„Ohne Marxismus geht es nicht“

2. Nov 2018

Foto Karl Marx Florian Wenninger und Hanna Lichtenberger lehren beide an der Universität. Im Gespräch mit derMoment reden sie über populäre Missverständnisse, die Krise und Mittelschichtkids.

derMoment: Ihr beschäftigt euch beide beruflich mit Marxismus. Was sind die größten Missverständnisse in der Hinsicht?

Florian Wenninger: Auf der Uni glauben die Leute, Marx hat nur Aussagen über eine ganz spezifische Gesellschaftsformation getroffen, den englischen Industriekapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch sehr verbreitet ist die Annahme, dass Marx ja historisch widerlegt sei, weil der Kapitalismus nicht zusammengebrochen ist. Deswegen muss man sich auch gar nicht mit ihm beschäftigen.

Hanna Lichtenberger: Mir fällt auf, dass es oft nur um die ökonomischen Schriften, und nie um die politischen geht. Ich war einmal auf einer Konferenz in Berlin zu Marxismus und da haben wir uns ein Wochenende quasi ausschließlich mit dem ersten Band des Kapitals beschäftigt. Bei den Studierenden habe ich oft das Gefühl, dass sie enttäuscht sind, dass Marx‘ Schriften kein Baukasten für die Revolution sind. Die sind dann oft irritiert, wenn wir Marx in erster Linie dazu nutzen, zu erklären, warum die Welt so beschissen ist.

Wenninger: Zum Teil ist diese falsche Vorstellung auch eigenes Verschulden. Gerade in der Geschichtswissenschaft lese ich viele marxistische Texte, die sehr langweilig sind. Das geht ganz mechanisch in die Richtung: „Wann hat der blöde Bauer endlich kapiert, wer der Feind ist, organisiert sich und bringt den Grundherren um?“. Die Balance fehlt dann oft. Entweder es ist ein riesiger Themenkomplex, den man da behandelt und die Erklärung bleibt oberflächlich oder es ist eine totale Nische. Wir müssen aber wieder große Würfe wagen.

Lichtenberger: Ich stimme dir total zu, aber das ist sehr schwer geworden. Das jemand ein ganzes Buch als Doktorarbeit schreibt, wird ja immer seltener. Stattdessen machen die Leute dann ein paar Paper und das reicht ja auch. Aber in einem Paper kannst du keine wesentliche Fragestellung ausführlich bearbeiten.

DerMoment: Welche Rolle spielt der Marxismus bei euch auf der Uni?

Lichtenberger: Bei uns ist die sehr groß. Mit den Professuren von Birgit Sauer und Ulrich Brand sind die Ressourcen für kritische Lehre recht umfassend. Wir haben jetzt letztens eine Ringvorlesung zum 200. Geburtstag von Karl Marx organisiert, die wir jetzt auch fortführen. Wir kooperieren als Institut mit anderen Institutionen wie den Volkshochschulen und der Arbeiterkammer. Das unterscheidet uns explizit. Die Rolle, die Marx spielt, ist auf jeden Fall eine Besonderheit.

Wenninger: Bei uns ist das schon anders. Ich biete gerade eine Lehrveranstaltung zum historischen Materialismus an. Da haben mich dann drei irritierte Anfragen erreicht, ob ich jetzt vorhabe da marxistische Theorie zu betreiben (lacht). So ist die Stimmung auf der Geschichtswissenschaft. Da gibt es, meines Wissens nach, überhaupt niemanden, der in Verruf geraten wollen würde, MarxistIn zu sein.

DerMoment: Das heißt am Institut für Zeitgeschichte gibt es keine marxistische Lehrinhalte?

Wenninger: Was es gibt, sind Veranstaltungen zum roten Wien und manchmal linke Impulse. Aber Leute die sich offensiv mit marxistischer Theoriebildung beschäftigen, wären mir keine bekannt.

DerMoment: Was treibt euch an, Lehrveranstaltungen zu marxistischer Theorie zu machen?

Wenninger: Ohne geht es nicht. Wie soll man Politik erklären, ohne sich mit Machtverhältnissen in einer Gesellschaft auseinanderzusetzen? Das ist nicht machbar. Und dafür braucht es ein Verständnis, worauf man sich berufen kann. Das ist der historische Materialismus.

DerMoment: Gibt es im Angesicht der Krise in der Lehre eine Renaissance des Marxismus?

Wenninger: Bezogen auf die Geschichte würde ich sagen: keine Unmittelbare, weil wir die Krise historisch nicht bearbeiten. Aber es gibt eine höhere Akzeptanz. Früher bist du gleich im Spinnereck gestanden, wenn du Marx auch nur erwähnt hast, ohne dich vollinhaltlich zu distanzieren. Jetzt denken sich die Leute im Mainstream eher: „Vielleicht ist irgendwas an dieser Spinnerei doch ganz interessant, lassen wir sie es mal machen“

Lichtenberger: Frank Schirrmacher hat im Wall Street  Journal im Zuge der Krise festgestellt, dass Marx recht hatte. Das war symptomatisch. Marx ist damals auch wieder in den Bestsellerlisten aufgetaucht. Auch wenn die Leute das eher als Dekorationsgegenstand verwendet haben (lacht).

Wenninger: Die einschneidenste Veränderung seit der Krise ist, dass es eine größere Nachfrage gibt. Mein Eindruck ist der, dass sich mittlerweile auch liberale Mittelschichtkids denken, dass Marx leiwand ist. Spielt der 200. Geburtstag in diesem Hinblick auch eine Rolle?

Lichtenberger: Ich bekomme Einladungen aus allen Ecken zum Thema Marx. Das ist schnell erklärt: Wenn man Frau und Marxismus googlet, tauchen zirka zehn Namen auf und einer davon ist meiner. Da kommen Anfragen aus den verschiedensten Organisationen von den verrücktesten Orten. Katholische Organisationen sind da irre interessiert, aber es gibt einfach generell ein größeres Interesse am Marxismus.

DerMoment: Politisch merkt man das aber nicht?

Lichtenberger: Mein Eindruck ist bei den Studierenden ein anderer wie der von Florian. In den letzten Semestern haben wir uns sehr oft dafür rechtfertigen müssen, dass wir Marx lesen. Die sagen dann, dass die Texte nicht objektiv, sondern nur ideologisch sind. Objektiv ist in ihren Augen nur der Mainstream.

Der Moment: Warum ist das so?

Lichtenberger: Die Zeit für die Organisierung fehlt. Die Leute arbeiten entweder nebenbei oder machen ein zweites Studium, je nach sozialer Herkunft. Außerdem hat sich auch das Studieren verändert. Die Leute machen sich einen irrsinnigen Druck, schnell fertig zu werden. Oft habe ich den Eindruck, dass es den Studis peinlich ist, zuzugeben, einmal ein Studium abgebrochen zu haben.

Wenninger: Gesamtgesellschaftlich ist jetzt auch eine Generation am Drücker, die in der Blütephase der liberalen Ära politisch sozialisiert wurde. In der mittleren und oberen Funktionärsebene dominieren diese Menschen. Die sind an der Macht, auch wenn sie nicht verstehen, was sich momentan abspielt, die können sich die Krise gar nicht erklären. Die verstehen offensichtlich nicht, was sich rund um sie abspielt. Da würde der Marxismus helfen. (MS, MA)

 

Florian Wenninger unterrichtet an der Universität am Institut für Zeitgeschichte. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit dem Austrofaschismus.

Hanna Lichtenberger unterrichtet an der Universität Wien, vor allem am Institut für Politikwissenschaft im Fachbereich für Internationale Politik. Sie schreibt momentan an ihrer Dissertation.

 

Zur Gesamtausgabe der Kongresszeitung DerMoment.

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