Schröttner Barbara: Indiens pluralistische Demokratie in globalisierten Zeiten

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 9 „Bildung und Demokratie”

„Indiens pluralistische Demokratie in globalisierten Zeiten”

Wir leben gegenwärtig in einer Zeit des globalen Wandels. Betrachtet man die Situation des unabhängigen Indiens näher, welche in den vergangenen Jahren im Blickpunkt meines Forschungsinteresses stand, sind in dieser größten Demokratie der Welt gewaltige Veränderungen beobachtbar. Seit Dezember 2008 befinde ich mich im Rahmen meiner Habilitationsforschung in Indien (bis Mai 2009) und kann mich persönlich von den großen Umgestaltungen, die derzeit in der indischen Republik vor sich gehen, überzeugen. Bereits seit 1993 besuche ich in regelmäßigen Abständen privat oder zu Forschungszwecken den Subkontinent.

Indien erscheint vielen seiner BesucherInnen oft als chaotisch, unfähig und scheinbar ziellos. Es ist allerdings zu bedenken, dass alle konvergierenden Einflüsse der Welt – hinduistische, muslimische, christliche, säkulare, gandhianische, liberale, sozialdemokratische und maoistische – auf den Subkontinent einwirken. Die Indische Union verbindet auf einer Fläche von der Größe Europas eine soziale und kulturelle Vielfalt, die diejenige Europas in hohem Maße übertrifft und eine einzigartige Sozialstruktur hervorgebracht hat. In Indien existiert alles in zahllosen Varianten – es gibt keinen Einzelmaßstab, kein festes Stereotyp, keine fixe Ideologie, keinen singulären Weg. Daher ist es kaum möglich, von Indien nicht im Plural zu sprechen – als „viele Indien“ (Tharoor, 2005: 27ff.).Indien wird stets als ein Land der Kontraste beschrieben: In Indien leben, nach Japan, die meisten Milliardäre während der Großteil der Bevölkerung sein Leben in Armut fristet; Hangars für Weltraumraketen stehen neben leeren Wasserleitungen; und neben dem Atommeiler wird der Boden mit dem Holzpflug bearbeitet. Die größte Demokratie der Welt steht überdies längst an der Weltspitze in der Informations- technologie und strebt selbstbewusst den Status einer Supermacht des Wissens an. Während auf dem Subkontinent jedoch das drittgrößte Reservoir der Welt an TechnikerInnen, IngenieurInnen und InformatikerInnen entsteht, kann mehr als ein Drittel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben (Ihlau, 2006: 8f.). Aus diesem Grunde benötigt Indien künftig vermehrt Investitionen in die Grundbildung und die dafür nötige Infrastruktur, (Aus-)Bildungsmöglichkeiten außerhalb der Spitzenuniversitäten sowie Arbeitsplätze abseits der Softwarelabore (Muscat, 2006a: 1).

Die Auseinandersetzung der AkteurInnen der Unabhängigkeitsbewegung mit der britischen Kolonialmacht hat bei den indischen Eliten ein westliches Verständnis von Demokratie, Staat und Institutionen nachhaltig verankert (Wagner, 2006: 2). Somit wurde in Indien bereits zu einer Zeit, in der sich in den meisten Entwicklungs- ländern autoritäre Regierungsmodelle entwickelten, eine funktionierende Mehrpar- teiendemokratie geschaffen. Indien ist bis heute eine – oft ungebärdige, eigen- sinnige, korrupte, vielleicht auch unfähige – pluralistische Demokratie geblieben. Die indische Republik hätte jedoch kaum als nicht pluralistischer Staat überleben können, denn der Pluralismus ist eine Realität, der aus der Natur Indiens selbst hervorgeht, durch die Geographie des Landes erforderlich ist und durch die eigene Geschichte bestätigt wird, schreibt der bekannte indische Schriftsteller und Politiker Shashi Tharoor (2005: 29f.).

Die Indische Union wird oft als funktionierende Anarchie beschrieben, dennoch gilt das politische System, gemessen an seinen Ausgangsbedingungen und Herausforderungen, als vergleichsweise erfolgreiches Modell. Die Leistung Indiens besteht insbesondere darin, in einer mulitethnischen Gesellschaft und unter der Bedingung von Massenarmut ein dauerhaft gefestigtes demokratisches Regime etabliert zu haben. In der indischen Bevölkerung gibt es eine vergleichsweise hohe Zustimmung zu den demokratischen Institutionen und die wichtigsten AkteurInnen im Machtranking, wie beispielsweise die Armee, haben die formellen und informellen Spielregeln des demokratischen Wettbewerbs akzeptiert (Wagner, 2006: 2). Die Stabilität der indischen Demokratie kann somit als eines der weltweit erstaunlichsten politischen Phänomene der vergangenen 60 Jahre beschrieben werden, denn Indien hat sich seit der Unabhängigkeit des Landes 1947 – abgesehen vom Ausnahmezustand („State of Emergency“) Mitte der 1970er Jahre unter Indira Gandhi – kontinuierlich weiterentwickelt. Ferner hat die Demokratie die ethnische Vielfalt des Landes am Leben erhalten und immer wieder als Ventil für die Frustrationen gegenüber der Lethargie des Staats bei der Armutsbekämpfung gewirkt (Imhasly, 2006: 2). Die weit verbreitete Massenarmut sowie die gesellschaftliche Heterogenität Indiens galten zu Beginn der Unabhängigkeit als Hindernis für eine demokratische Entwicklung. Jedoch gerade die einst als Nachteil wahrgenommene Vielfalt wurde einer der Erfolgsgaranten für die demokratische Entwicklung. Indien ist heute politisch eine Minderheitsgesellschaft, da die Mehrheit der Hindus keine einheitliche politische Gruppe bildet und durch verschiedene Sprachen und regionale Kastenstrukturen voneinander getrennt ist. Diese Zersplitterung der hinduistischen Gesellschaft fördert die Notwendigkeit des politischen Kompromisses und einer zentralistischen Politik (Wagner, 2006: 2).

Auf den ersten Blick entspricht das politische System Indiens kaum den westlichen Vorstellungen von Demokratie, denn während seit der Unabhängigkeit bislang 14 Parlamentswahlen mit einer durchschnittlichen Wahlbeteiligung von 60 Prozent stattgefunden haben, prägen politische Dynastien, weit verbreitete Armut, Korruption und ein hohes Maß an Gewalt zwischen Religions- und Kastengruppen das Bild des Subkontinents (Wagner, 2006: 2). Indiens Demokratie ist somit einerseits einer der Gründe der gesellschaftlichen und politischen Stabilität des Landes, sie ist jedoch andererseits paradoxerweise auch dafür verantwortlich, dass der Staat oft zu schwach ist, um die Gefahren einzudämmen, die den Cocktail aus Ethnizität, Armut und demokratischem Anspruch in großer Zahl erzeugen. Während die föderalistische Struktur der indischen Republik letztlich ein Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft ist, macht sie es dem Zentralstaat jedoch gleichzeitig schwer, die innere Sicherheit des Landes zu garantieren. Armut, Arbeitslosigkeit, Vielfalt und demokratische Rechte können sich daher jederzeit zu einem explosiven Gemisch verbinden und so gibt es auf dem Subkontinent gegenwärtig nur wenige Bundesstaaten, in denen es keine bewaffneten Untergrundgruppen gibt. Einige Staaten im Nordosten des Landes (Manipur, Tripura, Nagaland, Assam) beispielsweise leben bereits seit der Unabhängigkeit Indiens in einem Guerillakriegszustand. Die große Mehrheit der Rebellenbewegungen holt sich ihre politische Legitimation aus dem (oft uneingelösten) demokratischen Anspruch des Landes und schöpft das emotionale Potenzial ihres Kampfs aus der Armut und der ethnischen Gefährdung ihrer AnhängerInnen (Imhasly, 2006: 2).

Indiens kulturelle, politische und wirtschaftliche Situation ist gegenwärtig zunehmend durch Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse in einer Zeit von Neokolonialismus, Globalisierung und Trans-Nationalismus beeinflusst. Die Weltgemeinschaft muss derzeit verstärkt zur Kenntnis nehmen, dass mit Indien ein Koloss heranwächst, der künftig das Weltgeschehen wirtschaftlich und wahrscheinlich auch politisch in hohem Maße mitbestimmen wird (Ihlau, 2006: 9). Beobachtbar ist, dass das heterogene Land durch die positiven ökonomischen Prognosen an Selbstbewusstsein gewinnt. Die Prognosen weisen darauf hin, dass sich Indien im 21. Jahrhundert zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt entwickeln wird (Boecker, Debroy, Wieck, 2005: 10). Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time bezeichnete Indien in einer Titelgeschichte bereits als die nächste ökonomische Supermacht (Ihlau, 2006: 8). Die Frage lautet, ob sich die Indische Union zur Weltmacht erheben kann bzw. was ein Land zur Weltmacht macht. Ist es Indiens demokratisches System? – das Land gilt als größte Demokratie der Welt; die EinwohnerInnenzahl? – 2050 wird Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde sein; die militärische Stärke? – die indische Union besitzt die viertgrößte Armee der Welt; die atomare Schlagkraft? – der Subkontinent weist seit 1998 den Status einer Nuklearmacht auf; die zunehmende Globalisierung und das Wirtschaftswachstum? – die Kaufkraftparität ist enorm und die Wachstumsraten sind beeindruckend; oder ist es eine Kombination aus allem? (Tharoor, 2005: 24f.).

Barbara Schröttner

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AutorIn Momentum 2011-05-20 14:09:53