Preiss Bert: Lokale Konfliktherde in Nordirland und Kosovo: Hegemoniale Kämpfe, Ethnonationale Spannungen und Sozioökonomische Klassenungleichheiten

26. Jul 2011

Das Ziel dieses Beitrags ist es, zu untersuchen, wie sich hegemoniale Kämpfe auf die ethnonationalen Spannungen und sozioökonomischen Klassenungleichheiten in den tief gespaltenen Gesellschaften von Nordirland und Kosovo auswirken. Im Zentrum der Analyse steht dabei die Frage, in wie weit die wechselseitige Beziehung zwischen ethnonationaler Identität und sozioökonomischer Klasse von den gespaltenen nationalistischen Eliten in ihrem Streben nach Hegemonie beeinflusst und instrumentalisiert wird. Die Analyse konzentriert sich auf die Konfliktherde, die sogenannten Schnittstellengebiete („interface communities“), die häufig im Zentrum von Hegemonialinteressen stehen.

In Nordirland handelt es sich dabei vor allem um die irisch-republikanisch-katholischen und pro-britisch-loyalistisch-protestantische Kommunen in den Arbeitervierteln Belfasts und im Kosovo um die in einen serbischen Norden und albanischen Süden geteilte Stadt von Mitrovica. Diese beiden Orte bilden auch den Kern der empirischen Feldforschung, die sich primär auf semi-strukturierten narrativen Interviews mit der lokalen Bevölkerung, lokalen und nationalen Politikern, NGO-Vertretern, internationalen Akteuren und Experten gründet. Der theoretisch-analytische Rahmen basiert auf einem neo-gramscianischen Hegemonieansatz, der um das Modell des „liberalen Multikulturalismus der Angst“ – eine Kombination aus Judith Shklar’s „Liberalismus der Angst“ und Jacob Levy’s „Multikulturalismus der Angst“ – erweitert wird.

Wie gezeigt werden wird, sind die Konflikte in Nordirland und Kosovo dadurch charakterisiert, dass sich die Gewalt zwischen den ethnonationalen Gruppen am stärksten  zwischen jenen Teilen der Bevölkerung manifestiert, die am meisten benachteiligt sind was den Zugang zu grundlegenden sozioökonomischen Ressourcen betrifft, und die daher zu den schlechtest gestellten Klassen gehören. Diese Menschen leben häufig in Gebieten, die sich geographisch an der Schnittstelle zwischen den konfligierenden ethnonationalen Gruppen befinden. Dass sich der Konflikt in diesen am stärksten deprivierten Gebieten konzentriert, zeigt die Verflechtung und wechselseitige Abhängigkeit zwischen ethnonationaler Identität und sozioökonomischer Klassenungleichheit. Um das Potential für eine demokratische Konfliktlösung feststellen zu können, ist es erforderlich, beide Faktoren und ihre Wechselbeziehungen und Ausprägungen zu untersuchen. Die Schnittstellengebiete („interface communities“) sind durch hohe Gruppenkohäsion gekennzeichnet, was auch in der politischen Struktur und hier vor allem im Governancesystem, in der politischen Repräsentation und in den, sich um die in ethnonationalen Blöcken organisierten, ideologischen Machtverhältnissen zum Ausdruck kommt.

Darüber hinaus streben die rivalisierenden nationalistischen Lager danach, je nach ihrer gegenwärtigen Position im politischen Machtkampf ein Hegemonial bzw. Gegenhegemonialsystem zu schaffen und zu etablieren, in dem exklusivistische Ideologien und Angst und Vorurteile erzeugende Politiken von substantieller Bedeutung sind.

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Preiss_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 12:22:18