Momentum als Vorbild?

25. Sep 2010

Nachgereicht: Rainer Land über Momentum

Am 17. September 2010 fand in Berlin das Auftaktssymposium der Initiative Linksreformismus statt. Die Eröffnungsrede hielt der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land. Wir sagen Danke für diese motivierenden Worte.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde einer neuen linken Reformpolitik, diejenigen eingeschlossen, die nur mal sehen wollen, was dabei rauskommen könnte! Mit unserem Call for Papers „Mit Linksreformismus aus der Krise?“, erschienen im Frühjahr diesen Jahres, wollen wir nicht mehr und nicht weniger als einen neuen Raum für einen gesellschaftsstrategischen Reformdiskurs öffnen. Ob es gelingt, wird man sehen, bisher geht es ganz gut. Ausgangspunkt dieser Unternehmung war der Momentum-Kongress in Hallstatt, Österreich, zu dem mich Nikolaus Kowall und Leonhard Dobusch im vergangenen Herbst als Gast eingeladen hatten. Ich war da und war fasziniert. Von der Atmosphäre, aber noch mehr von der Qualität der Diskussion. Ich habe an einem Track teilgenommen, der sich zwei Tage lang mit der globalen Finanzmarktkrise befasst hat, mit ihren Ursachen und mit den Möglichkeiten einer Re-Regulierung, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Ich verstehe davon auch ein wenig und ich muss sagen, dass ich diese Qualität, Bedächtigkeit, Nachdenklichkeit und die Lerneffekte dieser Debatte hier in Deutschland noch nie erlebt habe. Sicher gibt es auch hier exzellente Wissenschaftler, die präzise und treffend dazu argumentieren können. Und bestimmt war der Diskurs in Hallstatt aus einer rein akademischen Perspektive nicht unbedingt haushoch besser als er hier in einem Seminar wäre – obwohl man schon eine Weile suchen müsste. Nur hier sind wir ganz schnell bei Selbstgewissheiten, alle wissen genau, was los ist und was man machen muss, vor allem, was andere falsch gemacht haben. Und abgesehen davon, dass das, was der eine sagt, meist nicht zusammenpasst mit dem Experten in der anderen Zeitung oder der anderen Fraktion: die Selbstgewissheit der Experten ist verdächtig, sieht nach Lobbyarbeit für die eine oder die andere Fraktion aus und die Tatsache; dass niemand offene Fragen, Zweifel oder Forschungsbedarf öffentlich äußert, ist recht verdächtig. Dort in Hallstatt wusste man nicht schon alles ganz genau und hatte auch nicht diese oder jene Rezepte bei der Hand, sondern forschte und suchte und hörte einander zu. Und das Zuhören hat einen bemerkenswerten Effekt: der Redende ist auf einmal nicht mehr dabei, die anderen nieder zu argumentieren, sondern hört auch zu, bekommt Fragen und Zweifel, denkt nach, wird klüger. Ein faszinierendes Erlebnis. Das wollen wir hier auch haben. Und was ist das Geheimnis? Na, die Österreicher sind eben mental anders. Nicht so aggressiv, gemütlicher. Und sie sind ja nur ein kleines Land, stehen nicht so wie wir Deutschen in der Verantwortung, alles besser wissen zu müssen. Da kann man schon mal zuhören, aber wir hier können uns das nicht leisten? Na so ein Quatsch. Es lag ganz klar an dem Verfahren, an der Art, wie der Momentum-Kongress vorbereitet, organisiert und strukturiert war. Das kann man zwar nicht kopieren, aber man kann versuchen, davon zu lernen. Das wollen wir hier versuchen, mal sehen, was heraus kommt. Linksreformismus-Auftakt: Eröffnungsrede von Rainer Land