Last Call für Special Issue: Die Ko-Konstitution von Parteien und Demokratie

14. Okt 2012

The Call for Paper below, dealing with the co-constitution of political parties and democracy, is available in German only. Submissions are possible in both English and German.

Special Issue: Die Ko-Konstitution von Parteien und Demokratie – Zur Analyse einer vernachlässigten Wechselbeziehung 

Guest Editors: Laura Dobusch,[1] Katharina Kreissl,[2] und Jasmin Siri[3]

Gerade in einer Zeit, in der der Ruf nach mehr direkter Demokratie als Reaktion auf das wachsende Machtgefälle zwischen Politik und Wirtschaft immer lauter wird, scheint ein Blick auf Parteien als Scharniere zwischen repräsentativer Demokratie und den Bürger_innen einer Gesellschaft besonders lohnenswert. Die Etablierung neuer Mitbestimmungsformen (z.B. Liquid Democracy), anhaltendes zivilgesellschaftliches Engagement sowie ein zunehmendes Desinteresse an Parteienpolitik deuten auf einen Diskurs hin, in dem die Legitimation etablierter Parteien und ihrer Politiker_innen (wieder einmal) als brüchig beschrieben wird. In den Sozialwissenschaften wurden zwar unter dem Sammelbegriff ‚Ökonomisierung des Sozialen’ die Infusion marktwirtschaftlicher Prinzipien in Politik, Bildung, Gesundheit und andere Gesellschaftsbereiche bis hin zu ihrem Einfluss auf legitime Subjektentwürfe untersucht, die Beschäftigung mit Parteien findet allerdings, vor allem jenseits der politikwissenschaftlichen Parteienforschung, nur als Nischenthema statt. Durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise erhält eine umfassende Analyse der Vormachtstellung ökonomistischer Regulierungspraktiken eine neue Brisanz: ihre ‚Bändigung’ wird zum Lackmustest für die Funktionstüchtigkeit der repräsentativen Demokratien, in der Parteien noch immer maßgeblich Personal- und Entscheidungspotenziale bereitstellen.

Die Ursachenforschung für die aktuellen Krisenlagen findet in den Wissenschaften oftmals auf der Makroebene der Nationalstaaten und der Europäischen Union statt, in öffentlichen (Medien-)Diskursen dominiert die Annahme mangelnder Regierungskompetenz von Politiker_innen oder der Gier der Manager_innen als Erklärungsversuch. Es fehlt an fundierten Analysen, die sich mit den Parteien selbst, ihren eigenen Rationalitäten, Mitbestimmungsmodi und Umweltbedingungen beschäftigen. Dieser Mangel an Auseinandersetzung mit Parteien ist Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens, an dem die Wissenschaften diskursiv ‚mitstricken’: Parteipolitik wird als dem Machterhalt verpflichtet und an Interessenslagen anstatt ‚Sachfragen’ orientiert betrachtet, Parteiorganisationen werden im Kontrast zu NGOs oder anlass- bzw. themenbezogenem Engagement in der Zivilgesellschaft als unzeitgemäß, schwerfällig und hierarchisch wahrgenommen. Das paradoxe Ergebnis dieses disziplinenübergreifenden Desinteresses außerhalb der Parteienforschung im engeren Sinn  besteht in der Vernachlässigung der empirischen Beforschung der Parteien bei gleichbleibender Bedeutung dieser Organisationen für die parlamentarische Demokratie.

Die Herausgeberinnen begrüßen daher Beiträge aus soziologischer, politikwissenschaftlicher, medienwissenschaftlicher, rechtswissenschaftlicher, wirtschaftswissenschaftlicher und ungleichheits- wie diversity-bezogener Perspektive insbesondere zu folgenden Fragestellungen:

Parteien und ihre Umwelt

– Wie gestaltet sich das Verhältnis von Parteielite, Berater_innen, Konzernen, Medien und Lobbys?

– Wie wirkt sich das Erstarken der Zivilgesellschaft auf Parteien aus? Welche Anpassungen nehmen diese vor, welche wären geboten?

– Wie wirkt sich die Verlagerung von Entscheidungen auf die europäische Ebene auf die einzelnen Parteien aus und welche Änderungen der Parteienorganisierung folgen daraus?

– Wie gehen Parteien mit der zunehmenden Komplexität ihrer gesellschaftlichen Umwelt um?

Partei und Mitglied:

– Welche Inklusions- und Exklusionsbedingungen gibt es, die marginalisierte Gruppen von Eintritt und Aufstieg in Parteien abhalten?

– Welche Identitätsangebote entwerfen Parteien und welche Ein- und Ausschlüsse werden dabei produziert?

– Wie verändert sich die Mitgliedschaft in Parteien?

Parteienorganisation

– Welche ‚neuen’ Formen der Teilhabe gibt es, die nicht auf straffen Hierarchien aufbauen und Diskurse in Parteien anregen können?

– Wie gestaltet sich das Spannungsfeld zwischen Handlungsfähigkeit, Geschlossenheit nach medienlogischen Prinzipien und demokratischer Mitbestimmung in einer Partei?

– Wie wirken sich unterschiedliche demokratische Systeme und Elemente auf die Inklusion bzw. Exklusion marginalisierter Gruppen aus? Welche konkreten Erfahrungen und Beispiele gibt es hier in der Praxis?

– Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von Amtsträger_innen, Hauptamtlichen und Mitgliedern unterschiedlichen Grads des Engagement?

– Welches Maß an Wandlungsfähigkeit weisen tradierte Parteiorganisationen auf und wie kann diese erhöht werden um organisationale Innovationen im Parteienkontext zu befördern?

 

Organisatorische Rahmenbedingungen und zeitlicher Ablauf

–       Bis 15. Oktober 2012: Einreichung von Beitragsvorschlägen zum Special Issue „Die Ko-Konstitution von Parteien und Demokratie – Zur Analyse einer vernachlässigten Wechselbeziehung“ an editors@momentum-quarterly.org. Bei der Gestaltung einzureichender Beiträge sind die Manuskriptanforderungen von Momentum Quarterly zu berücksichtigen.

–       Bis 15. November 2012: Vorauswahl der Beiträge durch die Gastherausgeberinnen und Rückmeldung an die Autor_innen. Die ausgewählten Beiträge werden in Folge einem anonymisierten Begutachtungsprozess unterzogen.

–       Bis 15. Jänner 2013: Rückmeldung durch Gutachter_innen und Retournierung der Beiträge an die Autor_innen zu weiteren Bearbeitung.

–       Bis 28. Februar 2013: Einsendung der überarbeiteten Beiträge

–       31. März 2013: Publikation des Special Issue als Momentum Quarterly Vol. 2(1).

Der Call for Papers als PDF-Download.

 


[1] Laura Dobusch, Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik und Technische Universität Dortmund.

[2] Katharina Kreissl, Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

[3] Jasmin Siri, Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.