„Warum liegen da fünf Gabeln am Tisch?“

30. Okt 2018

Momentum Mittagstisch mit Blaha, Biele Mefebue, Koza und Schwarzenbacher Wir haben die Momentum-Organisatorin und drei Track-ModeratorInnen gefragt: Redet ihr noch von „Klassen“? Braucht es Krisen, damit ein Klassengefühl entsteht? Und können mehr Bildung oder Repräsentation Klassengegensätze auflösen?

derMoment: Ihr arbeitet in ganz unterschiedlichen Bereichen. Hat für euch der Klassenbegriff überhaupt Relevanz?

Astrid Biele Mefebue: Ja und Nein. In der Diversitätsforschung arbeite ich mit verschiedenen Begriffen, beispielsweise „soziale Herkunft“, „Bildungsstatus“ und „Erwerbssituation“. Ich untersuche ja sehr stark, welche Rolle Distinktionen spielen, welche verschiedenen Machtverhältnisse und multiple Identitäten es gibt. „Klassenzugehörigkeit“ ist zwar Teil davon, aber sie ist als Kategorie mit anderen verschränkt.

Barbara Blaha: Ich fürchte, für viele hat „Klasse“ so einen Mief aus dem 19. Jahrhundert, es ist ein Begriff aus der rhetorischen Mottenkiste. Man traut ihm nicht zu, die Lebensrealitäten des 21. Jahrhunderts zu erfassen. Aber ich finde, trotz der Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft ist „Klasse“ der Begriff, der Machtgefälle am besten fasst.

Iris Schwarzenbacher: Bei Studierenden redet man ja oft davon, dass „ArbeiterInnenkinder“ noch immer die Minderheit an den Hochschulen sind. Und wenn man die selbst dann nach ihrer Identität fragt, fühlen die sich gar nicht als diese „ArbeiterInnenkinder“ angesprochen. Das ist ein Begriff, der für sie oft mit einem Stigma einhergeht.

Barbara: Diese Identität mit Stolz und Würde tragen, das tut kaum noch jemand.

Iris: Genau. Im Prinzip fehlt es uns an Begriffen, die einerseits Realitäten abbilden, die sich aber gleichzeitig dazu eignen, ein kollektives Bewusstsein, eine kollektive Identität herzustellen.

Markus Koza: Dieses Begriffsproblem haben wir auch als Gewerkschaft. Vom ökonomischen Standpunkt aus organisieren wir Klassen, das ist unsere Aufgabe. Aber Arbeitsrealitäten sind so heterogen, das fasst der Klassenbegriff nicht. Nicht alle ArbeitnehmerInnen haben dieselben Sicherheiten, nur mehr die Hälfte der Beschäftigen ist in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen. Und ob sich die Teilzeitkräfte, die prekär- JobberInnen, die Scheinselbstständigen mit den Vollzeit-Angestellten als eine gemeinsame Klasse sehen, ist fraglich.

Iris: Diese Heterogenität geht ja auch mit einem Gefühl von Vereinzelung und auf-sich-selbst- gestellt-Sein einher.

Barbara: Eben. Genau da stellt sich dann die Frage, wie man überhaupt so etwas wie Klassengefühl herstellen oder beflügeln kann. Ich hab das auch in meinem Betrieb gemerkt. Dort arbeiten viele Kultur schaffende, alle akademisch gebildet. Die denken sich: Was hab ich mit prekär Beschäftigten am Hut? Gewerkschaften, Betriebsräte – das passt gar nicht zu dem, wer ich bin und was ich tue. Es hat lange gedauert, bis wir einen Betriebsrat gegründet haben. Da brauchte es schon Fehler von Seiten der Geschäftsführung, damit die Belegschaft gesehen hat, dass sie sich organisieren muss.

derMoment: Sind also Unzufriedenheit und Krisen die Voraussetzung für dieses Klassengefühl, das Klassenbewusstsein?

Barbara: Zumindest ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Dieses Wissen, du wirst über den Tisch gezogen und das willst du verhindern. Das zu bekämpfen, ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Markus: Erfahrungsgemäß gründen Beschäftigte dann einen Betriebsrat, wenn sich Probleme ergeben, die sie nicht individuell lösen können oder wenn die Bude kurz davor ist, zuzusperren. Dann kommt der Drang, schnell aktiv zu werden. Die andere Variante ist: Es wird ein Betriebsrat gegründet, weil der Arbeitgeber ein Gegenüber zum Verhandeln braucht.

Iris: Krisenerfahrungen sind sicher relevant. Es ist ja kein Zufall, dass es in England gerade so viel Mobilisierungspotential gibt.

Barbara: Das stimmt. In kaum einem Land ist die Gesellschaft so stark nach Klassenunterschieden strukturiert wie in Großbritannien.

derMoment: Kann ein Mehr an Bildung Klassen überwinden?

Iris: Man kann mit Bildung sicher Klassengrenzen brüchiger machen. Aber die Interessensgegensätze bleiben ja bestehen. Mehr Bildung stärkt meine individuelle Position, aber es ändert nichts daran, dass es weiter Interessensunterschiede gibt.

Markus: Mit höherem Bildungsstand kannst du vielleicht bessere Bedingungen aushandeln, aber das Verhältnis an sich bleibt wie es ist. Ich glaube schon, dass Klassen auflösbar sind, aber nur unter der Voraussetzung, dass das System von Lohnarbeit, wie es derzeit organisiert ist, beendet wird. Das heißt letztlich kollektive Aneignung der Produktionsmittel wie es so schön heißt und die Demokratisierung der Wirtschaft.

Barbara: (lacht) Darüber reden wir schon ganz lange nicht mehr.

Markus: (lacht)Ich weiß – aber darüber müssen wir reden.

Astrid: Die Überwindung der Klasse im Sinne der kapitalistischen Produktionsverhältnisse oder die Überwindung der Klasse als Identitätskategorie, die mit sozialer Herkunft, Position im Beschäftigungssystem und beispielsweise Einkommen und Bildung verbunden ist? Aber wie ich mich auch auf die Aspekte von Klasse beziehe, hängt auch mit anderen Identitäten zusammen. Wenn ich davon ausgehe, dass Menschen multiple Identitäten haben, beispielsweise mit Blick auf Geschlecht oder Migrationserfahrung, Hautfarbe, Behinderungserfahrungen, usw.

Barbara: Selbst wenn wir es schaffen, so eine Kategorie zu überwinden: Ganz ankommen tut man nie. Dann sitzt du vielleicht bei einem Geschäftsessen und weißt nicht, warum da fünf Gabeln am Tisch liegen. Es holt dich einfach ein. Du sitzt immer zwischen den Stühlen.

derMoment: Muss man nicht angesichts von so viel Heterogenität diese ganzen Identitäten abbilden in Gewerkschaften und Parteien? Kommen die Massen, wenn die Vielfalt repräsentiert ist?

Markus: Ich glaube schon, dass Repräsentation was bringt. Die Frauenquote beim ÖGB zum Beispiel. Da hat sich etwas verändert, weil Frauen dort mehr teilhaben und Politik gestalten. Es ist inzwischen Gewerkschaftern peinlich, wenn in Gremien keine Frauen sitzen.

Barbara: Es gibt 2018 noch Gremien in denen keine Frauen sitzen?

Markus: Ja. GewerkschaftsfunktionärInnen müssen BetriebsrätInnen sein und da haben wir dann das altbekannte Problem, dass es immer noch Strukturen gibt, die das oft nicht oder schwer ermöglichen. Zum Beispiel ist es auch so, dass in Österreich MigrantInnen noch nicht lange als BetriebsrätInnen kandidieren dürfen. Sie hatten davor zwar ein aktives, aber kein passives Wahlrecht. Dafür mussten wir vor den EuGH gehen. Die gesellschaftliche Diversität in der Gewerkschaftsbewegung ist lange noch nicht ausreichend abgebildet. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt’s außerdem auch wenige organisierte LGBTQIA+ Gruppen in der Gewerkschaft. Das wäre wichtig, aber die Freiräume zur Selbstorganisation gibt es nicht.

Astrid: Ich glaube, Repräsentation ist ein Anfang aber keiner, der allein das Problem lösen kann. Wenn Frauen in machtvolle Positionen kommen, heißt das ja noch lange nicht, dass die sich besonders für die Situation von Frauen einsetzen. Aber ich finde es auch unangemessen, das von ihnen zu erwarten. Leute haben auch ein Recht darauf, eigene Priorisierungen zu haben. Die andere Frage ist aber auch: Was soll alles repräsentiert sein? Was müssen wir alles berücksichtigen und wer soll an welcher Stelle dann wieder nicht berücksichtigt werden? Und dann wird’s schwierig. Durch kleine Quoten für kleine Gruppen würden wir „Token“ schaffen. Damit machen wir Einzelne verantwortlich für „ihre“ Gruppe zum Beispiel Frauen, MigrantInnen, zu sprechen.

Barbara: Auf der anderen Seite und zum Abschluss: You can’t be what you can’t see. (KG, JT)

 

 

Astrid Biele Mefebue forscht und lehrt zum Thema Diversität an der Georg-August-Universität in Göttingen.

Barbara Blaha ist Leiterin des Momentum-Kongresses und Programmchefin eines Verlags.

Markus Koza ist Volkswirt und Bundessekretär der Gewerkschaft AUGE/UG.

Iris Schwarzenbacher ist Referentin für Bildungspolitik in der Arbeiterkammer.

 

Foto: Clemens Sauerwein

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