Taucher Phillip: „AMS meets Jugendliche, Jugendliche meet AMS!”

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„AMS meets Jugendliche, Jugendliche meet AMS!”

Der vorliegende Beitrag behandelt das Verhältnis von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und dem Arbeitsmarktservice (AMS). Jugendliche mit Migrationshintergrund stehen bei der Suche nach Lehr- bzw. Lohnarbeitsstellen vor zahlreichen Herausforderungen, die es weder dem AMS leicht machen seine Zielvorgaben zu erfüllen, noch den Jugendlichen ihre persönlichen Ziele zu erreichen. Mit dem im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannten Forschungsansatz der Institutioneller Ethnographie wird die Beziehung zwischen dem AMS Jugendliche und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Wien exemplarisch beleuchtet. Ausgehend von Erzählungen der Jugendlichen über ihre Erfahrungen bei der Arbeits- und Lehrstellensuche werden jene Prozesse am AMS in den Blick genommen, die diese Erfahrungen regulieren. Der Beitrag reflektiert anhand dieser Thematik die Anwendung der Institutionellen Ethnographie auf wissenschaftstheoretischer und methodischer Ebene.

„Wir bohren richtig dicke Bretter!“ So kündigte Barbara Blaha im in einem Interview im Standard die Tagung, zu der wir uns hier eingefunden haben, an. (derStandard.at 10.08.2009) Mit dem Themenfeld von Migration und Freiheit haben wir uns für diesen Track ein mächtiges Brett aus Ebenholz ausgesucht. In meinen Beitrag, der im Rahmen meines aktuellen Diplomarbeitsvorhaben entstand, setze ich an einer Stelle des Brettes an, wo schon sehr viele Löcher bestehen und wo aktuell von vielen Seiten gebohrt wird. Innerhalb des Themenfeldes der Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund richte ich den Blick auf eine Institution – das Arbeitsmarktservice. Als Schnittstelle zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt, zwischen Lohnarbeitsangebot und -nachfrage und zwischen staatlicher Arbeitsmarktpolitik und der Lebenswelt von (potenziellen) LohnarbeiterInnen nimmt das AMS in Österreich eine zentrale Position in diesem Feld ein. Am Zugang zu Lohnarbeit und entsprechenden Einkommen verdichten sich auch Dynamiken von Migrations- und Integrationsprozessen. Insofern wohlfahrtsstaatliche Institutionen im Kapitalismus wesentlich die Aufgabe haben die Produktion mit genügend brauchbarer Arbeitskraft zu versorgen, fällt dem AMS in diesen Dynamiken eine wichtige Rolle zu. Jugendliche mit Migrationshintergrund befinden sich meist im Übergang in die Lohnarbeitswelt. Ein Übergang, der heute von Unsicherheit geprägt ist. Im deutschsprachigen Raum wird er fürJugendliche vor allem über das Lehrstellensystem geregelt. Doch dieses kann seiner Funktion heute wenn dann nur mit erheblichen Schwierigkeiten gerecht werden. Im Jahresdurchschnitt warteten 2008 auf jede freie Lehrstelle in Österreich 1,57 Lehrstellensuchende. In der Bundeshauptstadt ist die Situation besonders prekär. Dort kamen 2008 auf jede freie Lehrstelle 4 Lehrstellensuchende. (AMS 20.09.2009)

Aufgrund dieser besonderen Situation für Jugendliche auf Übergangsarbeitsmärkten in Wien, konzentriere ich mich in den folgenden Ausführungen auf die Bundeshauptstadt. Wien ist auch das Bundesland mit dem höchsten Anteil von Personen ohne österreichische StaatsbürgerInnenschaft bzw. mit Migrationshintergrund in Österreich. 28,5% der wiener Wohnbevölkerung weisen Migrationshintergrund auf. Die Türkei und die Nachfolgestaaten Jugoslawiens sind neben Deutschland die wichtigsten Herkunftsländer, wobei schon 50% der aus der Türkei und 32% der aus Ex-Jugoslawien stammenden Bevölkerung eine österreichische StaatsbürgerInnenschaft besitzt. Alte und neue EU-Mitgliedsstaaten sowie afrikanische und asiatische Länder gewinnen als Herkunftsländer an Bedeutung. (Waldrauch/Sohler 2004)

Rund 20% der Erwerbstätigen in Wien haben keine österreichische StaatsbürgerInnenschaft. Sie arbeiten vermehrt im Niedriglohnsektor und sind überdurchschnittliche von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund unterschiedet sich auch in ihrer Altersstruktur wesentlich von der Wiener Gesamtbevölkerung. Jugendliche (15 bis 29 Jahre) sind mit 22% (gegenüber 16% in der Wiener Gesamtbevölkerung) deutlich überrepräsentiert. (Biffl 2002) Das spiegelt sich auch in der Verteilung der SchülerInnen an Wiener Schulen wieder. Für 35% der SchülerInnen ist Deutsch nicht Muttersprache, wobei diese Gruppe an Pflichtschulen (Volksschule, Hauptschule, Polytechnikum) und Sonderschulen verstärkt anzutreffen ist. (Bock- Schappelwein 2004) Das niedrigere formale Bildungsniveau von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bildet neben der schwierigen Lehrstellensituation eine herausfordernde Voraussetzung für das

Verhältnis von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zum AMS.
In diesem Beitrag werde ich zuerst auf Basis von aktuellen Arbeitsmarktdaten und den Ergebnissen einer 2008 durchgeführten Erhebung über Jugendliche mit Migrationshintergrund am AMS Jugendliche in Wien auf die Ausgangssituation im Verhältnis zwischen diesen beiden AkteurInnen eingehen. Darauf folgend präsentiere ich ausschnittsweise aktuelle Studien zum Thema bevor ich die Problemstellung umreiße, die ich im Rahmen meiner Diplomarbeit bearbeite. Anhand von Beispielen aus der Feldarbeit gehe ich danach auf die wissenschaftstheoretische Grundlagen der von mir angewandten Methodologie des Institutionellen Ethnographie ein. Selbige beschreibe ich anhand des Forschungsdesigns meines Diplomarbeitsvorhabens. Als Abrundung des Beitrags diskutiere ich die Potenziale der Institutionellen Ethnographie für das von uns diskutierte Themenfeld.

Phillip Taucher

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Beitrag_Taucher (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-20 12:27:25