Sauer Petra, Völkerer Petra: Schafft Bildung sozialen Zusammenhalt?

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 9 „Bildung und Demokratie”

„Schafft Bildung sozialen Zusammenhalt?”

Einleitung
Wirtschaftswachstum erhöht Einkommen und Beschäftigung. Offen bleibt allerdings, wer in welchem Ausmaß davon profitiert und wer in einem Abschwung der/die Betroffene ist. Die kapitalistischen Entwicklungen haben gezeigt, dass der wirtschaftliche Erfolg meist nur einem geringen Teil der Gesellschaft zu Gute kommt, während ein verhältnismäßig großer Teil der Gesellschaft die Lasten einer Krise zu tragen hat.

Ein hoher Bildungsstand der Bevölkerung und hohe Qualität im Bildungssystem sind u.E. in der Lage, diesen bestehenden Konflikt zu vermindern bzw. zu beseitigen. Denn einerseits garantiert ein höheres Bildungsniveau dem/der Einzelnen ein höheres Einkommen. Es vermindert das individuelle Risiko der Arbeitslosigkeit und der Armutsgefährdung. In einem globalisierten, sich rasch ändernden Umfeld und vor allem in Zeiten der Krise dient Bildung daher als „a-priori“ Auffangnetz. Andererseits glätten die resultierenden Einkommenssteigerungen über große Teile der Bevölkerung hinweg die Verteilung. Zusammen mit einer durch Bildung erreichbaren, allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingungen stärkt dies den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft. (vgl. Bock-Schappelwein 2009: S.2)

Wir, die Autorinnen, wollen der Frage nachgehen, inwieweit die Art und Weise, wie der Zugang zu Bildung in einer Gesellschaft verteilt ist, den sozialen Zusammenhalt beeinflusst, i.e. ihn stärken oder schwächen kann.

Motivation
Westliche Demokratien werden häufig als „Meritokratien“ bezeichnet. Meritokratie besagt, dass an die Stelle von ‚geerbten’ Reichtümern und Machtstellungen eine Struktur von durch (Bildungs-) Leistung ‚verdienten’ Ungleichheiten getreten sei (vgl. Netter/Schweitzer/Völkerer, 2008, S.480). Doch zahlreiche Publikationen widersprechen dem meritokratischen Aspekt in Österreichs Schulsystem. Holczmann und Kührer zeigen bspw. in ihren Auswertungen des EU-Silc erneut, dass die Bildungsressourcen der Eltern maßgeblich auf die Bildungsentscheidungen der Kinder einwirken, Bildungsabschlüsse also intergenerational vererbt werden und das österreichische Schulsystem dadurch eine stark ausgeprägte Selektivität aufweist. „Gerade die niedrigeren Bildungserwartungen bildungsferner Schichten an ihre Kinder sind bezeichnend für die geringe Bildungsmobilität des österreichsischen Schulsystems […] In den letzten 40 Jahren kann keine signifikante Aufwärtsmobilität zwischen den Bildungsabschlüssen der Eltern und jenen ihrer Kinder festgestellt werden.“ (Holczmann/Kührer, 2008, S. 106) Die Autorinnen zeigen weiters die enge Verknüpfung von Bildungsressourcen und Armutslagen und erkennen eine deutliche Armutsspirale. (ibd, S.112)

Wenn höhere Bildung nur wenigen zugute kommt, durch Vererbung quasi Elite(n) reproduziert, dann steht sie aber gerade im Spannungsverhältnis zu demokratischem Denken – weit entfernt von meritokratischen Weihen. Wie soll also ein Schulsystem in einer Demokratie verfasst sein? „Man würde meinen, so wie es in einer Demokratie für alle ein gleiches Wahlrecht gibt, für alle gleiche Gerichte, Ämter u. dgl. sollte es auch für alle gleiche Bildung geben. Das ist gewissermaßen die unterste liberale Latte.“ (Völkerer/Schneider,2009, S.81) Egalitäre Bildungskonzeptionen würden darüber hinaus noch darauf achten, dass Ungleiche(s) nicht gleich behandelt wird, sondern gleichwertig, um so von einer liberalen „Ausgangsgerechtigkeit“ hin zu einer „Ergebnisgerechtigkeit“ im Bildungswesen zu gelangen.

Hypothese
Schulsysteme, welche bestehende, ungleiche soziale Strukturen verfestigen führen zu geringer Verteilungsgerechtigkeit, höherer Armut und somit zu geringem sozialem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Hingegen stärken egalitäre Schulsysteme, welche sowohl Ausgangs- als auch Ergebnisgerechtigkeit gewähren, den sozialen Zusammenhalt, in dem sie die Gleichmäßigkeit der Verteilung fördern und Armut reduzieren.

Als Maß für die Gerechtigkeit eines Schulsystems dient uns die Verteilung von Bildung innerhalb einer der Gesellschaft von Volkswirtschaften. Im speziellen betrachten wir die Zahl der Personen mit Pflichtschul-, Sekundar- oder Tertiärabschluss. Die „Online Education Database“ der OECD stellt Daten über vielfältige Aspekte von Bildung für 30 OECD Länder und 6 Partnerländer zur Verfügung. Für die Klassifikation in egalitäre und elitäre Schulsysteme verwenden wir den Indikator der Verteilung der 25 bis 64-jährigen Bevölkerung bezüglich des höchsten erreichten Bildungsniveaus.

Ein elitäres Schulsystem wird durch viele Pflichtschul- und wenige Tertiärabschlüsse gekennzeichnet sein, was bedeutet, dass der Zugang zu hoher Bildung einigen, wenigen Gesellschaftsmitgliedern vorbehalten ist. Hingegen deutet eine eher gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung auf die unterschiedlichen Bildungsniveaus auf ein gerechtes, egalitäres Schulsystem, da dies darauf hinweist, dass jeder und jede über die gleichen Möglichkeiten im Zuge seiner/ihrer Schullaufbahn verfügt bzw. bestehende Ausgangsunterschiede (i.e. Ergebnisgerechtigkeit) sogar ausgeglichen werden.

Unserer Fragestellung folgend setzen wir die erlangten Ergebnisse aus der Einordnung der Länder, hinsichtlich ihrer egalitären oder elitären Strukturen, in Verbindung mit Größen, welche den sozialen Zusammenhalt abbilden sollen (z.B. Armutsgefährdungsrisiko, Maße der personellen und funktionalen Einkommensverteilung, Grad der Umverteilung, Arbeitslosenquoten, politische Partizipation, soziale Dienstleistungen, wie etwa Kinderbetreuungsquoten, Frauenerwerbsquote) Auch diese Daten werden der OECD Datenbanken entnommen.

Ziel des Projekts
Anhand der OECD Datenbank soll das Bestehen bzw. das Fehlen von Ausgangs- und Ergebnisgerechtigkeit in den Schulsystemen dem sozialen Zusammenhalt in 30 OECD Ländern gegenüber gestellt werden. Hierzu erfolgt die Klassifizierung in elitäre und egalitäre Schulsysteme. Die Ergebnisse dieser Gegenüberstellung sollen uns zu der Beantwortung unserer Forschungsfrage, inwieweit Bildung die Schaffung von sozialem Zusammenhalt in einer Gesellschaft ermöglicht, führen.

Petra Sauer, Petra Völkerer

Dokumente zum Download

Beitrag_Sauer_Völkerer (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-20 14:15:36