Inhaltsüberblick: Momentum Quarterly, Vol. 3 (4), 2014

11. Jan 2015

Momentum Quarterly ist eine vierteljährlich erscheinende, referierte Zeitschrift, die sich Fragen des sozialen Fortschritts auf interdisziplinärer Basis widmet. Untenstehend finden Sie die aktuelle Ausgabe von Momentum Quarterly. Alle hier vorgestellten Artikel werden Open-Access, d.h. frei zugänglich im Internet, veröffentlicht. Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter momentum-quarterly.org. Wir freuen uns stets über neu eingereichte Beiträge und Kommentare zu bestehenden Beiträgen. Sie erreichen uns unter editors@momentum-quarterly.org.

HerausgeberInnen:

Michael Lühmann
Institut für Demokratieforschung, Universität Göttingen
Julia Seyss-Inquart
Institut für Pädagogische Professionalisierung, Karl-Franzens-Universität Graz

Special Issue: “Was ist Fortschritt?”

Editorial

Michael Lühmann und Julia Seyss-Inquart

 

Wider die Fortschrittskritik. Mit einem Appendix zum Fortschritt als Human Enhancement

Denis Mäder

Die moderne Fortschrittsidee ist die Idee, dass die Zeit eine stetige Verbesserung in allen menschlichen Angelegenheiten bringen wird. Diese Idee war immer umstritten. Spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist das philosophische Nachdenken über den Fortschritt fast ausschließlich das: Fortschrittskritik. Der vorliegende Aufsatz stellt die gängigen Argumentationsmuster der Fortschrittskritiker vor, allen voran die Vorstellung, Fortschritt müsse dialektisch verstanden werden als Verkehrung guter Absichten in ihr Gegenteil. Er hinterfragt dieses Denkmuster und skizziert, in Opposition dazu, einen zeitgemäßen Fortschrittsbegriff.

Schlagworte: Verbesserung des Menschen; Geschichtsphilosophie; Dialektik; Zweckrationalität

 

Fortschritt und politisches Entscheiden oder: Zur Aufklärung des Fortschrittsbegriffs

Stefan Vorderstraße

Der Begriff des Fortschritts ist eng mit dem der Moderne verknüpft. Implizierte der Fortschrittsbegriff lange Zeit die Beherrschbarkeit der Zukunft infolge steter wissenschaftlicher und technischer Innovationen, folgte die sozialwissenschaftliche Debatte diesem Verständnis mit zeitlichem Abstand in Form der Diskussion der Plan- und Steuerbarkeit gesellschaftlicher Prozesse. Der Zusammenhang von Fortschrittsbegriff und politischem Entscheiden wurde und wird anhand dieser Debatten offenbar. Im vorliegenden Beitrag werden der Fortschrittsbegriff in der Zeitdimension betrachtet und die temporalen Implikationen des Fortschrittsbegriffs in den Fokus gerückt. Es wird danach gefragt, inwiefern der Fortschrittsbegriff angesichts der kontemporären gesellschaftlichen Konstellation theoretisch gehaltvoll konzeptualisierbar ist. Der derart re-aktualisierte Fortschrittsbegriff wird schließlich an die Problematik politischen Entscheidens rückgebunden.

Schlagworte: Fortschritt; Zeit; politisches Entscheiden; Systemtheorie

 

Fortschritt ohne Utopie und Wahrheit

Reinhard Hofbauer und Stefan Wally

Der Geschichte des Begriffs „Fortschritt“ wird als eine Ent-Sicherung des Begriffs gelesen. Natur- oder gottgegebene, ideale oder „wahre“ End-Ziele werden verworfen. Diese Ent-Sicherung eröffnet die Möglichkeit Fortschritt als Auswahl der besseren Optionen bei konkreten Problemen zu sehen. Auch dabei gibt es keine „richtige“ Lösung, die Entscheidung wird in gesellschaftlichen Verfahren entwickelt. Fortschritt ist deswegen in diesem Text im Unterschied zu Neuem und älteren Innovationsvorstellungen durch seinen sozialen Charakter zu bestimmen. Dieses Kriterium wird anschließend an wichtige Fortschrittsindikatoren angelegt.

Schlagworte: Fortschritt; Ideengeschichte; Indikatoren; Politik

 

Fortschrittsidee und Politische Vision

Georg Hubmann und Jakob Kapeller

Das Konzept des Fortschritts und die Entstehung politischer Visionen sind immanent miteinander verknüpft. Die Idee eines Fortschreitens der Zeit und eines damit verbundenen Wandels des sozialen Umfelds ist Vorbedingung, um politische Argumente auf Basis normativer Projektionen überhaupt denken zu können. Darüber hinaus prägen Vorstellungen vom Fortschritt unsere politischen Prämissen ebenso wie die politische Rhetorik. Dieser Beitrag vertritt die These, dass gerade heute, in Zeiten, in denen der tatsächliche oder vermeintliche Fortschritt kritisch reflektiert und neu bewertet wird, ein geklärtes Fortschrittsverständnis für eine selbstbewusste Politikgestaltung überaus nützlich sein kann. Er versucht also das Nachdenken über den Fortschritt insofern zu befördern, als grundsätzliche Dimensionen und Dichotomien des Fortschritts herausgearbeitet werden. Diese Auseinandersetzung erfolgt mit dem Ziel, den Begriff Fortschritt neu zu verorten, ihm so neue Brauchbarkeit für die politische Praxis zu verleihen und zugleich zu zeigen, mit welchen Schwierigkeiten und grundsätzlichen Fragen der Bezug auf den „Fortschritt“ verbunden ist.

Schlagworte: Fortschritt; Vision; Utopie; Werte; Parteien

 

Ökologische Krise und der Geist des Fortschritts. Eine Auseinandersetzung an den Grenzen der Wachstumsmoderne

Michael Lühmann

Der Glaube an und die Hoffnung in den Fortschritt sind immanent verbunden mit der Idee und der Epoche der Moderne. Auch wenn der moderne Fortschrittsbegriff inzwischen manch teleologischen Überschuss abgelegt haben mag, so bleibt, in Bezug auf die große Erzählung der Wachstumsmoderne ebenso wie auf die vermeintliche Gegenerzählung der ökologischen Modernisierung, das Vertrauen in das Heilsversprechen der Fortschrittsidee ungebrochen. Dieser Beitrag vertritt die These, dass eine Rückanbindung des Fortschritts an sein ursprüngliches Pendant, den Rückschritt, unausweichlich ist. Denn erst die Einsicht in die ökologische Begrenztheit des – in der Moderne grenzenlos gewordenen – Erwartungshorizonts ermöglicht ein konsequentes politisches Denken und Handeln, welches ökologische und soziale Krisen auch jenseits modernisierungstheoretisch überwölbter Erzählungen wie des Green New Deals denkbar werden lässt. Mit der daraus abgeleiteten Frage, ob sich damit eine Sattelzeit einer anderen, einer ökologischen Moderne begründen ließe, will der Beitrag den modernen Fortschrittsbegriff kritisch auf den Prüfstand stellen.

Schlagworte: Fortschritt; Moderne; ökologische Krise; Green New Deal; Nachhaltigkeit; Postwachstum; Begriffsgeschichte

 

Fortschritt und Arbeitszeit: Ein Vergleich der Ansichten von Marx, Keynes und der Sozialdemokratie

Bernhard Schütz

Die Ideen von Karl Marx und John Maynard Keynes übten im Laufe der Zeit großen Einfluss auf die Ansichten der österreichischen Sozialdemokratie aus. Beide Autoren sahen das Ziel der Geschichte in der Selbstverwirklichung des Menschen. Sie gingen davon aus, dass eine weitestgehende Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit der Arbeit eine unbedingte Voraussetzung für diese Selbstverwirklichung ist. Der vorliegende Beitrag analysiert, ob sich diese spezifische Vorstellung von Fortschritt in den Programmen der österreichischen Sozialdemokratie wiederfindet.

Schlagworte: Fortschritt; Marx; Keynes; Sozialdemokratie; Arbeitszeitverkürzung

 

Fortschritt als Fortschrittsdiskurs

Rainer Schmid-Zartner und Robert Hobl

Zur Erzielung gesellschaftlichen Fortschritts in demokratisch verfassten Gesellschaften soll die Möglichkeit am Fortschrittsdiskurs teilnehmen zu können für alle Mitglieder der Gesellschaft als selbstverständliche Prämisse gelten. Fortschritt wird also als Bewusstseinsbildung dem Fortschritt selbst gegenüber und als Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene definiert. Dies setzt entsprechende Maßnahmen zur Befähigung dazu voraus, die alle Mitglieder der Gesellschaft erfassen. Dabei ist der Bildungsbereich angesprochen, insbesondere der Schulunterricht. Neben dem in der aktuellen blidungspolitischen Debatte forcierten Fokus auf den Aspekt der Kompetenzorientierung, der hier nicht infrage gestellt wird, ist als notwendige Ergänzung ein reflexionsorientierter Schulunterricht in allen Bildungsfächern einzufordern und umzusetzen. Im Weiteren beschreibt der Text den Weg von der Brauchbarkeit zur Bedeutsamkeit von schulischem Wissen durch Relevanzreflexionsprovokationen im Schulunterricht, um Sinn und Bedeutung der vermittelten Bildungsinhalte zu verhandeln. Am Beispiel von Mathematik als Bildungsfach wird der Inhalt von reflexionsorientertem Unterricht verdeutlicht. Darüber hinaus beschreibt der Text eine Reihe von konkreten Fallbeispielen aus der aktuell versuchsweise durchgeführten Unterrichtspraxis in Mathematik.

Schlagworte: Fortschritt; Reflexion; Bildung; Schulunterricht; Mathematik

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