„Protest hat etwas Ermächtigendes“

15. Okt 2016

Klaus Baumgartner und Maria Mayrhofer diskutieren beim Moment am Mittagstisch über Protest, Gegenmacht und den Abstieg aus dem Elfenbeinturm.

derMoment: Ihr beschäftigt euch in euren Papers beide mit Protest. Was bedeutet Protest für euch?

Mayrhofer:  Ich sehe Protest als Gegenstück zur Resignation. Es gibt eine Unzufriedenheit, die nicht artikuliert ist, die bei der schweigenden Mehrheit liegt, und es gibt den artikulierten Protest, durch den Unzufriedenheit sichtbar wird.

derMoment: Wie lässt sich Protest mit dem Kongressthema Macht verbinden?

Baumgartner: Ich glaube Macht und Protest bedingen einander. Macht wird erst dann sichtbar, wenn Leute dagegen aufstehen. Protestiert wird meistens gegen die Machtverhältnisse oder Mächtige, insofern: Macht braucht nicht zwingend Protest, aber Protest braucht zwingend irgendeine Form von Macht.

Mayrhofer:  Protest ist wahrscheinlich der erste Schritt dahin, eine Gegenmacht aufzubauen.

Baumgartner: Oder auch eine Art Entmachtung herbei zu führen.

Mayrhofer: Und Protest hat auch etwas Ermächtigendes.

derMoment: Wie gelingt es, diejenigen zu ermächtigen, die weniger Macht besitzen?

Baumgartner: Gegenmacht und Protest haben sehr viel mit Empowerment zu tun. Menschen formulieren zuerst für sich selbst einen Gedanken und sind gegen oder für etwas. Sobald sie das aber mit anderen gemeinsam auf der Straße kundtun, führt das zu einem gegenseitigen Rückenstärken.

Mayrhofer: Eine große Chance steckt in den neuen digitalen Technologien, weil sich dadurch eine vernetzte öffentliche Sphäre herausbildet, in der auch AkteurInnen, die abseits des Mainstream stehen, die Möglichkeit bekommen, ihren Positionen Ausdruck zu verleihen. Es ist billiger und schneller, sich über digitale Medien zu vernetzen. Dadurch lassen sich klassische Kanäle, die den Eliten vorbehalten sind, umgehen.

derMoment: Das Internet ist also eine ideale Plattform für politischen Protest und neue Partizipationsmöglichkeiten?

Baumgartner: Naja, ein bisschen absurd ist das schon, dass wir auf der einen Seite gegen den Neoliberalismus und die Austeritätspolitik kämpfen und auf der anderen Seite mit Facebook dafür einen riesengroßen Konzern, der in Irland Steuerbetrug betreibt, brauchen.

Mayrhofer: Das, was wir mit #aufstehn im letzten Jahr erreicht haben, und die schnelle Verbreitung von unseren Kampagnen, hätten wir ohne Internet nicht geschafft. Ich glaube einfach, dass zum Organisieren von Protest, zum Bündeln von Interessen und zum Sichtbarmachen von diesen Interessen in ihrer vollen Stärke als erster Schritt das Internet sehr wichtig ist. Ich finde aber auch, dass es durchaus eine berechtigte Kritik gibt an dieser Sache mit dem „Klicktivismus“. Also wenn du auf Facebook irgendwas likest oder bei einer Online-Petition unterschreibst heißt das noch lange nicht, dass du engagiert bist, dass du wirklich etwas beiträgst. Darum ist auch unser Anspruch, dass wir das Engagement weiterführen und immer auch schauen, dass der Protest auch im echten Leben ankommt.

derMoment: Habt ihr das Gefühl online Leute zu erreichen, die außerhalb der „linken Blase“ stehen?

Mayrhofer: Ja, ein Beispiele: Als wir zum ersten Mal als junge Organisation an einer Demonstration teilgenommen haben, haben wir eine Einladung an unsere Kontakte verschickt. Und die Leute, die dann dorthin gekommen sind, waren die Mindestsicherungsbezieherin aus einem anderen Bundesland und die Mutter, die seit ihrer Studienzeit nicht mehr politisch aktiv war. Wir schaffen damit einen Raum für Leute, die wir über die erste niederschwellige Online-Aktion kriegen und die sich dann weitergehend in einer viel tieferen Form engagieren. Du aktivierst Leute dadurch. Das ist das Spannende.

derMoment: Also ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Mobilisierung eine einfache Sprache?

Mayrhofer: Ich glaube, dass man damit die Kluft überwinden kann, wenn man sich bewusst für eine einfachere Sprache entscheidet. Einfach auch eine Kluft, die die Leute selbst produzieren und die viele davon abhält, politisch aktiv zu werden.

Baumgartner: Ich würde nicht einmal sagen, dass es um einfachere Sprache geht. Ich glaube, dass man sich manchmal aus dem Elfenbeinturm herauswagen muss. Man muss die komplizierte Sprache verlassen, aber das heißt nicht, dass die andere Sprache einfacher ist.

Mayrhofer: Einfach ist vielleicht nicht das richtige Wort, das stimmt. Zugänglichere Sprache.

Baumgartner: Weniger überhebliche Sprache.

Mayrhofer: Weniger belehrend. Das funktioniert gar nicht.

derMoment: Welche Rolle spielen klassische Parteien bei der Organisation von Protest?

Mayrhofer: Ich würde politischen Parteien jetzt nicht die Bedeutung absprechen, aber ich glaube, dass heute die klassische Bindung an eine Partei oder Organisation von der Wiege bis zu Bare nicht mehr zeitgemäß ist. Es braucht zivilgesellschaftliche Kräfte, die entlang von Themenbereichen aktiv werden, wenn sich dich Politik im Stillstand befindet.

Baumgartner: Es gibt große Themen, die von der Zivilgesellschaft angesprochen werden, und ich glaube Parteien – insbesondere die Sozialdemokratie – haben es verlernt, ein Anknüpfungspunkt und eine Plattform für den Austausch zu sein.

derMoment: Bei der Eröffnung des diesjährigen Momentum Kongress ist es ja auch um das Thema Optimismus gegangen. Blickt ihr optimistisch in die Zukunft?

Baumgartner: Die Triebfeder von allen fortschrittlich Denkenden ist der Optimismus. Daran zu glauben, dass es künftig besser werden kann, ist der Grundstein jedes politischen Engagements.

Mayrhofer: Wenn wir nicht optimistisch wären, würden wir nicht hier sitzen.

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