Stern Sandra: Mitgliedergewinnungsstrategien österreichischer Gewerkschaften

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track4&6 „Demokratische Antworten auf die Krise? Neue Arbeitswelt(en), Gewerkschaften und Wirtschaftsdemokratie”

„Mitgliedergewinnungsstrategien österreichischer Gewerkschaften

1. Einleitung
Gewerkschaften weltweit verlieren Mitglieder (OECD 2007). Auch österreichische Gewerkschaften sind seit den 1970er-Jahren mit massiven Mitgliederrückgängen konfrontiert. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind nicht mehr nur der Organisationsgrad1 österreichischer Gewerkschaften rückläufig – Rückgänge, die in den Jahren zuvor größtenteils mit dem stetigen Beschäftigungswachstum erklärt werden können – sondern auch die absoluten Mitgliederzahlen (vgl. Traxler/Pernicka 2007: 216f.). Lag der Netto-Organisationsgrad des ÖGB 1970 noch bei 57,7 Prozent, ist er bis ins Jahr 2006 auf 31,7 Prozent gesunken (vgl. OECD 2007). Die Hintergründe für diese dramatischen Mitgliederverluste sind in einem Großteil der westlichen Industrieländer ähnliche: Der Struktur- und Wertewandel der vergangenen Jahrzehnte stellt Gewerkschaften in Hinblick auf die Gewinnung neuer Mitglieder, deren Bindung und Mobilisierung vor zunehmend schwierige Rahmenbedingungen (vgl. Ebbinghaus 2006: 126f., Pernicka et al. 2007: 31, Brinkmann et al. 2008: 19f.). Die Auswirkungen dieser Mitgliederrückgänge hingegen unterscheiden sich aufgrund institutioneller und politischer Gegebenheiten je nach spezifischem Kontext der industriellen Beziehungen2 (vgl. Hyman 1994a: 10, Baccaro et al. 2003: 121). Dieser Befund legt die Vermutung nahe, dass sich die mitgliederbezogenen Strategien von Gewerkschaften nicht nur hinsichtlich der verschiedenen Länderkontexte, sondern auch innerhalb der nationalen Systeme der industriellen Beziehungen, etwa in verschiedenen unterscheiden (vgl. Hyman 2001: 1, Frege/Kelly 2003: 20, Turner 2004: 3, Pernicka et al. 2007: 31). Entsprechend nehmen wir an, dass die strategischen Antworten österreichischer (Teil- )Gewerkschaften auf anhaltende Mitgliederverluste variieren. Neben den genannten institutionellen und strukturellen Erklärungsfaktoren erwarten wir darüber hinaus, dass die Wahrnehmungen (Framing) und Handlungsmuster (inner)gewerkschaftlicher AkteurInnen einen Einfluss auf die Form und Richtung gewerkschaftlicher Strategien nehmen. Diese neo- institutionalistisch inspirierte Perspektive zielt nicht nur darauf ab, die bislang überwiegend strukturalistischen Konzeptionen gewerkschaftlicher Handlungsmotive theoretisch zu erweitern. Sie ermöglicht auch, etwaige Unterschiede gewerkschaftlicher Strategien unter strukturell und institutionell ähnlichen Kontextbedingungen zu fassen und zu erklären. In empirischer Hinsicht untersuchen wir die Strategien österreichischer Gewerkschaften zur Mitgliedergewinnung. Im Besonderen werden die Mitgliedergewinnungsstrategien zweier Gewerkschaften im Bausektor verglichen. Dabei sollen etwaige Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und mit den theoretischen Annahmen konfrontiert werden.

Der Aufsatz ist folgendermaßen gegliedert: Im Folgenden werden zunächst die Grundannahmen entwickelt. Das nächste Kapitel befasst sich mit dem sozioökonomischen und institutionellen Kontext, in den österreichische Gewerkschaften und deren Strategien eingebettet sind. Der vierte Abschnitt widmet sich der theoretischen Einbettung der Forschungsfragen. Dabei werden neoinstitutionalistische Organisationstheorien (Meyer/Rowan 1977, Scott 1994, Powell/DiMaggio 1991) und Strategic-Choice-Modelle (Cyert/March 1963, Child 1972/1997) sowie deren Konkretisierung in Hinblick auf industrielle Beziehungen (Kochan et al. 1986) sowie soziale Bewegungen (Frege/Kelly 2003) diskutiert. Daran anschließend werden die Fallauswahl und die verwendeten Methoden begründet. Abschnitt sechs stellt die Ergebnisse der empirischen Untersuchung vor und diskutiert diese, der abschließende Teil widmet sich den daraus ableitbaren Schlussfolgerungen.

Gewerkschaften reagieren strategisch auf externe Veränderungsprozesse (vgl. Pernicka/Holst 2007: 31) und können sowohl interne als auch externe Strategien entwickeln. Das bedeutet, Gewerkschaften können einerseits darauf abzielen, neue Mitglieder zu gewinnen und bestehende Mitglieder zu binden (interne Strategien) und andererseits können sie versuchen, die Organisationsumwelt im Sinne ihrer Zielsetzungen zu verändern (externe Strategien) (vgl. Pernicka et al. 2007: 33f.). Auch in Hinblick auf die Mitgliedergewinnung können sich Gewerkschaften für externe Strategien entscheiden, d. h., Gewerkschaften können das Ziel verfolgen, die Beitrittsbereitschaft potenzieller Mitglieder durch die Beeinflussung ihrer Umwelt – beispielsweise bei der Durchsetzung politischer Ziele auf gesetzlicher Ebene – zu erhöhen. Im Zentrum dieses Beitrags stehen ausschließlich interne gewerkschaftliche Strategien der Mitgliedergewinnung.

Um gewerkschaftliche Strategien bzw. gewerkschaftliches Handeln im Allgemeinen erklären zu können, sind strukturelle Faktoren von großer Bedeutung. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der strategische Fokus in der gewerkschaftlichen Mitgliedergewinnung primär vom institutionellen Kontext (z. B. duales System der industriellen Beziehungen, rechtlicher und kollektivvertraglicher Rahmen) und dessen strukturellen Ausprägungen abhängt (z. B. Existenz und gewerkschaftlicher Organisationsgrad von BetriebsrätInnen). Darüber hinaus spielen gewerkschaftliche Organisationsstrukturen (z.B. die Organisationsgröße, die Anzahl der hauptamtlichen MitarbeiterInnen) eine Rolle. Allerdings determinieren strukturelle Faktoren nicht den Weg, den Gewerkschaften einschlagen, um Mitglieder zu gewinnen (vgl. Dribbusch 2003: 24). Denn zur Bewältigung des gewerkschaftlichen Arbeitsalltags ziehen gewerkschaftliche AkteurInnen – mehr oder weniger bewusst – als selbstverständlich erachtete Routinen und Handlungsmuster (Meyer/Rowan 1977) heran.

Gewerkschaften sind darüber hinaus politische Organisationen, in denen verschiedene AkteurInnen mit unterschiedlich viel Macht ausgestattet sind. Strategien der Mitgliedergewinnung sind daher als gewerkschaftspolitische Entscheidungen zu analysieren. Es ist davon auszugehen, dass es individuellen AkteurInnen in politischen Organisationen kaum gelingt, ihre Strategien im Alleingang durch- bzw. umzusetzen. Vielmehr bedarf es mehrerer AkteurInnen, die über einen längeren Zeitraum kollektiv mit ausreichend organisationsinterner Macht ausgestattet sind, um strategische Entscheidungen treffen und gewerkschaftsintern umsetzen zu können. Die Grundvoraussetzung für die Entwicklung alternativer gewerkschaftlicher Strategien im Bereich der Mitgliedergewinnung ist daher die Existenz kollektiver AkteurInnen innerhalb einer Gewerkschaftsorganisation, die ein Problembewusstsein für den schwindenden Erfolg traditioneller Strategien entwickelt haben, dieses innerhalb der Organisation artikulieren und sich damit gewerkschaftsintern durchsetzen können. Für die Wahl gewerkschaftlicher Strategien ist letztlich entscheidend, wie gewerkschaftliche AkteurInnen das Problem des Mitgliederschwunds framen, d. h. wie Mitgliederverluste innerhalb von Gewerkschaftsorganisationen wahrgenommen, strukturiert und in welchem Kontext diese dargestellt werden (Frege/Kelly 2003). Denn strategische Entscheidungen finden zwar in einem bestimmten Rahmen von Anreizen und Einschränkungen statt, dennoch verfügen gewerkschaftliche AkteurInnen über die Fähigkeit, Themen und Probleme unterschiedlich einzuordnen (vgl. ebd.: 19). Das bedeutet, Strategien der gewerkschaftlichen Mitgliedergewinnung werden auch davon beeinflusst, wie gewerkschaftliche AkteurInnen Mitgliederverluste wahrnehmen. Ob eher kurzfristig angelegte Werbemaßnahmen gesetzt werden oder eine nachhaltige Mitgliederentwicklung angestrebt wird, hängt beispielsweise auch davon ab, ob Gewerkschaften das Ziel verfolgen, möglichst viele zahlende Mitglieder zu gewinnen, die Interessenvertretung primär als Dienstleistung betrachten oder ob sie versuchen auch solche Mitglieder zu werben, die in gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen selbst aktiv werden (können). Derartige Framing- Prozesse lassen auch Rückschlüsse auf gewerkschaftliche Identitäten und Kampfrepertoires (Repertoires of Contention) zu, d. h. über verfügbare und vertraute Formen kollektiven Handelns (vgl. McAdam et al. 2001, Frege/Kelly 2003: 20f.). Die konkreten Maßnahmen, die Gewerkschaften setzen, um neue Mitglieder zu gewinnen, hängen daher – neben der Betriebsratsdichte und dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Betriebsräte in einer Branche – auch von Problemwahrnehmungen und Interpretationsmuster gewerkschaftlicher AkteurInnen ab, die u. a. von der Gewerkschaftsidentität geprägt werden (vgl. Frege/Kelly 2003: 19f.).

Zusammengefasst gehen wir von folgenden Grundannahmen aus, die im Abschnitt „theoretische Perspektiven“ detailliert erläutert werden:

(1) Ob und falls, ja, in welcher Form Gewerkschaften auf anhaltende Mitgliederverluste strategisch reagieren, hängt von vielfältigen Faktoren ab.

(2) Neben dem Ausmaß der Mitgliederverluste werden in der Literatur insbesondere institutionelle (Systeme der industriellen    Beziehungen) und strukturelle (Machtverhältnisse, Gewerkschaftsstruktur, finanzielle  Ressourcenausstattung, Zusammensetzung der Mitgliederdomäne, etc.) Erklärungsfaktoren genannt (Hyman 2001, Frege/Kelly 2003 und 2004, Pernicka/Aust 2007, Holst et al. 2008).

(3) Daneben existiert ein – seit den späten 1990er Jahren im angloamerikanischen Raum entstandener – Forschungsstrang (Gewerkschaftliche Revitalisierungsforschung, vgl. Turner 2001; Silver 2003; Frege/Kelly 2003 und 2004; Brinkmann et al. 2008), der die Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster (Framing) der Gewerkschaften adressiert, um strategische Unterschiede zu erklären.

(4) Darüber hinaus schlagen wir eine um neoinstitutionalistische Annahmen erweiterte Perspektive vor, die Routinen, kognitive Schemata (inner)gewerkschaftlicher AkteurInnen und die Rolle institutioneller entrepreneurs (Meyer/Rowan 1977; DiMaggio 1988, DiMaggio 1991) in den Blick nimmt, um die oben genannten Framing-Prozesse auch innerorganisatorisch fassen.  Unterschiedliche gewerkschaftliche Strategien in einem identen System industrieller Beziehungen und unter ähnlichen strukturellen Bedingungen ließen sich in diesem Sinne auch auf die Wahrnehmungs- und Handlungsmuster mächtiger organisatorischer Akteure und AkteurInnengruppen zurückführen.

Um diese Grundannahmen zu überprüfen, werden zwei österreichische Gewerkschaften untersucht, die sich sowohl in ihrer Größe, ihrer Struktur, als auch ihrer Mitgliederdomäne und der damit zusammenhängenden Organisationskultur unterscheiden: die Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) und die Gewerkschaft Bau-Holz (GBH). Der Beitrag folgt einem qualitativen, methodischen Design, d. h., die aus der Theorie abgeleiteten Hypothesen werden anhand der empirischen Untersuchung auf ihre Relevanz und Brauchbarkeit hin untersucht. Die Aussagen über deren Gültigkeit beschränken sich jedoch auf die untersuchten Gewerkschaften, und können nur sehr eingeschränkt verallgemeinert werden. Der vorliegende Beitrag zielt vielmehr darauf ab, mögliche und existierende Gewerkschaftsstrategien und deren Bestimmungsfaktoren unter den gegebenen institutionellen Bedingungen in Österreich zu analysieren und damit einen Beitrag zur vertiefenden Theorieentwicklung zu leisten.

Sandra Stern

Dokumente zum Download

Beitrag_Stern (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-03-15 18:51:36