Schuster Evelyn: Über gesellschaftskritische Kompetenz

21. Feb 2013

Gesellschaftskritik ist einerseits Sache der Philosophie (etwa Walzer, Fraser, Honneth, O’ Neill) bzw. unterschiedlicher Formen kritischer Soziologie (von der kritischen Theorie bis Bourdieu, Boltanski ,Sennett, Dörre u. a.). Auf der anderen Seite zeigen nicht erst die Demonstrationen von Athen, Madrid, Barcelona und New York, dass der Protest gegen die gegenwärtige Verfassung der Gesellschaft keiner Theorie bedarf, sondern eine soziale Widerstandspraxis darstellt. Ich möchte mich in meinem Vortrag aus wissenschaftlicher und metatheoretischer Perspektive mit der Frage auseinandersetzen, was denn gesellschaftskritisches Wissen bzw. gesellschaftskritische Kompetenz ausmacht und welchen Standpunkt sie erfordert: den Standpunkt elitären, hoch spezialisierten Wissens und der dort einschlägigen Methoden oder den Standpunkt der Basis und des Alltagswissens, also die Sicht der Betroffenen und ihre unmittelbaren gesellschaftlichen Erfahrungen. Gesellschaftskritik bezieht sich meist auf bestimmte Aspekte sozialer Ungerechtigkeit, auf ökonomische Ausbeutung, Benachteiligung und Unterdrückung, erfolgt also im Hinblick auf moralische/evaluative Ideen oder universelle menschliche Ansprüche. Soll es darum gehen, die Berechtigung der Kritik aufzuweisen, d. h. darzulegen, dass sie nicht partikular oder unreflektiert ist, ist die Philosophie gefordert, die normativen Grundlagen der Kritik zu begründen. Auf der anderen Seite wird die Soziologie häufig als eine kritische Wissenschaft verstanden, die seit ihren Anfängen das Projekt verfolgt hat, mit soziologischem Wissen aufzuklären und damit inakzeptable gesellschaftliche Zustände als nicht naturgegeben, sondern als veränderbar ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Sowohl das Wissen um normative Grundlagen als auch soziologisches Aufklärungswissen stellen jedoch Expertinnenwissen dar, womit gegenüber dem Alltagswissen der Akteurinnen ein Erkenntnisprivileg unterstellt wird (etwa Kritische Theorie, Bourdieu) und auch eine paternalistische Einstellung gegenüber der Basis zum Ausdruck kommt. Der Vortrag hat das Ziel, die Voraussetzungen und Möglichkeit wissenschaftlichen Wissens darzulegen und und zu zeigen, in welchem Verhältnis Elitenwissen und Alltagswissen zueinander stehen, wenn Gesellschaftskritik einerseits sachhaltig und begründet sein soll, andererseits den Ansprüchen der Basis genügen kann.

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Autorin 2013-02-21 20:16:48

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Autorin 2013-02-21 20:16:26