Rede

„Die Forderung nach Gleichheit bedarf keiner Begründung.“

Momentum11 Eröffnungsrede von Barbara Blaha

Den Ausgangspunkt unserer Kongressreihe bilden traditionell Fragen. Am Beginn unserer heurigen Zusammenkunft unter dem Thema „Gleichheit“ soll eine Feststellung stehen. Sie lautet: Die Forderung nach Gleichheit bedarf keiner Begründung! Sie lautet weiters: Das Gleichheitsprinzip zu verraten war der schwerste Fehler, den die europäische Linke je begangen hat. Und die Feststellung lautet drittens: Wir müssen die Gleichheit erhobenen Hauptes fordern, in unserer wissenschaftlichen wie in unserer politischen Arbeit. Die Gleichheit ist und muss Kompassnadel unseres Tuns sein.Wenn ich feststelle, dass Gleichheit keine Begründung braucht, dann habe ich meinen kleinen Sohn und seine Freundinnen und Freunde vor Augen: Wenn Kinder einen Kuchen teilen und alle bekommen gleich große Stücke, dann bedarf das keiner Erklärung. Rechtfertigen muss sich ganz im Gegenteil jemand, der für sich mehr als für andere beansprucht. Kinder akzeptieren das Prinzip der Gleichheit ganz selbstverständlich, lehnen sie sich aber instinktiv auf, wenn sie Ungleichheit beobachten. In ihrem Verhalten, in ihrem Wunsch nach Gleichheit manifestiert sich der älteste überlieferte Menschheitstraum, der nicht nur alle Emanzipationsbewegungen beflügelt hat, sondern der auch die wichtigste ethische Norm von Kulturen über den ganzen Erdball hinweg bildet: Was du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu. Dieses Gebot eint Judentum, Islam und Christentum mit fernöstlichen, afrikanischen und indigenen Kulturen. Die Erkenntnis der prinzipiellen Verletzlichkeit schließt den Gleichheitsgedanken ein: Mein Schmerz wiegt so viel wie jeder andere. Nennen wir diesen Umstand die sozialpsychologische Dimension von Gleichheit. KritikerInnen werden anmerken, dass ebenso stark wie der Wunsch nach Gleichheit der Wunsch nach Unterscheidbarkeit im Menschen angelegt ist. Aber dabei handelt es sich um eine bewusste oder unbewusste Verirrung der Begriffe: Wenn wir von Gleichheit sprechen, dann meinen wir die Gleichwertigkeit, nicht die Gleichartigkeit von Menschen. Dann stehen auch Individualismus und Gleichheit in keinem Widerspruch, im Gegenteil: Die Gleichheit ist die Grundbedingung für die Entfaltung aller.
Eine zweite Dimension der Gleichheit ist das Materielle. Wenn wir heute feststellen, unsere Gesellschaft sei ungleicher geworden, dann ist unser Referenzpunkt das Westeuropa der 60er und 70er Jahre. Es erscheint vielen als das goldene Zeitalter: Aufschwung, Wohlstand, Umverteilung. Aber bei allen unbezweifelbaren Erfolgen des keynesianischen Nachkriegbooms – die Parole „alle können es schaffen“ hat schon damals genauso wenig gestimmt wie heute. Natürlich: Ausbau des Sozialstaates, und Bildungsexpansion haben die Gesellschaft tatsächlich gleicher gemacht. Aber sie war schon damals weit davon entfernt, auch tatsächlich gleich zu sein. Die soziale Selbstverortung seit den 1970ern verlief stringent: Seit den 1990ern verorten sich bei Umfragen regelmäßig zwei Drittel bis sogar drei Viertel in der „Mittelschicht“, die restlichen 25 bis 30 Prozent wähnen sich als Angehörige der „Oberschicht“. Entgegen allen Kennzahlen schien sich die Gleichheitsverheißung also in der „Mittelschicht“ zu materialisieren. Eines kann man der gegenwärtigen Krise zugutehalten: Mit dieser Illusion räumt sie gerade gründlich auf.
Lag der Anteil der Löhne am Volkseinkommen in den 70ern bei uns noch bei 72 Prozent, sind es jetzt nur mehr 56 Prozent. Tendenz fallend. Genau umgekehrt verhält es sich mit den vermögensbezogenen Steuern: Noch zu Beginn der 1990er haben die Reichen noch immerhin 5 Prozent zum Steueraufkommen beigetragen. Mittlerweile ist es gerade noch ein mickriges Prozent. Dass die Zahlen in anderen Ländern vorläufig noch drastischer sind ist ein kleiner Trost: 2011 gab jede fünfte US-Amerikanerin, jeder fünfte US-Amerikaner an, Schwierigkeiten zu haben, Geld für ausreichend Nahrung zusammenzubekommen. Die Armutsquote ist so hoch wie zuletzt 1965, das durchschnittliche Einkommen einer Familie ist unter das Niveau von 1997 gesunken. In Griechenland hat fast die Hälfte der Arbeitsfähigen unter 35 Jahren hat keinen Job. Die, die noch einen haben, erwirtschaften damit gerade noch 65 Prozent ihres Lohns vor der Krise. Die immense psychische Belastung kann man sich kaum ausmalen: Die Selbstmordrate ist allein gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent gestiegen. Der griechische Ministerpräsident Georgio Papandreou meinte anlässlich des landesweiten Streiks vor wenigen Tagen: „Wir müssen durchhalten in diesem Krieg als Volk, als Regierung, als parlamentarische Gruppe, für das Land, um ihn zu gewinnen.“ Angesichts der eben zitierten Zahlen, die sich ähnlich dramatisch jetzt schon in Spanien und in Portugal wieder finden, stellt sich die berechtigte Frage, wer hier eigentlich gegen wen Krieg führt.
Und wiegen wir uns nur ja nicht in Sicherheit: Es geht schon längst nicht mehr „nur“ um einige wenige schlecht Ausgebildete. Ökonomische Unsicherheit als Selbstverständlichkeit im Lebenslauf ist auch einige Sprossen weiter oben auf der Bildungsleiter angekommen. Denken wir nur an die „educated poor“, junge, gut ausgebildete Menschen, für die der ökonomische „Fortschritt“ Hoffnungen und Lebenspläne in unerreichbare Utopien verwandelt hat.
Dass uns die 70er heute vorkommen wie das Land, in dem Milch und Honig floss, zeigt also nur zweierlei: wie himmelschreiend die Ungerechtigkeiten der Gegenwart sind; und wie verheerend es ist, vom Wert der Gleichheit abzugehen. Das nämlich war in den 1970ern tatsächlich noch besser: Die Sozialdemokratie hatte die Gleichwertigkeit von Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Umverteilungspolitik gemacht. Wer sozialdemokratisch wählte, konnte schrittweise auf mehr Gleichheit hoffen. Dem ist nicht mehr so, die soziale Schere geht rasant auseinander. Was die Menschen also noch motivieren könnte, wäre die Hoffnung. Aber seit Gleichheit auch programmatisch nur noch die Gleichheit der Chancen ist, und die Verantwortung für das materielle Endergebnis dieser verlogenen Chancengleichheit auf das Individuum überwälzt wird, ist mit der Hoffnung die Begeisterungsfähigkeit dahin.
Dass die Begeisterungsfähigkeit, sich in den politischen Prozess einzubringen sinkt und stattdessen ein allgemeines Ohnmachtsgefühl um sich greift, hat mit der dritten Dimension von Gleichheit – oder eben Ungleichheit – zu tun: der Politischen. Politische Partizipation setzt Wissen voraus. Aber wie gut soll ich mich informiert fühlen, wenn zentrale Figuren des gegenwärtigen Krisenmanagements wie Jean Claude Trichet öffentlich der Ansicht sind, die Wahrheit über die tatsächlichen Dimensionen der Krise sei der Bevölkerung nicht zumutbar. Eben jener Trichet, der noch im Juni gescholten wurde, als er in seiner Karlspreis-Rede vorschlug, eine europäische Wirtschaftsregierung einzusetzen (!) die wirtschaftspolitisch den Parlamenten Vorgaben machen könne und der sich keine drei Monate später mit dieser antidemokratische Haltung im Mainstream angekommen weiß.
Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen warum getroffen werden – und wem sie am Ende des Tages tatsächlich nützen – ist für die Mehrheit der Menschen kaum noch nachzuvollziehen. Was übrig bleibt im medialen Dauerfeuer, sind die Durchhalteparolen der Eliten. „Wir müssen nun alle den Gürtel enger schnallen“,  uns stünden „harte Zeiten bevor“. Zähne zusammen beißen, Kopf einziehen. Dulden und Durchhalten statt Information und Mitbestimmung. Jens Jessen ist nichts hinzuzufügen wenn er sagt: „wo stumme Duldung die einzig empfohlene politische Haltung ist, da hat […] das Politische keine demokratische Adresse mehr.“ Wenn ein so bestimmender Bereich wie die Wirtschaft der politischen Gestaltungskraft nachhaltig entzogen wird, entpuppt sich das Gerede von der Demokratie als leeres Geschwätz. Das gilt selbstverständlich nicht nur für die europäische Ebene, sondern auch für die nationale: Wenn wir das Demokratie- Informations- und Gerechtigkeitsdefizit der europäischen Institutionen kritisieren müssen wir doch auch fragen: Wie konnte es so weit kommen? Und wie kann sich das noch weiter verschärfen, ohne, dass geharnischter Protest laut würde? Wo ist unsere gewählte Volksvertretung?
Was bleibt, ist Unbehagen. Jeder Dritte glaubt nicht mehr daran, dass die Politik in der Lage ist, Probleme zu lösen, beinahe jeder Zweite stellt die repräsentative Demokratie in Frage, wie aktuelle Zahlen für Deutschland belegen. Das kann man den Menschen nicht verdenken. Demokratie ist die Durchsetzung des Mehrheitsinteresses. Wie Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte des französischen Revolutionsparlamentes schon festgehalten hat: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten. Soziale Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein.“ Der Abbau von Sozialen Rechten ist per se antidemokratisch. Die Behauptung, die derzeitigen Brutalitäten gegen die Bevölkerungsmehrheit seien alternativlos, ist ebenso antidemokratisch. Das bloße Exekutieren kann wohl tatsächlich der sprichwörtliche „starker Mann“ besser. Wenn ich im Amtsblatt der Republik, der Wiener Zeitung, Sätze lese wie: „Ein europäischer Finanzminister, der in die Budgetstruktur von Staaten eingreifen kann? Her damit. Da würde bei der heimischen Staatsreform endlich was weitergehen. Die EU-Kommission, die öffentliche Ausgaben abstimmt und auf effizienten Einsatz schaut? Wunderbar.“ Dann werde ich zur Zeugin der moralischen, politischen und ökonomischen Selbstentleibung der Republik. Hier wird schließlich auch in meinem Namen nach jemandem verlangt, der auf mich und meine Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen soll. Das ist der einzige Gleichheitsbegriff, den der Neoliberalismus kennt: Die Gleichheit der Entrechteten und Ausgepressten.
Um nochmals Jessen zu Wort kommen zu lassen: „Eine Demokratie, die eine große Macht, die alle gängelt, nicht beherrschen kann, ist das Papier nicht wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt ist.“
Das demokratische Wahlrecht ist die wesentlichste egalitäre Errungenschaft. Ein Mensch, eine Stimme. Im Wahlrecht wird es deutlich, das Prinzip der Gleichheit als kraftvollstes Motiv der Moderne.
Wir werden hier in den nächsten vier Tagen weder der Krise Einhalt gebieten, noch die Welt neu erschaffen, so bitter notwendig beides wäre. Geschenkt.
Unsere Aufgabe ist es, der Lethargie, der Verzagtheit, der Sprachlosigkeit und der Lüge von der Alternativlosigkeit einen Ort der harten inhaltlichen Auseinandersetzung entgegensetzen. Einen Ort der Standpunkte und Überzeugungen. Es gibt schlicht keine Situation ohne Alternativen. Genau hier beginnt jede Politik – und hier beginnt unsere Arbeit. Wir sind das Subjekt der Veränderung, um ein großes, der Gleichheit verpflichtetes Werk zu zitieren, nämlich die Verfassung der Vereinigten Staaten: We the people […] promote the general welfare and secure the blessings of Liberty.“ Wir fordern zu Recht, dass die Politik unsere Interessen, die Interessen der Mehrheit,  endlich wahr nimmt. Aber das müssen wir auch selbst tun. Wir müssen den allgemeinen Wohlstand selbst aktiv anstreben und die Segnungen der Freiheit selbst lautstark fordern. Wir Gleichen. We, the people…

Den Ausgangspunkt unserer Kongressreihe bilden traditionell Fragen. Am Beginn unserer heurigen Zusammenkunft unter dem Thema „Gleichheit“ soll eine Feststellung stehen. Sie lautet: Die Forderung nach Gleichheit bedarf keiner Begründung! Sie lautet weiters: Das Gleichheitsprinzip zu verraten war der schwerste Fehler, den die europäische Linke je begangen hat. Und die Feststellung lautet drittens: Wir müssen die Gleichheit erhobenen Hauptes fordern, in unserer wissenschaftlichen wie in unserer politischen Arbeit. Die Gleichheit ist und muss Kompassnadel unseres Tuns sein.Wenn ich feststelle, dass Gleichheit keine Begründung braucht, dann habe ich meinen kleinen Sohn und seine Freundinnen und Freunde vor Augen: Wenn Kinder einen Kuchen teilen und alle bekommen gleich große Stücke, dann bedarf das keiner Erklärung. Rechtfertigen muss sich ganz im Gegenteil jemand, der für sich mehr als für andere beansprucht. Kinder akzeptieren das Prinzip der Gleichheit ganz selbstverständlich, lehnen sie sich aber instinktiv auf, wenn sie Ungleichheit beobachten. In ihrem Verhalten, in ihrem Wunsch nach Gleichheit manifestiert sich der älteste überlieferte Menschheitstraum, der nicht nur alle Emanzipationsbewegungen beflügelt hat, sondern der auch die wichtigste ethische Norm von Kulturen über den ganzen Erdball hinweg bildet: Was du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu. Dieses Gebot eint Judentum, Islam und Christentum mit fernöstlichen, afrikanischen und indigenen Kulturen. Die Erkenntnis der prinzipiellen Verletzlichkeit schließt den Gleichheitsgedanken ein: Mein Schmerz wiegt so viel wie jeder andere. Nennen wir diesen Umstand die sozialpsychologische Dimension von Gleichheit. KritikerInnen werden anmerken, dass ebenso stark wie der Wunsch nach Gleichheit der Wunsch nach Unterscheidbarkeit im Menschen angelegt ist. Aber dabei handelt es sich um eine bewusste oder unbewusste Verirrung der Begriffe: Wenn wir von Gleichheit sprechen, dann meinen wir die Gleichwertigkeit, nicht die Gleichartigkeit von Menschen. Dann stehen auch Individualismus und Gleichheit in keinem Widerspruch, im Gegenteil: Die Gleichheit ist die Grundbedingung für die Entfaltung aller.  Eine zweite Dimension der Gleichheit ist das Materielle. Wenn wir heute feststellen, unsere Gesellschaft sei ungleicher geworden, dann ist unser Referenzpunkt das Westeuropa der 60er und 70er Jahre. Es erscheint vielen als das goldene Zeitalter: Aufschwung, Wohlstand, Umverteilung. Aber bei allen unbezweifelbaren Erfolgen des keynesianischen Nachkriegbooms – die Parole „alle können es schaffen“ hat schon damals genauso wenig gestimmt wie heute. Natürlich: Ausbau des Sozialstaates, und Bildungsexpansion haben die Gesellschaft tatsächlich gleicher gemacht. Aber sie war schon damals weit davon entfernt, auch tatsächlich gleich zu sein. Die soziale Selbstverortung seit den 1970ern verlief stringent: Seit den 1990ern verorten sich bei Umfragen regelmäßig zwei Drittel bis sogar drei Viertel in der „Mittelschicht“, die restlichen 25 bis 30 Prozent wähnen sich als Angehörige der „Oberschicht“. Entgegen allen Kennzahlen schien sich die Gleichheitsverheißung also in der „Mittelschicht“ zu materialisieren. Eines kann man der gegenwärtigen Krise zugutehalten: Mit dieser Illusion räumt sie gerade gründlich auf. Lag der Anteil der Löhne am Volkseinkommen in den 70ern bei uns noch bei 72 Prozent, sind es jetzt nur mehr 56 Prozent. Tendenz fallend. Genau umgekehrt verhält es sich mit den vermögensbezogenen Steuern: Noch zu Beginn der 1990er haben die Reichen noch immerhin 5 Prozent zum Steueraufkommen beigetragen. Mittlerweile ist es gerade noch ein mickriges Prozent. Dass die Zahlen in anderen Ländern vorläufig noch drastischer sind ist ein kleiner Trost: 2011 gab jede fünfte US-Amerikanerin, jeder fünfte US-Amerikaner an, Schwierigkeiten zu haben, Geld für ausreichend Nahrung zusammenzubekommen. Die Armutsquote ist so hoch wie zuletzt 1965, das durchschnittliche Einkommen einer Familie ist unter das Niveau von 1997 gesunken. In Griechenland hat fast die Hälfte der Arbeitsfähigen unter 35 Jahren hat keinen Job. Die, die noch einen haben, erwirtschaften damit gerade noch 65 Prozent ihres Lohns vor der Krise. Die immense psychische Belastung kann man sich kaum ausmalen: Die Selbstmordrate ist allein gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent gestiegen. Der griechische Ministerpräsident Georgio Papandreou meinte anlässlich des landesweiten Streiks vor wenigen Tagen: „Wir müssen durchhalten in diesem Krieg als Volk, als Regierung, als parlamentarische Gruppe, für das Land, um ihn zu gewinnen.“ Angesichts der eben zitierten Zahlen, die sich ähnlich dramatisch jetzt schon in Spanien und in Portugal wieder finden, stellt sich die berechtigte Frage, wer hier eigentlich gegen wen Krieg führt. Und wiegen wir uns nur ja nicht in Sicherheit: Es geht schon längst nicht mehr „nur“ um einige wenige schlecht Ausgebildete. Ökonomische Unsicherheit als Selbstverständlichkeit im Lebenslauf ist auch einige Sprossen weiter oben auf der Bildungsleiter angekommen. Denken wir nur an die „educated poor“, junge, gut ausgebildete Menschen, für die der ökonomische „Fortschritt“ Hoffnungen und Lebenspläne in unerreichbare Utopien verwandelt hat.Dass uns die 70er heute vorkommen wie das Land, in dem Milch und Honig floss, zeigt also nur zweierlei: wie himmelschreiend die Ungerechtigkeiten der Gegenwart sind; und wie verheerend es ist, vom Wert der Gleichheit abzugehen. Das nämlich war in den 1970ern tatsächlich noch besser: Die Sozialdemokratie hatte die Gleichwertigkeit von Menschen zum Ausgangspunkt ihrer Umverteilungspolitik gemacht. Wer sozialdemokratisch wählte, konnte schrittweise auf mehr Gleichheit hoffen. Dem ist nicht mehr so, die soziale Schere geht rasant auseinander. Was die Menschen also noch motivieren könnte, wäre die Hoffnung. Aber seit Gleichheit auch programmatisch nur noch die Gleichheit der Chancen ist, und die Verantwortung für das materielle Endergebnis dieser verlogenen Chancengleichheit auf das Individuum überwälzt wird, ist mit der Hoffnung die Begeisterungsfähigkeit dahin.Dass die Begeisterungsfähigkeit, sich in den politischen Prozess einzubringen sinkt und stattdessen ein allgemeines Ohnmachtsgefühl um sich greift, hat mit der dritten Dimension von Gleichheit – oder eben Ungleichheit – zu tun: der Politischen. Politische Partizipation setzt Wissen voraus. Aber wie gut soll ich mich informiert fühlen, wenn zentrale Figuren des gegenwärtigen Krisenmanagements wie Jean Claude Trichet öffentlich der Ansicht sind, die Wahrheit über die tatsächlichen Dimensionen der Krise sei der Bevölkerung nicht zumutbar. Eben jener Trichet, der noch im Juni gescholten wurde, als er in seiner Karlspreis-Rede vorschlug, eine europäische Wirtschaftsregierung einzusetzen (!) die wirtschaftspolitisch den Parlamenten Vorgaben machen könne und der sich keine drei Monate später mit dieser antidemokratische Haltung im Mainstream angekommen weiß.Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen warum getroffen werden – und wem sie am Ende des Tages tatsächlich nützen – ist für die Mehrheit der Menschen kaum noch nachzuvollziehen. Was übrig bleibt im medialen Dauerfeuer, sind die Durchhalteparolen der Eliten. „Wir müssen nun alle den Gürtel enger schnallen“,  uns stünden „harte Zeiten bevor“. Zähne zusammen beißen, Kopf einziehen. Dulden und Durchhalten statt Information und Mitbestimmung. Jens Jessen ist nichts hinzuzufügen wenn er sagt: „wo stumme Duldung die einzig empfohlene politische Haltung ist, da hat […] das Politische keine demokratische Adresse mehr.“ Wenn ein so bestimmender Bereich wie die Wirtschaft der politischen Gestaltungskraft nachhaltig entzogen wird, entpuppt sich das Gerede von der Demokratie als leeres Geschwätz. Das gilt selbstverständlich nicht nur für die europäische Ebene, sondern auch für die nationale: Wenn wir das Demokratie- Informations- und Gerechtigkeitsdefizit der europäischen Institutionen kritisieren müssen wir doch auch fragen: Wie konnte es so weit kommen? Und wie kann sich das noch weiter verschärfen, ohne, dass geharnischter Protest laut würde? Wo ist unsere gewählte Volksvertretung? Was bleibt, ist Unbehagen. Jeder Dritte glaubt nicht mehr daran, dass die Politik in der Lage ist, Probleme zu lösen, beinahe jeder Zweite stellt die repräsentative Demokratie in Frage, wie aktuelle Zahlen für Deutschland belegen. Das kann man den Menschen nicht verdenken. Demokratie ist die Durchsetzung des Mehrheitsinteresses. Wie Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte des französischen Revolutionsparlamentes schon festgehalten hat: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten. Soziale Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein.“ Der Abbau von Sozialen Rechten ist per se antidemokratisch. Die Behauptung, die derzeitigen Brutalitäten gegen die Bevölkerungsmehrheit seien alternativlos, ist ebenso antidemokratisch. Das bloße Exekutieren kann wohl tatsächlich der sprichwörtliche „starker Mann“ besser. Wenn ich im Amtsblatt der Republik, der Wiener Zeitung, Sätze lese wie: „Ein europäischer Finanzminister, der in die Budgetstruktur von Staaten eingreifen kann? Her damit. Da würde bei der heimischen Staatsreform endlich was weitergehen. Die EU-Kommission, die öffentliche Ausgaben abstimmt und auf effizienten Einsatz schaut? Wunderbar.“ Dann werde ich zur Zeugin der moralischen, politischen und ökonomischen Selbstentleibung der Republik. Hier wird schließlich auch in meinem Namen nach jemandem verlangt, der auf mich und meine Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen soll. Das ist der einzige Gleichheitsbegriff, den der Neoliberalismus kennt: Die Gleichheit der Entrechteten und Ausgepressten. Um nochmals Jessen zu Wort kommen zu lassen: „Eine Demokratie, die eine große Macht, die alle gängelt, nicht beherrschen kann, ist das Papier nicht wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt ist.“ Das demokratische Wahlrecht ist die wesentlichste egalitäre Errungenschaft. Ein Mensch, eine Stimme. Im Wahlrecht wird es deutlich, das Prinzip der Gleichheit als kraftvollstes Motiv der Moderne. Wir werden hier in den nächsten vier Tagen weder der Krise Einhalt gebieten, noch die Welt neu erschaffen, so bitter notwendig beides wäre. Geschenkt. Unsere Aufgabe ist es, der Lethargie, der Verzagtheit, der Sprachlosigkeit und der Lüge von der Alternativlosigkeit einen Ort der harten inhaltlichen Auseinandersetzung entgegensetzen. Einen Ort der Standpunkte und Überzeugungen. Es gibt schlicht keine Situation ohne Alternativen. Genau hier beginnt jede Politik – und hier beginnt unsere Arbeit. Wir sind das Subjekt der Veränderung, um ein großes, der Gleichheit verpflichtetes Werk zu zitieren, nämlich die Verfassung der Vereinigten Staaten: We the people […] promote the general welfare and secure the blessings of Liberty.“ Wir fordern zu Recht, dass die Politik unsere Interessen, die Interessen der Mehrheit,  endlich wahr nimmt. Aber das müssen wir auch selbst tun. Wir müssen den allgemeinen Wohlstand selbst aktiv anstreben und die Segnungen der Freiheit selbst lautstark fordern. Wir Gleichen. We, the people…