Penz Otto: Chancengleichheit in der neoliberalen Arbeitsgesellschaft

26. Jul 2011

Seit Beginn der soziologischen Theoriebildung und Forschung bildet die soziale Frage und damit auch die soziale Ungleichheit einen der zentralen Untersuchungsgegenstände der Gesellschaftsanalyse, so etwa in Karl Marx Klassentheorie oder Max Webers Status-Konzeption. Mit meinem Beitrag zu Momentum 11 möchte ich an diese lange Tradition der kritischen Soziologie anknüpfen und werde dabei von den Überlegungen eines der prominentesten zeitgenössischen Soziologen, Pierre Bourdieu, zur Reproduktion sozialer Ungleichheit ausgehen. Im Getöse der Diskussion über sozialen Wandel, so Bourdieu, wird oft übersehen, wie Formen der sozialen Ungleichheit über lange Zeiträume fortbestehen.[1] Insbesondere trifft dies auf die vertikale Segregation, also die „Klassenstruktur“ oder Milieus westlicher Industriegesellschaften und die geschlechtsspezifische Ungleichheit zu. In beiden Fällen sorgen strukturelle Zwänge dafür, dass sich die gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse reproduzieren: zum einen die Vermittlung ungleicher Handlungsressourcen im Sozialisationsprozess (v.a. ökonomisches und kulturelles Kapital) je nach sozialer Lage, zum anderen die Tradierung der Wahrnehmungsweisen von Männlichkeit und Weiblichkeit entlang eines binären Kodes. Der Erziehungsprozess jeder nachfolgenden Generation lässt sich damit als Inkorporierung objektiver Verhältnisse beschreiben, in dem die Menschen einen praktischen Sinn dafür entwickeln, was sich für die soziale Position, die sie innehaben, und das jeweilige Geschlecht „gehört“. Die strengsten Vorschriften richten sich dabei an den Körper und führen beispielsweise zur Ausbildung eines klassen- und geschlechtsspezifischen Gesundheits- und Ernährungsverhaltens oder auch Sport- und Fitnessinteresses, auch dazu, dass Frauen eher Emotionen zeigen sollen, eher Sorge für andere Menschen tragen sollen oder mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männer einfühlsam sind. Nicht zuletzt liegen diese Vorstellungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in bezahlte (männliche) Erwerbsarbeit und unbezahlte (weibliche) Reproduktionsarbeit und der Ausprägung als typisch weiblich oder männlich erachteter Berufsfelder zugrunde, und sie erweisen sich mithin als wesentliche Elemente der zeitgenössischen symbolischen Herrschaft.

Im Kontext dieser theoretischen Zusammenhänge wird der Vortrag die Verschärfung sozialer Ungleichheiten in den letzten beiden Jahrzehnten diskutieren und den Versuch unternehmen, Wege zu mehr Chancengleichheit aufzuzeigen. Im Zuge der „Neoliberalisierung“ der österreichischen Verhältnisse seit den 1990er-Jahren vergrößerte sich die Kluft in der Verteilung ökonomischer Ressourcen.  Die oberen Einkommensgruppen erzielten (zum Teil enorme) Vermögens- und Einkommens-zuwächse, die unteren Einkommensgruppen verzeichneten Reallohnverluste. Bedrohlicher noch für den sozialen Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft als die zunehmenden Unterschiede zwischen Arm und Reich erscheint die Prekarisierung der Arbeit, bildete doch die Erwerbsarbeit (des männlichen Familienoberhaupts) den zentralen sozialen Integrationsmechanismus in der fordistischen Lohnarbeits-gesellschaft Österreichs der 1970er- und 1980er-Jahre. Robert Castel spricht in diesem Zusammenhang von der Wiederkehr der sozialen Unsicherheit,[2] und diese Verunsicherung betrifft v.a. die weiblichen Arbeitskräfte, die in hohem Maß teilzeit- oder geringfügig beschäftigt und stark von Armut bedroht sind. Die Neuverteilung von Bildungskapital zwischen den Geschlechtern in den letzten Jahrzehnten (durch die Frauen oft bessere Bildungsabschlüsse als Männer aufweisen) führte jedenfalls weder automatisch zur Reorganisation der familiären Reproduktionsarbeit noch zum rasanten Aufstieg von Frauen in Führungspositionen des öffentlichen Lebens.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden sozialen Unsicherheit entstehen im beruflichen Feld aufgrund der Intensivierung der „Arbeitskraftnutzung“ und der stärkeren Ökonomisierung persönlicher Aspekte, wie etwa Emotionen und Engagement, neue Subjektivierungsformen, neue Formen der Fremd- und Selbstregierung im Arbeitsprozess. Die betriebswirtschaftlichen Mechanismen zielen auf die Herstellung einer unternehmerischen Haltung bei Arbeitskräften, von „Arbeitskraftunternehmern“[3], bzw. auf die Produktion von „unternehmerischen Selbst“[4] ab und führen zu einer tendenziellen Entgrenzung der Arbeit (so dass die Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens verschwimmen). Das Versprechen größerer Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit in der Arbeitswelt legitimiert diese Aufforderungen zu größerer Mobilität, Flexibilität und Kreativität, so wie der Diskurs über „Leistungsgerechtigkeit“ die höchst unterschiedlichen beruflichen Gratifikationen rechtfertigt und damit zugleich die soziale Ungleichheit naturalisiert.

In diesem neoliberalen Kontext der wachsenden Ungleichheiten muss es darum gehen, Gleichbehandlung, nicht zuletzt im Sinne von Verteilungsgerechtigkeit sozialer Grundgüter, wie zum Beispiel Bildung, und gleiche Chancen, mithin Gleichheit gedacht als Basis für Differenz, neu einzufordern. Zu diesem Zweck scheint es aus soziologischer Perspektive notwendig, eine intersektionale Problemsicht zu entwickeln, erweist sich doch die Ungleichheit in den meisten Fällen als Verschränkung klassen- und geschlechtsspezifischer (aber auch ethnischer) Privilegien oder Benachteiligungen. In materieller Hinsicht ist damit die soziale Integration der österreichischen Gesellschaft über Lohnarbeit zu hinterfragen und die Verteilung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, mögliche Umverteilungsprozesse von Erwerbsarbeitszeit, d.h. Modelle der Arbeitszeitverkürzung, und Möglichkeiten der bedarfsorientierten Einkommenssicherung zu diskutieren. In ideeller Hinsicht stellt sich die Frage, wie der stillschweigenden Anerkennung neoliberaler Herrschaft begegnet werden kann, die sich darauf beruft, den unausweichlichen Marktgesetzlichkeiten zu gehorchen. In dieser Beziehung steht also die Wahrnehmung von Macht und symbolischer Herrschaft zur Diskussion, die Frage, wie inkorporierte habituelle Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster zu verändern sind und in welcher Form wissenschaftliches commitment zu größerer Chancengleichheit und Gleichbehandlung beitragen kann.



[1] Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt. Regie: Pierre Charles, filmedition suhrkamp, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008

[2] Castel, Robert: Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit, in: Castel, Robert/Dörre, Klaus (Hg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M.: Campus 2009, 21-34

[3] Voß, G. Günther/Pongratz, Hans J.: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50/1998, 131-158

[4] Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007

Dokumente zum Download

Penz_2011_Paper (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-10-11 18:25:45

Penz_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 13:13:22