Krondorfer Birge: Kritik der Integration – Integrität als Kritik

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„Kritik der Integration – Integrität als Kritik”

Ich bin nicht frei, solange eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich. Ich bin nicht frei, solange noch ein einziger farbiger Mensch in Ketten liegt. Und solange seid auch ihr nicht frei! Audre Lorde

Exklusion und Integration

Dann ist die neue Sprache über euch zusammengeschlagen wie eine langsame Flut, wie stehendes Wasser. Schweigen nicht aus Zorn, der die Worte bis an den Rand der Vorstellung und der Lippen treibt; sondern Schweigen, das den Geist leer macht und den Kopf mit Niedergeschlagenheit erfüllt, so wie der Blick trauriger Frauen, der in irgendeiner inexistenten Ewigkeit verhaftet ist. Julia Kristeva

Die Ursachen für die sog. Desintegration von MigrantInnen werden an kulturell bestimmten Differenzen festgemacht, nicht aber an sozialer Ungleichheit. „Kulturelle Differenz“ ist zur privilegierten Terminologie geworden, um Devianzen als „gefährlich fremd“ zu diagnostizieren und zu problematisieren. Die damit verbundene Integrationsanforderung ist paradox, ihr geht eine Exterritorialisierung voraus. Politisch und gesellschaftlich werden MigrantInnen unsichtbar gemacht um sie auf der anderen Seite als „Problem“ zu registrieren und sie damit wo-anders-hin zu verweisen. Ungleichheit wird zur Selbstverständlichkeit – auch die Betroffenen identifizieren sich mit ihrer marginalisierten Position.

Diese Vorstellung von ‚Kultur‘ ist zugleich an die Vorstellung von fixen Ethnien gekoppelt. Daher scheint sich lediglich eine Alternative zu ergeben: das Modell eines krassen Nebeneinanders ethnischer Gruppen (Apartheit) oder das Bild einer Vielfalt in der Einheit, wobei letztere durch eine nationale Werteordnung vorgegeben ist. Diese Ordnung wird nicht demokratisch – also auch mit MigrantInnen – ausgehandelt, sondern ist a priori existent und ermöglicht lediglich eine Unterwerfung bzw. Selbstanpassung.

Erst durch die Kritik am hegemonialen Integrationsdiskurs kommen die strukturellen Bedingungen der Desintegration und der Anspruch auf (staats)bürgerliche Zugehörigkeit und demokratische Partizipation in den Blick. Marginalisierte bleiben nicht länger Objekte, sondern können zu Sprechenden werden.

Doch bei den Analysen um strukturelle Diskriminierung dürfen die ‚Objekte’ der Diskriminierung weder bloß zu Opfern oder im Gegenzug zu HeldInnen gemacht werden. Folglich wird es um die Kunst der Unfügsamkeit und eine ‘Genealogie des Schweigens’ gehen müssen, die idealerweise Fundamente für die Entwicklung von Strategien zur sozialen Veränderung hervorbringen könnten. (nach Maria d. M. Castro Varela)

Doch davon ist ‚man’ in Österreich weit entfernt: ‚Unsere’ „nationalstaatliche Nostalgie funktioniert über die Erfindung von Feinden. Feinde dienen der Herstellung und dem Erhalt von Angst. Besondere Angst macht der Feind innen. … Ausländer ist der Begriff (dafür) … der wiederum das Abstraktum der Kategorie Feind für eine Staatsvorstellung sicherstellt, die versucht, die Vermischung des Politischen und des Ökonomischen zu leugnen. … Diese Feinde im Inneren sind ganz nach den eigenen Vorstellungen patriarchal in Blutsbanden entworfen. Das stellt einen weiteren Versuch des Rückgängig Machens von mittlerweile auch gelebter Realität einer Geschlechterdemokratie dar. … Nach Foucault geht es darum, dass zu viel regiert wird. Bei uns kommt es gar nicht so weit. Es wird die staatliche Gewalt mehr ausgeübt, als gestaltet. Zu Demokratie kommt es da selten und höchstens zufällig.“

Inklusion und Integrität

Aber das Eigene muß genauso gut gelernt sein wie das Fremde. Friedrich Hölderlin

Die Etymologie zu ‚Integration’ ist aufschlussreich: „Integration: kommt von integer: unbescholten, makelos. (griech: entagos – unberührt, unversehrt, ganz). Negation von: tangere: berühren. Im Deutschen hat eine besondere Rolle die Ableitung vom lat. integer zu lat. integrare: heil, unversehrt machen, wiederherstellen, ergänzen. Integratio: Wiederherstellung eines Ganzen.“ Nicht nur die Verbindung von Integration mit Integrität ist augenfällig, sondern auch die Konnotation mit ‚Unberührbarkeit’, dessen zwiespältige Bedeutung hier Anstoß zum Weiterdenken anbietet.

Wenn die jeweils eigene Identität nur aufgrund der Differenz zu allen anderen Identitäten existiert, dann ist soz. jede/r jeder/m fremd. Der Umgang mit Fremdheit liegt im Spannungsfeld von Ausrottung und Einpassung – eine gelungene Anerkennung von Differenzen blieb bislang Ideal. Hegel formulierte die Dialektik, dass ein Selbstbewußtsein nur unter der Voraussetzung eines anderen Selbstbewußtseins existiere, wobei beide ‚um Leben und Tod kämpfen’ und dies mit der Unterwerfung der einen Seite endet. Stimmig daran prinzipiell ist, dass Anerkennung durch Andere der Selbst-Anerkennung vorgelagert ist. Doch: „Das Problem der Ansprache, der Wahrnehmung, der Einbeziehung und Anerkennung des Migrationsanderen in seiner Andersheit besteht darin, dass sie im Akt der Anerkennung die Logik, die das Anderssein und das Nicht-Anderssein produziert, wiederholt und bestätigt.“ Und nicht nur das erweist sich als ein verknoteter Widerspruch, sondern dieser Prozess produziert noch ein weiteres Paradox: die ‚Anderen’ werden erst zu handlungsfähigen Subjekten, wenn „sie sich in jener vorherrschenden gesellschaftlichen Struktur darstellen, begreifen und artikulieren, in der Subjekt-Sein überhaupt … möglich ist. Zugespitzt könnte gesagt werden: Wechselseitige Anerkennung ist etwas für Privilegierte, für jene, die über den Status verfügen, dem Ideal des ‚handlungsfähigen Subjekts’ relativ nahe zu kommen.“

Diese Dilemmata werden ganz ähnlich in den feministischen und gendertheoretischen Diskursen debattiert. Wobei dies weniger unter dem Label ‚Integration’, denn unter Gleichheit – Ungleichheit diskutiert wurde und wird. Eine vergleichende Analyse der beiden Diskurse steht noch aus, da die Debatte allererst um die Differenzen unter Frauen (Mehrheits – vs. Minderheitsangehörige) geführt wurde und wird.

In den nicht nur post/feministischen Debatten um Anerkennung wird zumeist nicht mitbedacht, dass diese letztlich immer auf zumindest einen Restpunkt an (Selbst-) Identitärem hinaus laufen (müssen) und der Kampf um die Anerkennung aller Partikularitäten den (ungewollten) Effekt der Übereinstimmung mit dem Neoliberalismus zur Gefahr haben.

Um mit Foucault zu sprechen: „Ich glaube, das wichtigste Kennzeichen unserer politischen Rationalität ist, dass die Integration des Individuums in eine Gemeinschaft oder in eine Totalität aus der stetigen Korrelation zwischen einer wachsenden Individualisierung und der Stärkung eben dieser Totalität resultiert.“

Oder anders gesagt: Der Kapitalismus als materialisierter Weltgeist zementiert eine immaterielle Kohärenz durch das Prinzip der allgemeinen Äquivalenz, die uns zur Systemimmanenz verurteilt und nichts mehr aus/sen lässt. Politik, die noch Widersprüche zur Erscheinung bringen könnte, wird zur Systemfunktion. Wo gibt es in diesem universalisierten System, das sich selbst die passende Wahrheit schafft und umso mehr davon produziert, je mehr Menschen in ihm leben, überhaupt Räume und Zeiten der Distanz?

Es könnte eine Annahme sein, dass gerade die Exkludierten als nicht gleich -‚artig’ Partizipierende, mehr Sinn für die Orte der Systemkritik und – überschreitung einnehmen könnten.

Das wäre ein Plädoyer für einen Einsatz gegen den Wunsch nach Inklusion. Oder pointiert und diskussionswürdig: Integrität heißt keine Integration!

Birge Krondorfer

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Beitrag_Krondorfer (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-20 12:15:38