Pawel Stefan: Webwissenschaften. Web – Teil unseres Lebens – aber niemand will wissen warum! – aber wer will schon wissen wie es funktioniert! – aber niemand will wissen wie es zusammenhängt!

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 5 „Freies Wissen vs. Digital Divide”

„Webwissenschaften. Web – Teil unseres Lebens – aber niemand will wissen warum! – aber wer will schon wissen wie es funktioniert! – aber niemand will wissen wie es zusammenhängt!

Das World Wide Web entwickelt sich erst seit den 70er Jahren und nimmt mit Web 2.0 seit erst wenigen Jahren einen immer stärker werdenden Einfluss auf Wirtschaft und das Leben der Menschen. Aus der militärischen Nutzung entwickelte sich eine wissenschaftliche Nutzung des Internets, Firmen entdeckten das Internet für ihre Zwecke und schließlich haben sich Millionen von Menschen mit Hilfe des Internets untereinander vernetzt. Massenweise Informationen werden zwischen Menschen, Organisationen, Regierungen und Firmen ausgetauscht. Produkte werden online präsentiert und verkauft, Behördenwege online erledigt und selbst Wahlkämpfe finden im Internet statt. Gerade im amerikanischen Wahlkampf gewinnen die Präsentationen der KandidatInnen und die Übertragung ihrer Reden im Internet an Bedeutung. Mehr als 4 Millionen Menschen haben innerhalb einer Woche die Rede „Race Speech“ von Barack Obama auf Youtube.com gesehen.

Steffen Büffel zeigt im einem Vortrag zu Thema „Print, nein danke! Die Zeitung, das Medium von vorgestern.“ die sinkende Bedeutung der Printmedien auf und wie das Internet zum Leit- und Newsmedium der Gegenwart und Zukunft wird. Die Hierarchien zwischen den Menschen verschwinden im Internet als Plattform mit Social Networks, Blogs, Vlogs, Wikis und Podcasts zunehmend und er sagt in seinem Vortrag „Da sind wir weit davon entfernt, dass Web 2.0 nur ein Hype ist, sondern es wird ein Teil der Mediennutzungsgewohnheiten.“

Helmut Volpers meint, dass die massenhafte Nutzung des Internets und seiner Dienste aus medien- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive eine Revolution in der Entwicklung der Medien bedeutet. Er geht sogar soweit, dass er die Entwicklung des Webs mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Guttenberg vergleicht. Beides seien nicht nur medientechnische Errungenschaften, sondern verändern die Welt.

Die Veränderungen, die durch das Internet ausgelöst werden, gibt es nicht nur im Medienbereich sondern in vielen Bereich des Lebens einzelner Menschen und der gesamten Gesellschaft und diese gilt es systematisch und wissenschaftlich zu erforschen.

Tim Berners-Lee, Wendy Hall und andere stießen die Diskussion an über das Web im Gesamten nachzudenken und daraus eine eigene Wissenschaft, die „Science of the Web“ zu entwickeln. „Wenn wir das Web formen wollen, wenn wir die Architekturprinzipien verstehen wollen, die zu seinem Wachstum geführt haben, und wenn wir sicher sein wollen, dass es die sozialen Grundwerte der Vertrauenswürdigkeit, der Privatsphäre und des Respekts für gesellschaftliche Grenzen unterstützt, dann müssen wir eine Forschungsagenda ausarbeiten, die das Web in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt.“

Ein Workshop zu diesem Thema im Jahr 2005 war vor allem sehr stark von individuellen Sichtweisen der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche geprägt und weitere Schritte in diese Richtung gab es wenige. In ihrem Positionspapier zu diesem Workshop griff Carole Goble bereits die bevorstehende Problematik auf und meint, dass sich die Diskussion hauptsächlich um das Semantische Web drehen wird oder um das „its all infrastructure for applications“ Argument, um die „its all AI“(Artifical Intelligence) Begründung, um die „its not A.I., its naming and statitics“ Rechtfertigung, etc. Es ist all das. „Its horses for courses. It’s the tool for the job. It’s a mixed ecology not a monoculture, and all the more healthy for it.“

Den Ansatz, den Carole Goble hier einbringt ist sicher ein richtiger. Nicht ein Sichtweise oder eine Wissenschaft kann das Web für sich in Anspruch nehmen sondern eine Vielzahl von Techniken und Wissenschaften beeinflusst und analysiert das Web. Seien es die JuristInnen die mit Datenschutz und Urheberrecht vor neue Herausforderungen gestellt werden, InformatikerInnen entwickeln neue Applikationen für das Web 2.0 und arbeiten an der Realisierung des semantischen Webs, SoziologInnen analysieren das Verhalten von Social Networks, BetriebswirtInnen entwickeln neue Geschäftsmodelle für das Internet, …

Die Betriebswirtschaft bildet eine geeignete Vergleichsbasis. Sie ist eine noch junge Wissenschaft, die sich erst im 20. Jahrhundert als selbständige wirtschaftswissenschaftliche Disziplin etablierte. Neben der Allgemeinen und Speziellen Betriebswirtschaftslehre setzt sich die BWL vor allem aus einer Schnittmenge verschiedener Wissenschaften wie Recht, Ökonomie, Organisationspsychologie, Organisationssoziologie, Mathematik, Statistik, Ethik, Geschichte, Geographie, Technik und Informatik zusammen.

Eine ähnliche pre-wissenschaftliche Situation ist derzeit beim Internet zu beobachten. Es beschäftigen sich bereits die unterschiedlichsten Wissenschaften mit dem Web und erforschen dieses Phänomen, seine Auswirkungen und Implikationen, aber ein integrativer, ganzheitlicher Ansatz existiert noch nicht. Ein interdisziplinärer Forschungsbereich würde durchaus Sinn machen, um ein derart komplexes Thema nicht nur in seinen Puzzelteilchen zu untersuchen, sondern die Stücke systematisch zusammenzusetzen. Das Web ist schließlich auch eine Einheit. Eine Einheit, die mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Als Basis für ein Studium der Webwissenschaften können Lehrangebote aus den bestehenden Studienrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Informatik, Mathematik, Statistik, Soziologie, Rechtswissenschaften und Wirtschaftsinformatik herangezogen werden. Der Schwerpunkt des Studiums soll in den sozialwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets auf Basis eines technologischen Grundverständnisses liegen. „Zu Beginn    wird    das    Kennenlernen    und    Verstehen    verschiedenster Computernutzungsmöglichkeiten, Programmiersprachen und Algorithmen notwendig sein. Auch die Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten    im    Umgang    mit    neuen    Informations-    und Kommunikationstechnologien sind wichtig. Erst wenn diese verstanden werden, können auch Analysen der Auswirkungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Gesellschaft sowie deren soziale und politische Implikationen betrachtet werden. Darauf aufbauend können spezielle Bereiche untersucht werden, wie z.B. die wirtschaftlichen Besonderheiten internetbasierter Teilbereiche der Ökonomie (Stichwort: „New Economy“), die Analyse von Informations- und Kommunikationssystemen, die Einsatzbereiche und die Übertragbarkeit digitaler Entwicklungs- und Informationssysteme auf andere Bereiche und die Veränderungen sowohl technischer Natur als auch im menschlichen Nutzungsverhalten zu beobachten und zu interpretieren.“

Stefan Pawel

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AutorIn Momentum 2011-05-11 13:36:08