Moldaschl Thomas: Der Mensch als des Menschen Mittel zum Zweck

26. Jul 2011

Reflexion der Mensch-Mensch-Beziehung in ökonomischen Austauschverhältnissen in der philosophischen Analyse von Karl Marx

Das Konzept der Anerkennung (MEGA Band IV.2, 447ff), wie es Karl Marx in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten entwickelt, stellt eine Theorie der Mensch- Mensch-Beziehung dar und wie diese von den beteiligten Subjekten wahrgenommen wird (vgl. Quante 2009, 278ff). Marx bettet seine philosophische Analyse dabei in den Kontext kapitalistischer Austauschprozesse ein und zeigt somit die Auswirkung der modernen Produktionsverhältnisse und des marktwirtschaftlichen Austausches auf die Verhältnisse zwischen den Menschen. Die dabei aufgezeigte Entpersonalisierung oder Entmenschlichung der subjektiven Beziehungen der Menschen zueinander spiegelt sich in der heutigen Mainstream-Ökonomie wieder, in der von rationalen und objektiven Marktverhältnissen ausgegangen wird. Marx hingegen zeigt, dass durch die im Austauschprozess der arbeitsteiligen Wirtschaft von statten gehende Entfremdung (MEW EB 1, 510ff) der Menschen eine Verschiebung der Wahrnehmung stattfindet (so zum Beispiel im Warenfetisch, siehe MEW 23, 85ff), welche für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatale Folgen hat. Zentral ist dabei unter anderem die Verschiebung wie andere Menschen wahrgenommen werden. So beschreibt Marx, dass sich Menschen nicht mehr gegenseitig als Subjekte wahrnehmen, sondern nur noch als Objekte beziehungsweise als Mittel zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse (MEGA Band IV.2, 464f).

Auf den Märkten existieren keine persönlichen Beziehungen mehr, sondern ausschließlich Zweckbeziehungen, welche auf die Erreichung egoistischer und individualistischer Ziele ausgerichtet sind. „Ich habe für mich produciert und nicht für dich […] D.h. unsere Productionen sind keine Productionen des Menschen für den Menschen als Menschen, d.h. keine gesellschaftliche Production“ (ebd., 462). Damit lässt sich in dieser frühen Schrift von Marx (verfasst 1848) bereits eine Wurzel finden für die heutzutage oft konstatierte Atomisierung der Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Folgen der Entfremdung der Menschen voneinander, quasi ein Nebenprodukt der kapitalistischen Produktions- und Distributionsweise, findet sich bei Marx in verschiedenen Werken wieder. Sei es nun im Manifest, wo Marx beschreibt wie der Kapitalismus „die buntscheckigen Feudalbande“ (MEW 4, 464) zerrissen hat und jedes gesellschaftliche Verhältnis auf ein „reines Geldverhältnis zurückgeführt“ (ebd., 465) hat, oder auch im ersten Band des Kapitals, wo Marx mit dem Begriff der Charaktermasken (MEW 23, 99ff) der von ihm analysierten ‚Objektivierung‘ von Menschen eine neue Bezeichnung gibt. Die neoliberale Ideologie behauptet, dass Märkte Institutionen der wahren Freiheit und Gleichheit sind. In der neoklassischen Mikroökonomie werden Märkte beschrieben als das Zusammentreffen von freien KäuferInnen und VerkäuferInnen, die ihre Waren nur dann austauschen, wenn dieser Tausch für beide einen Nutzen verspricht (Varian 2004, 71ff).

In dieser Absicht begegnen sich somit beide scheinbar als Gleiche. Doch genau dieses reine Nutzendenken wurde von Marx bereits kritisiert, noch bevor es in die herrschende Ökonomielehre in der Form von Nutzen- und Präferenzkurven (siehe Varian 2004, 33ff) Eingang gefunden hatte. Wenn andere Menschen nur noch durch den Nutzen, den sie mir mit ihrer Arbeit stiften können von Relevanz sind, dann geht jegliche Gleichheit zwischen den Menschen verloren. Dann bin nur noch ich ein Subjekt mit Bedürfnissen, deren Befriedigung mein Ziel ist, während die anderen Menschen bloß noch ein Objekt sind, das Mittel, mittels dem ich meine Bedürfnisse befriedigen kann. Die Bedürfnisse der anderen sind für mich selbst nur noch von Bedeutung, als dass ich diese zur Erreichung meines Zieles ausnützen kann und muss (MEW EB 1, 547). So erklärte uns schon der Vater der Volkswirtschaftlehre Adam Smith im Wohlstand der Nationen, dass wir nicht an die Nächstenliebe unserer Mitmenschen appellieren sollen, sondern an deren Egoismus und Eigennutz (Smith 2005, 17). Marx zeigt in seiner Analyse allerdings auf, dass eine derart von Eigennutz getriebene Gesellschaft schon in der gegenseitigen Wahrnehmung der Individuen keine Gesellschaft der Gleichen mehr sein kann, denn in solch einer Gesellschaft ist „der Mensch selbst uns wechselseitig werthlos“ (MEGA Band IV.2, 465). Die sich aus der Reflexion dieser philosophischen Überlegungen ergebende zentrale Frage ist, ob eine arbeitsteilig-kapitalistische Wirtschaftsform überhaupt dazu in der Lage ist eine Gleichheit zwischen den Menschen herzustellen, oder ob sie nicht viel mehr jegliche Gleichheit systematisch zerstört.

Gleichheit wird in diesem Fall nicht als materielle Gleichstellung verstanden, sondern als eine gegenseitige Anerkennung als Individuen und Menschen mit Bedürfnissen. Methodische Vorgehensweise Um diese Frage beantworten zu können wird zunächst eine Darstellung und Reflexion des Konzepts der Anerkennung in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten bei Karl Marx durchgeführt. Anschließend folgt eine Analyse der Wiederverwendungen und Weiterentwicklungen dieses Konzepts in einzelnen Werken von Marx, um einen Überblick über die gesellschaftlich-prozessualen Zusammenhänge herstellen zu können. Außerdem wird ein Blick auf die heute gelehrte Mikroökonomie geworfen und deren Annahmen und Konzeptionen zum Austausch auf Märkten kurz unter die Lupe genommen. Dadurch wird die Marxsche Kritik an den Entfremdungsprozessen durch Märkte dem Gleichheitsversprechen der Märkte in der neoklassischen Ökonomietheorie gegenüber gestellt. Somit stellt die vorliegende Arbeit nicht nur einen gesellschaftskritischen Anspruch, sondern auch eine Kritik an der Wirtschaftswissenschaft dar. Abschließend wird die wirtschaftspolitische Perspektive der durch die vorhergehenden Analyse gewonnenen Erkenntnisse beleuchtet und der Frage nachgegangen werden, ob und wie Gleichheit und kapitalistische Austauschprozesse zueinander passen beziehungsweise welcher alternativen Organisationsform es benötigen würde um das Ideal der Gleichheit herzustellen.

Quellen: Kaufmann, Franz-Xavier 1984: Markt, Staat und Solidarität bei Adam Smith. Campus Verlag. Frankfurt am Main Marx, Karl/ Engels, Friedrich 1844: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte. In: MEW Ergänzungsband 1 (1968). Dietz Verlag. Berlin In: MEGA² Band IV.2 (1981). Akademie Verlag. Berlin Marx, Karl/ Engels, Friedrich 1848: Manifest der kommunistischen Partei. In: MEW 4 (1959). Dietz Verlag. Berlin Marx, Karl/ Engels, Friedrich 1867: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie: Erster Band – Der Produktionsprozess des Kapitals. In: MEW 23 (1962). Dietz Verlag. Berlin Smith, Adam 2005/1789: Der Wohlstand der Nationen. Deutscher Taschenbuch Verlag. München Varian, Hal R. 2004/1987: Grundzüge der Mikroökonomik. R. Oldenbourg Verlag. München Quante, Michael 2009: Karl Marx Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Kommentar von Michael Quante. Suhrkamp. Frankfurt am Main

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