Niermann Oliver: Partizipationsprozesse als Strategie zur Anregung sozialer Lernprozesse bei der Entwicklung nachhaltiger Wohnformen

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 6 „Wohnen, Urbanisierung und Raumplanung”

„Partizipationsprozesse als Strategie zur Anregung sozialer Lernprozesse bei der Entwicklung nachhaltiger Wohnformen”

Die Entwicklung nachhaltiger und gemeinschaftlicher Wohnformen ist in den vergangenen Jahren zu einem wahrnehmbaren Trend und zu einer Alternative zum herkömmlichen und kommerziell entwickelten Wohnbau geworden. Dabei ist ein neuer Pluralismus von Wohn- und Lebensentwürfen festzustellen, sowohl hinsichtlich der Motivation, diese neuen Lebensentwürfe auch räumlich zu leben, als auch hinsichtlich des baulich-physischen Ausdrucks und der Entwicklungsstruktur.

Die Idee, gemeinschaftlich und (oftmals) unabhängig von gängigen Marktmechanismen und – strukturen, Wohn- und Lebensraum zu schaffen ist aus ihrem vormaligen gesellschaftlichen Schattendasein getreten und ein Querschnittsthema geworden, welches sich durch die verschiedensten Lebensstile zieht und eine breite Basis an Interessen trägt.

Diese Wohnformen begegnen aktiv, je nach spezifischem Fokus, ökologischen, ökonomischen und sozialen Problematiken und entsprechen weitestgehend einer als nachhaltig zu bezeichnenden Lebensweise. Dabei unterstützen diese Wohnprojekte sozial- innovative Lebensentwürfe und stellen, neben dem Angebot günstigen Wohnraums und dem Verfolgen ökologischer Strategien, eine Erweiterung der üblichen Wohnroutinen dar, da die soziale Interaktion der BewohnerInnen über das übliche hinausgehen, teilweise bis zur aktiven gegenseitigen Unterstützung in alltäglichen Lebenssituationen.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und global immer signifikanterer Megatrends, wie dem sogenannten demographischen Wandel in den westlichen Industrieländern, dem anthropogen induzierten Klimawandel und den allgemein als negativ prognostizierten gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen, scheint es mittlerweile als gesetzt zu gelten, dass neue Wohnformen eine Strategie sein können, um den Auswirkungen dieser Prozesse auf dem Individualniveau zu begegnen.

Dabei werden dem bewusst gemeinschaftlichen Wohnen in verdichteter Bauweise Potentiale und Synergien unterstellt, die die Auswirkungen eben jener Prozesse zielgerichtet kompensieren sollen. Valide empirische Untersuchungen sind bisher noch nicht getätigt worden. Erschwert wird der Zugang durch die Komplexität und den bislang eher kurzen Etablierungszeitraum dieser oft noch alternativen Projekte.

Unter verschiedenen Themen und auf unterschiedlichen qualitativen Niveaus haben sich die sogenannten neuen Wohnformen in den letzten 10 Jahren also zu einem Thema entwickelt, deren städtebauliche Relevanz langsam und nicht nur von Spezialisten erkannt wird und die man als besonders innovativ wahrnimmt.

Darüber hinaus ist zudem belegt, dass auf einer Individualebene, die aktive Partizipation an der Planung und dem Bau des eigenen Wohn- und Lebensraumes einen Prozess sozialen Lernens darstellt, der eine größere Raumaneignung ermöglicht und das soziale und ökologische Bewusstsein erweitert.

Grundsätzlich kann man die Projekte wohl als Versuch interpretieren, sich Repräsentationsräume zu schaffen, die als Rahmen für die jeweiligen differenzierten Lebensentwürfe dienen, und die als räumliche Bedingungen im Standardrepertoire der konventionellen und kommerziellen Wohnbauwirtschaft nicht zu finden sind.

Die bisher dokumentierten Projekte wurden jedoch oft von early adopters bottom up organisiert, das heißt, dass bereits ein grundlegendes soziales und ökologisches Bewusstsein vorhanden gewesen sein muss, welches sich in entsprechenden ergebnisorientierten Strategien kanalisiert hat.

Die als positiv zu wertenden Qualitäten gemeinschaftlicher und nachhaltiger Wohnformen sind jedoch zukunftsweisend und weisen einen gewissen Grad an wirtschaftlicher und räumlicher Emanzipation auf, d.h. teilweise werden konventionelle Versorgungs- und Verhaltensroutinen durch alternative Konzepte substituiert.

Vor dem Hintergrund vor allem der ökologischen Dimension scheint es sinnvoll die Qualitäten auf eine breitere Basis zu etablieren, da Wohnen und die Entwicklung von Wohnraum eine relevante Umweltbelastung darstellen. Die Entwicklung von nachhaltigen Wohnprojekten kann dann eine Strategie sein, die durch kommerzielle Wohnbauträger verfolgt werden kann,    wenn versucht wird, im Rahmen kommunikativer Partizipationsprozesse soziales Lernen auch für solche Wohnungssuchende zu ermöglichen, die auf Grund ihrer ökonomischen oder sozialen Situation bisher nicht die Möglichkeit hatten, sich mit den Themenbereichen entsprechend auseinanderzusetzen. Das soll eben nicht den von Häußermann als Erziehungswohnbau bezeichneten Standardwohnbau reproduzieren, sondern neues Wohnbewusstsein schaffen und bedarfsnah und sozial gerecht Lebensraum entwickeln. Gleichzeitig können dabei nachhaltige Verhaltensroutinen kommuniziert werden und Bewusstsein für geschlechtergerechte Raumkonzeptionen geschaffen werden.

Die Option einer solchen neuen strategischen Ausrichtung ist im überwiegenden Teil der Wohnbauindustrie jedoch noch nicht aufgenommen worden, obwohl das standardisierte Marktangebot den sich zunehmend pluralisierenden Ansprüchen wohnungssuchender Menschen nicht (mehr) gerecht wird. Dabei wäre ein individueller gestaltetes Wohnprodukt aus einer Markt- und Angebotsperspektive der logische Schritt als Reaktion auf die Ausdifferenzierung von Lebensstilen und Wohnbedürfnissen, die sich mit einer gesellschaftlich verantwortlichen und nachhaltigen Wohnkultur mit einer geeigneten Methodik ohne einen signifikanten Mehraufwand realisieren lassen würde.

Oliver Niermann

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AutorIn Momentum 2011-05-17 11:42:01