Meissel, Lukas; Kienesberger, Klaus: Demokratiebildung durch Film?

12. Dez 2012

In unserem Beitrag werden wir uns mit dem Film „Todesmühlen“ auseinandersetzten, der 1945 von Hanuš Burger im Rahmen der „Re-Education“-Programme der Alliierten gedreht wurde. Die Vorgeschichte des Films und die Ansprüche an das Projekt sowie die Wirkung des Films auf das deutsche und österreichische Publikum werden ebenso wie theoretische Fragen nach Film und Demokratie Thema sein. Ausgehend vom historischen Beispiel werden folgende Fragestellungen den roten Faden des Beitrages darstellen: Inwieweit kann Film als modernes Massenmedium als Mittel zur „Demokratiebildung“, also einer verstärkten gesellschaftlichen Annahme demokratischer Ideen bzw. der Entwicklung demokratiepolitischer Strukturen, eingesetzt werden? Ist es möglich, durch gezielt produzierte Filme demokratische Meinungsbildungsprozesse zu forcieren? Und inwiefern ist dieser Anspruch mit einem demokratischen Grundverständnis von Gesellschaft vereinbar? Die spezifische, teils sehr gut dokumentierte Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von „Todesmühlen“ machen ihn zu einem besonders guten Beispiel, um auf diese Fragestellungen einzugehen.
Der Film „Todesmühlen“ wurde 1945 als Aufklärungsfilm über die nationalsozialistischen Verbrechen für ein deutsches und österreichisches Publikum gedreht. Er war somit Teil eines breit angelegten Demokratisierungsprojektes der Alliierten, welches heute mit dem Begriff der transitional justice umschrieben werden kann. Nach anfänglichen Debatten über den konkreten Inhalt des Films wurde er schließlich auf Basis von Dokumentaraufnahmen gedreht, die zu einem Großteil direkt nach der Befreiung in unterschiedlichen Konzentrationslagern aufgenommen wurden. Der 20-minütige Film sollte von so vielen Deutschen und ÖsterreicherInnen wie möglich in den Kinos gesehen werden. Idee der Verantwortlichen hinter dem Projekt war es, das Publikum mit Fragen nach eigener Schuld und Verantwortung zu konfrontieren sowie ausgehend von dieser Konfrontation einen Beitrag zu einer allgemeinen Demokratisierung der beiden post-nationalsozialistischen Länder zu leisten ohne dabei einen Propagandafilm zu produzieren. Die Entstehung der Idee zum Film sowie die Dreharbeiten selber sind durch verschiedene Quellen rekonstruierbar. Darüber hinaus wurde von Seiten alliierter Behörden versucht, die Rezeption des Films zu evaluieren. Die dabei entstandenen Studien sind von einmaligem historischem Wert, da sie einen zeitgenössischen Versuch darstellen, den demokratiepolitischen Effekt eines Filmes zu untersuchen.
Ausgehend von einer Beleuchtung der Intentionen der Filmemacher hinter „Todesmühlen“, den systematischen Auswertungen der Publikumsreaktionen auf den Film sowie die daraus abgeleiteten Rückschlüsse der Alliierten lassen sich in einem größeren Rahmen Möglichkeiten, Herausforderungen und Probleme von Filmen als Mittel zur Thematisierung von Demokratie bzw. Demokratiebildung diskutieren. Ein Einblick in längerfristige Auswirkungen von „Re-Education“-Filmen in der DDR rundet den Beitrag ab.

Dokumente zum Download

PAPER: Meissel_Kienesberger_2012 (application/pdf)
Autorin 2012-12-12 19:30:47