CfP für ein Special Issue von Momentum Quarterly zu „Well-Being-Forschung in Österreich“

10. Mrz 2016

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Call for Papers

Special Issue: Well-Being-Forschung in Österreich

GastherausgeberInnen:

Bernhard Babic
Universität Salzburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft

Franz Eiffe
Statistik Austria, Stabsstelle Analyse

Kathrin Gärtner
Statistik Austria, Stabsstelle Analyse

Ivo Ponocny
MODUL University Wien, Department of Applied Statistics and Economics

 

Lange Zeit war das in den 1930er Jahren entwickelte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der dominante Maßstab für das Entwicklungsniveau einer Gesellschaft. Doch spätestens seit Ende der 70er Jahre mehrten sich in diesem Zusammenhang die kritischen Stimmen. Kann eine einzige ökonomische Kennziffer wirklich ein hinreichender Indikator für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und den Fortschritt im Allgemeinen sein? Werden dabei nicht ganz zentrale Aspekte und Vorbedingungen ausgeblendet? Die entsprechenden Vorbehalte wurden unter anderem damit begründet, dass das BIP keine Aussagen zur tatsächlichen Verteilung des Wohlstands innerhalb einer Gesellschaft zulässt und somit gegebenenfalls über signifikante Ungleichheiten hinwegtäuscht. Dass zudem auf der Grundlage des BIP keine Einschätzungen der Nachhaltigkeit einer Volkswirtschaft möglich sind, ist einer der neueren Aspekte, die in den einschlägigen Debatten den Ruf nach besseren Alternativen lauter werden ließen.

Im entwicklungspolitischen Kontext wurde zu Beginn der 1990er Jahre versucht, dieser Kritik mit der Einführung des mehrdimensionalen Human Development Index (HDI) in die Berichterstattung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen gerecht zu werden. Die gemeinsame Berücksichtigung des kaufkraftbereinigten Bruttonationaleinkommens pro Kopf, der durchschnittlichen Lebenserwartung bei der Geburt sowie des Bildungsniveaus sollte das tatsächliche Wohlergehen der jeweiligen Bevölkerung stärker in den Mittelpunkt internationaler Vergleiche rücken.

In Europa wurde unter anderem im Rahmen der Initiative „Beyond GDP“ das Ziel ausgegeben, neue Indikatoren zu entwickeln, „die so […] ansprechend wie das BIP sind, aber die umweltbezogenen und sozialen Aspekte des Fortschritts in höherem Maße miteinschließen“ (Europäische Kommission 2015). Daneben wurde in Frankreich beinahe zeitgleich die Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress ins Leben gerufen, der mit Joseph Stiglitz und Amartya Sen sogar zwei Wirtschaftsnobelpreisträger angehörten. Auch ihr ging es darum, die Grenzen in den Blick zu nehmen, denen das BIP als Indikator der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sowie des sozialen Fortschritts unterliegt, um daran anschließend der Frage nachzugehen, wie bessere Indikatoren aussehen könnten. Die OECD griff einige der daraus resultierenden Überlegungen in ihrer „Better Life“-Initiative auf. Diese hat mittlerweile in Form der „Wie geht’s Österreich?“-Berichte auch eine Entsprechung und Vertiefung auf nationaler Ebene erfahren.

Well-Being ist im Zusammenhang mit den oben genannten Aktivitäten zu einer zentralen Bezugsgröße avanciert, deren Relevanz grundsätzlich niemand ernsthaft zu bestreiten scheint. Im Gegensatz zum BIP ist es bislang jedoch noch nicht gelungen, den Begriff allgemeingültig zu definieren. Vor diesem Hintergrund stellt sich im Deutschen schon die Übersetzung von Well-Being als problematisch dar. Soll sie unter Betonung seines objektiven Charakters mit „Wohlergehen“, stärker subjektiv gefärbt mit „Wohlbefinden“ oder einfach mit „Wohl“ bzw. „Wohlfahrt“ erfolgen? Die Suche nach Alternativen zum BIP stieß darüber hinaus in diversen Fachrichtungen auf große, bislang kaum in den Blick genommene Wissensbestände. Je nachdem aus welchem disziplinären Blickwinkel Well-Being angegangen wird, lässt sich auf dieser Grundlage augenscheinlich eine beliebig große Anzahl an „Bindestrich“-Begriffen generieren, wie etwa „social“ oder „psychological well-being“. Zudem scheint das Konzept bislang auch nicht klar von Begriffen wie Gesundheit, Armut, Zufriedenheit und Glück abgrenzbar zu sein. Einigkeit scheint es lediglich hinsichtlich einiger formaler Aspekte zu geben, wie beispielsweise dem, dass es in jedem Fall mehrdimensional zu messen ist und dabei grob zwischen subjektiven (z.B. durch Zufriedenheitsbefragungen gewonnenen) und objektiven (z.B. in Form von amtlichen Statistiken vorliegenden) Maßen unterschieden werden kann. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – all dieser Unschärfen erfährt es nicht zuletzt als Erfolgsnachweis für die Tätigkeit politischer EntscheidungsträgerInnen immer größeres Interesse.

Wie sich vor diesem Hintergrund die einschlägige Forschungslandschaft in Österreich aktuell darstellt, d.h. wer sich aus welchem (disziplinären/institutionellen) Blickwinkel mit welchem Verständnis und zu welchem Zweck der Thematik annimmt, sind einige der Fragen, denen mit dieser Schwerpunktausgabe nachgegangen werden soll. Grundlegende Sortierungen dieser Art sind auch angesichts der Tatsache angebracht, dass in diesem Zusammenhang zwar durchaus einzelne und mitunter auch sehr profilierte AkteurInnen in Österreich ausgemacht werden können, aber von einem wirklich entwickelten und vernetzten Forschungsfeld noch keine Rede sein kann. Insofern verfolgt das Special Issue das Ziel einer Art interdisziplinären Bestandsaufnahme zur Well-Being-Forschung in Österreich. Die HerausgeberInnen begrüßen es dabei insbesondere, wenn die Beiträge explizit auf Fragen der Konzeption und Messung von Well-Being, auf relevante Einflussfaktoren, die Angemessenheit entsprechender Forschungsstrategien sowie auf mögliche Zielgruppen und Anwendungsfelder der Erkenntnisse der Well-Being-Forschung eingehen.

Organisatorische Rahmenbedingungen und zeitlicher Ablauf

Bis 30. Juni 2016: Einreichung von Beitragsvorschlägen zum Special Issue „Well-Being-Forschung in Österreich“ an editors@momentum-quarterly.org. Bei der Gestaltung einzureichender Beiträge sind die Manuskriptanforderungen von Momentum Quarterly zu berücksichtigen.

Bis 31. Juli 2016: Vorauswahl der Beiträge durch die GastherausgeberInnen und Rückmeldung an die AutorInnen. Die ausgewählten Beiträge werden in der Folge einem anonymisierten Begutachtungsprozess unterzogen.

Bis 31. Oktober 2016: Rückmeldung durch GutachterInnen und Retournierung der Beiträge an die AutorInnen zu weiteren Bearbeitung.

Bis 31. Jänner 2017: Einsendung der überarbeiteten Beiträge.

1. Juni 2017: Publikation des Special Issue in Momentum Quarterly.

Call zu Well-Being-Forschung in Österreich | capability-netzwerk | 5.4.16

[…] vollständige Call kann hier heruntergeladen […]

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