Kowall Nikolaus: Neoklassischer Wettbewerbsstaat & keynesianischer Kooperationsstaat

26. Jul 2011

(Auszug)

Eine theoretische Gegenüberstellung gleicher und ungleicher Wettbewerbungsbedingungen

„»Wir werden aus Deutschland herausholen, was man nur aus einer Zitrone pressen kann, und noch etwas mehr«“,[1] zitiert Keynes in den „Economic consequences of the peace“ – jenem Werk das den Ökonomen schlagartig weltberühmt machte – die Vorhaben des britischen Premierministers Lloyd George für die Friedensverhandlungen von Versailles 1919. Getragen von einer Welle des Revanchismus wollten die Verbündeten der Entente aus dem wirtschaftlich völlig daniederliegenden Deutschland über Jahrzehnte beachtliche Reparationszahlungen beziehen. Keynes betonte, dass Deutschland diese Reparationen nur in Waren zahlen könne, Voraussetzung dafür wäre jedoch dass es mehr Waren ausführt, als einführt, also ein Leistungsbilanzüberschuss erzielt. [2] Der Ökonom wies darauf hin, dass Deutschland bereits vor Kriegsbeginn eine nicht unwesentliche negative Handelsbilanz aufwies und unter Hinzurechnung der wirtschaftlichen Schäden des Krieges „nicht nur keinen Überschuss für Zahlungen ans Ausland hat, sondern nicht einmal annähernd imstande sein wird, sich selbst zu versorgen.“[3]

Da an höhere Exporte nicht zu denken ist, spielt Keynes den Gedanken durch, den deutschen Leistungsbilanzsaldo durch eine Reduktion der Importe positiv werden zu lassen. Dafür wäre eine Herabsetzung des Wohlstandsniveaus notwendig.[4] Doch auch hier ergibt sich ein praktisches Dilemma, denn „viele große Posten lassen keine Herabsetzung zu, ohne auf den Umfang der Ausfuhr zurückzuwirken.“[5] Keynes sieht unter den damaligen Bedingungen keine Möglichkeit die hohen deutschen Reparationen zu begleichen und er kommt zu dem Schluss, dass Deutschland nur dann Zahlungen leisten könne, wenn es vorher wirtschaftlich wieder auf die Beine käme. „Wenn die Verbündeten Handel und Industrie Deutschlands für einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren »förderten« (…) ließe sich wahrscheinlich eine wesentlich größere Summe aus ihm herausschlagen, denn Deutschlands Leistungsfähigkeit könnte sehr groß sein (…).[6]

Auf einen pikanten Umstand macht im Vorwort zu den „Economic consequences“ die deutsche Historikerin Dorothea Hauser aufmerksam. Die Voraussetzungen zur Begleichung der Reparationen waren nicht nur aus inneren wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus äußeren handelspolitischen Gesichtspunkten gar nicht gegeben. „Denn die Alliierten, auch die USA, weigerten sich strikt, die großen Handelsbilanzdefizite mit Deutschland zu akzeptieren, die für erfolgreiche Reparationszahlungen in Gold und ausländischen Währungen notwendig gewesen wären. (…) Dies bedeutete aber, dass Deutschland die Exportüberschüsse die es zur Reparationstilgung gebraucht hätte, gar nicht aktiv erwirtschaften konnte.“[7]


[1] Keynes (2006), S. 91

[2] vgl. Keynes (2006), S. 98

[3] Keynes (2006), S. 98

[4] vgl. Keynes (2006), S. 99-100

[5] Keynes (2006), S. 100

[6] Keynes (2006), S. 101-102

[7] Hauser (2006)

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BarbaraKapeller 2013-01-14 07:47:10

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AutorIn Momentum2011 2011-07-26 09:45:44