Wacker Konstantin: Freier Handel: Freiheit durch Wandel? Die Außenhandelstheorie auf dem Prüfstand: Die Visegrád-Staaten 1997-2005

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 5 „Freier Handel auf dem Prüfstand”

„Freier Handel: Freiheit durch Wandel? Die Außenhandelstheorie auf dem Prüfstand: Die Visegrád-Staaten 1997-2005”

1 Einleitung
Wenn Beschäftigung, Einkommen und Wirtschaftswachstum als ökonomische Aspekte von Freiheit angesehen werden, so ist laut (neo-)klassischer ökonomischer Theorie durch den Wandel zu freiem Handel ein positiver Effekt zu erwarten. Schließlich würde es einem Land durch Freihandel ermöglicht, sich auf die Produktion jener Güter zu spezialisieren, bei deren Produktion es Wettbewerbsvorteile genießt (vgl. Ricardo ([1817], 1996: 94f; Ohlin, 1931: 162f). Empirisch ist die Auswirkung von Handel auf Wachstum umstritten und scheint mit institutionellen Faktoren zusammenzuhängen (vgl. Herzer, 2009). Worum es in diesem Beitrag gehen soll, ist allerdings die Auswirkung von Handel auf Faktorpreise – nämlich Löhne – am Beispiel der Eingliederung der Visegrád Staaten (Polen, Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn) in den Europäischen Binnenmarkt.

Nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus keimte in vielen zentral- und osteuropäischen Ländern die Hoffnung nach einer sozialen wie politischen „Rückkehr nach Europa” auf (vgl. Segert, 2002: Kap. 1). Nach anfänglichen Rückschlägen für diese Hoffnung wurde mit den Europa-Abkommen ab 1991 ein wichtiger Grundstein für die in- stitutionellen Beziehungen zwischen den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL) und der Europäischen Union (EU) sowie für die Liberalisierung des Handels zwischen beiden gelegt. Die Bedeutung dieser Handelsliberalisierung drückt sich in einem deutlichen Anstieg der MOEL-Exporte von Fertigungsgütern in die EU zwischen Mitte der 1990er Jahre bis etwa 2003 aus. Der politische Annähe- rungsprozess gipfelte im EU-Beitritt der besagten Staaten am 1. Mai 2004.

Hat dieser Beitritt just am Tag der Arbeit den Wohlstand der arbeitenden Menschen in den MOEL erhöht? Die (neo-)klassische Außenhandelstheorie lieÿe das erwarten. Im folgenden werde ich ausführen, dass ich für diese Erwartung keine stichhaltige Evidenz finde und dass die (neo-)klassische Auÿenhandelstheorie wichtige institutionelle bzw. historische Aspekte sowie zugrundeliegende Prozesse ungenügend berücksichtigt. Dazu wird im folgenden Abschnitt diese Theorie näher beleuchtet. Abschließend umreiße ich, was das für die ArbeitnehmerInnen unter besonderer Berücksichtigung des Freiheitsbegriffes bedeuten kann.

Konstantin Wacker