Inhaltsüberblick: Momentum Quarterly, Vol. 4 (3), 2015

5. Okt 2015

Momentum Quarterly ist eine vierteljährlich erscheinende, referierte Zeitschrift, die sich Fragen des sozialen Fortschritts auf interdisziplinärer Basis widmet. Untenstehend finden Sie die aktuelle Ausgabe von Momentum Quarterly. Alle hier vorgestellten Artikel werden Open-Access, d.h. frei zugänglich im Internet, veröffentlicht. Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter www.momentum-quarterly.org. Wir freuen uns stets über neu eingereichte Beiträge und Kommentare zu bestehenden Beiträgen. Sie erreichen uns unter editors@momentum-quarterly.org.

Editorial

Leonhard Dobusch, Astrid Mager, Dennis Tamesberger und Stefanie Wöhl

 

Die verborgenen Mechanismen politischer Bildung: Zum Verhältnis von Struktur und Inhalt am Beispiel des Basiskonzepts Macht

Michael Brandmayr

Dieser Beitrag möchte aus sozialisationstheoretischer Perspektive an die Diskussion um „kritische politische Bildung“ anknüpfen. Im Zentrum steht dabei der Begriff Hidden Curriculum, der auf latente Mechanismen im Prozess der schulischen Sozialisation hinweist, durch die in der Schule „auf der Hinterbühne“ (Zinnecker 1978) Normen, Werte und Einstellungen vermittelt werden. Im ersten Teil des Beitrags wird eine Fassung des Begriffs vorgeschlagen, die an historische Debatten anschließt, aber in diesem Zusammenhang geäußerte Einwände aufnimmt. Im zweiten Teil wird die Relevanz des Begriffes für die Frage der politischen Bildung gezeigt, wobei bemerkt wird, dass fachdidaktische politische Bildung diese Aspekte vernachlässigt, stattdessen an Vorerfahrungen im individualisierten Sinn anknüpft. Politische Bildung sollte auch besondere Bedingungen kollektiver Erfahrungen in der Institution Schule einbeziehen, denn einerseits strukturiert Schule Erfahrungsräume vor und lässt so bestimmte Erfahrungsmomente wahrscheinlicher werden; andererseits befördert Schule, dass Erfahrungen durch Prozesse sozialer Verstärkung (bedingt durch geringer werdende soziale Durchmischung) eher im Sinne institutioneller Deutungsmuster interpretiert werden. Am Beispiel des Basiskonzepts Macht soll dargestellt werden, wie so der Anspruch der Ausgewogenheit der Inhalte nicht vollständig eingelöst werden kann. Die Möglichkeit eines emanzipativen Bildungs- und Reflexionsprozesses kann so infrage gestellt werden.

Schlagworte: Hidden Curriculum; politische Sozialisation; politische Bildung; Macht; Ideologiekritik

Emanzipation durch Entwicklungspolitik? Einige Überlegungen zu Fragen globaler Ungleichheit

Daniel Bendix und Aram Ziai

Seit es Entwicklungspolitik gibt, sieht sich diese mannigfaltiger Kritik ausgesetzt. Im Gegensatz zu anderen kritischen Sichtweisen geht es Post-Development-Ansätzen um die Infragestellung von Entwicklungspolitik an sich. Anstatt also vor allem Misserfolge und Mängel in den Blick zu nehmen, kritisieren Post-Development-Autor*innen Entwicklungspolitik auch in Fällen, in denen sie nach eigenen Maßstäben erfolgreich ist, und zwar u.a. mit dem Verweis auf die Reproduktion kolonialen Denkens, der Ausklammerung des problematischen Gesellschaftsmodells des Nordens, der Etablierung von Herrschaftsverhältnissen, der zerstörerischen Wirkung von Entwicklungshilfeprojekten und Modernisierung sowie der Reduktion eines guten Lebens auf sozioökonomische Indikatoren. Eine Politik, die globale sozioökonomische Ungleichheit als Problem sieht, ohne die Post-Development-Kritik zu ignorieren, muss sich der Frage stellen, wie eine solche auf der Grundlage der Reflexion und Umgehung der skizzierten problematischen Strukturen traditioneller Entwicklungszusammenarbeit aussehen kann. Dies führt dieser Beitrag aus.

Schlagworte: Entwicklungspolitik; Emanzipation; Post-Development; Postkolonialismus; globale Ungleichheit

Digitale Arbeitsteilung: Amazon Mechanical Turks sozial konstruierte Designmuster und die Steuerung von Human-Computation-Arbeit

Markus Ellmer

In diesem Artikel wird Amazon Mechanical Turk (AMT), derzeit eines der größten Online-Verteilungssysteme für Human-Computation-Arbeit, aus einer Social-Construction-of-Technology (SCOT)-Perspektive kritisch analysiert. Unter Berücksichtigung der klassischen Labor-Process-Theorie wird gezeigt, dass AMTs Infrastruktur, durchwachsen und geformt von Diskursen zu digitaler Arbeit, beträchtliche Macht- und Informationsasymmetrien zugunsten von ArbeitgeberInnen (RequesterInnen) determiniert und einen spezifischen Modus digitaler Arbeitsteilung ermöglicht. Dessen Effekte (Deskilling, Preissetzung, Effizienzsteigerung) werden durch den crowdsourcing-basierten Zugriff auf hoch fragmentierte ArbeiterInnen (TurkerInnen) verstärkt. Die SCOT-Perspektive zeigt die soziale Konstruktion digitaler Arbeitsteilung und Hierarchien in unterschiedlichen Einflussqualitäten auf die Ausgestaltung der Infrastruktur sowie den Arbeitsprozess. Sie hängt von Kapazitäten einzelner Akteure ab, ihre Bedeutungen und Interpretationen in Technologien zu implementieren. Die Browserextension Turkopticon schwächt diese Hierarchien ab, indem sie ein Requester-Rating-System direkt in das Interface von AMT einbettet.

Schlagworte: Amazon Mechanical Turk; Human Computation; Turkopticon; Digitale Arbeit; Soziale Konstruktion von Technologie

Der Demokratie-Index: Über die wissenschaftliche Praxis der Normierung von Demokratie als politisches Machtinstrument

Barbara Stefan

Demokratieindizes sind zentraler Bestandteil von Global Governance – Diskurs und politisch-strategischer Steuerungsprozess, der im Namen der kooperativen Bewältigung weltweiter Herausforderungen (aktuell mehr Nachhaltigkeit im Kampf gegen Klimawandel), auch eine neoliberale, finanzialisierte Umgestaltung von Staat und Gesellschaft vorantreibt. Anhand des Beispiels des „Kombinierten Index der Demokratie“ zeigt vorliegender Artikel, wie diese Methode der vergleichenden Politikwissenschaft dazu beiträgt, ein historisch spezifisches, sozio-politisches Verhältnis der sozialen Ungleichheit als erstrebenswerten Normalzustand zu stabilisieren Der Index basiert auf einem bestimmten „Imaginary“ von Demokratie und produziert dessen „Inskription“, welche den historischen Legitimationsprozess der rechtlichen Festschreibung ökonomischer Ungleichheit durch die Garantie politischer Gleichheitsrechte und kompetitiver Partizipationsmöglichkeiten ausblendet. Ziel dieser formalisierten, objektiven und (im Fall des KID) umfassenden Messung der Demokratiequalität ist die Herstellung eines sinnfixierten, wahren Wissensobjekts „Demokratie“, das möglichst unveränderbar und mobil seine Bedeutung in verschiedene Kontexte weiterträgt. Eine derartig normierte Demokratie neutralisiert besitzbürgerliche Eigentumsinteressen und verleiht einer post-fordistischen Gouvernementalität politische Rationalität und Legitimität.

Schlagworte: Demokratieindex; Demokratie; Global Governance; ökonomische Ungleichheit

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