffen. Den Richtungswechsel förderte die Etablierung der Disability Studies, ein emanzipatorisch und interdisziplinär ausgerichteter Forschungsansatz der Cultural Studies. Er bietet sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte an, welche argumentieren, dass die wirklichen Probleme behinderter Menschen nicht in ihrer individuellen Beeinträchtigung, sondern in den ausgrenzenden kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen und im eingeschränkten Zugang zur gesellschaftlichen Partizipation liegen. An diesen veränderten Sichtweisen auf Behinderung arbeiten seit den 1980er Jahren – allen voran – WissenschafterInnen mit
Behinderungen an Theorien und Methoden, die eine medizinische, defizit- und auf das Individuum orientierte Wissenschaftstradition unterbrechen und versuchen gleichzeitig behinderten Frauen und Männern eine Rolle als Subjekte in der Forschung einzuräumen. Die emanzipatorisch-interdisziplinäre Sichtweise eröffnet einen neuen Blickwinkel auf die Erforschung von politischen Willensbildungsprozessen in der Behindertenpolitik und der Rolle von Menschen mit Behinderungen.

Behindertenpolitik ist eine Querschnittsmaterie, die wertbesetzt und von ethisch-moralisch wie auch fachlichen Unsicherheiten geprägt ist. Trotzdem und ausgehend von einem sehr niedrigen behinderungspolitischen Entwicklungsniveau können für die letzten Jahren einige Reformen in der österreichischen Politik für Menschen mit Behinderungen konstatiert werden: die Schulintegration behinderter Kinder, die Entwicklung der universellen Pflegevorsorge, die Einführung neuer Beschäftigungs- und Assistenzformen sowie die Verabschiedung von Gleichstellungsrechten.

Es bestehen jedoch weitreichende Erkenntnislücken in Bezug auf die Fragen, auf welche Weise und aufgrund welcher Faktoren es zu Fortschritten in der Behindertenpolitik gekommen ist. Zudem gibt es Unsicherheiten, welche Rolle die AkteurInnen dabei gespielt haben. Eine eindimensionale Erklärung erscheint bei genauerem Hinsehen zu kurz gegriffen. In diesem Artikel soll nachgezeichnet werden, wie es zu sozialen Innovationen in der Behindertenpolitik gekommen ist und wie diese Innovationsprozesse abgelaufen sind.

Als soziale Innovationen werden neue Organisationsformen oder Regulierungen bezeichnet, die z.B. neue gesetzliche Maßnahmen oder neue Interaktions- und Organisationsformen im gesellschaftlichen Kontext hervorbringen. Wichtig dabei ist, dass sie von der Gesellschaft explizit als positiv eingeschätzt werden, somit durch die Reflektion zur sozialen Innovation werden. Handelnde AkteurInnen bei der Entstehung von sozialen Innovationen können z.B. der Staat, Individuen, Betriebe, VertreterInnen der Zivilgesellschaft wie Verbände, Vereine, lose oder institutionalisierte Interessensgruppen wie auch soziale Bewegungen sein. Zentrale Orte für soziale Innovationen weisen spezifisch geprägte Innovationskulturen auf: Sie sind von ihrer bevorzugten gesellschaftspolitischen Weltanschauung beeinflusst, in spezielle Innovationssysteme eingebettet und von speziellen Gruppen getragen. In der Analyse der Behindertenpolitik kristallisierten sich in den letzten Jahren zwei wesentliche „Innovationsfelder“, das Bundespflegegeldgesetz (BPGG) 1993 und das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) 2006 heraus, deren Entstehungsprozesse dann im Detail u.a. mit Hilfe von 14 ExpertInneninterviews analysiert wurden. Die Erforschung von politischen Willenbildungsprozessen wurde im Sinne der Disability Studies geplant und mit Hilfe der Grounded Theory durchgeführt.

Im Folgenden wird zuerst auf den Begriff Behinderung in den Disability Studies eingegangen und dann die Grundzüge der Behindertenpolitik in Österreich dargestellt. Anschließend wird anhand von Fallanalysen exemplarisch erläutert, wie die Willenbildungsprozesse bei der Entstehung des BPGG 1993 und des BGStG 2006 abgelaufen sind, welche Faktoren die Durchsetzung von sozialen Innovationen beeinflussten wie auch welche Rolle Interessengruppen von Menschen mit Behinderungen dabei spielten.

Angela Wegschneider

Dokumente zum Download

Beitrag_Wegscheider (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-03-04 14:26:54