Kienesberger Klaus, Meissel Lukas: Widerstandsgeschichtsschreibung zwischen gezielter Inszenierung und verschämten Verstecken. Die Erzählung vom Widerstand im Salzkammergut

26. Jul 2011

Vorgeschichte
Der organisierte Widerstand im Salzkammergut zwischen 1933 und 1945 gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus bildet einen zentralen Referenzrahmen für die Erinnerung an den Widerstand und vor allem kommunistische Identitätspolitik. Persönlichkeiten wie Sepp Plieseis, Albrecht Gaiswinkler aber auch der Schriftsteller Franz Kain prägten das Bild einer Widerstandsgruppe, die weit über die regionalen Grenzen hinaus Bekanntheit erlangte und die die eigene Geschichte auch gezielt politisch zu inszenieren vermochte.

Auf der anderen Seite erfuhr der Widerstand im Salzkammergut bereits in den ersten Jahren der Zweiten Republik einen enormen Bedeutungsverlust und die Leistungen des Widerstands wurden zunehmend durch die Etablierung eines allgemeinen Gedenkens an den Krieg ersetzt.

In unserem Beitrag wird der Geschichte der Erzählung von Widerstand im Salzkammergut nachgegangen. Die Mechanismen von Geschichtsschreibung als Mittel der hegemonialen Gestaltung von (Geschichts-)politik stehen dabei im Vordergrund.

1.    Geschichte des Widerstands im Salzkammergut
In einem ersten Schritt wird die Geschichte des (organisierten) Widerstands im Salzkammergut kurz dargestellt: Strukturen und handelnde Personen werden ebenso vorgestellt wie die Zielsetzungen und konkreten Aktionen der wichtigsten Gruppierungen. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich um mehrere Gruppierungen handelt und der Widerstand im Salzkammergut kein uniformer war.

2.    Rezeptionsgeschichte: Unsichtbarmachung des Widerstands
Der zweite Schritt widmet sich der daraus entstehenden regionalen und überregionalen Widerstandsgeschichtsschreibung. Es wird nachgezeichnet, wie die Erzählung des vor allem kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstands im Salzkammergut in den ersten Nachkriegsjahren bewusst genutzt wurde, um im Sinne der Moskauer Deklaration österreichische Beiträge zur Befreiung zu dokumentieren und so die Eigenständigkeit Österreichs zu befördern. Doch bereits in den Jahren 1948/1949 setzte die Marginalisierung der Position des Widerstands ein, was einerseits mit der fortschreitenden Reintegration ehemaliger NationalsozialistInnen in das österreichische politische System zu tun hatte, andererseits mit der stark antikommunistischen Prägung der österreichischen Politik, was dazu führte, dass insbesondere die Leistungen des kommunistisch geprägten Widerstands zunehmend aus der regionalen und überregionalen Geschichtsschreibung verschwanden und einer diffusen These aller ÖsterreicherInnen als „Opfer des Krieges“ weichen musste.

3.    Mechanismen und Methoden des Ausschlusses
Der Beitrag konzentriert sich in einem dritten Schritt auf die Geschichte, Strukturen und Mechanismen dieses Ausschlusses. Es wird gezeigt, wie die relevanten gesellschaftlichen Gruppen in Politik und Medien funktionierten, die letztlich die Hegemonie im geschichtspolitischen Diskurs erlangten: Das Zusammenwirken überregionaler und regionaler Kräfte, bewusster politischer Entscheidungen und subtiler Machtmechanismen formten ein diskursives Klima, das insbesondere den aus der ArbeiterInnenbewegung kommenden Widerstand bis in die 1970er-Jahre völlig zudeckte und diesem nur mehr subkutane Wirkmacht ermöglichte.

Erst eine zunehmende politische und soziale Öffnung, im Zuge derer begonnen wurde, die These Österreichs als erstes Opfer des Nationalsozialismus zu hinterfragen und der Elterngeneration Fragen über die nationalsozialistische Vergangenheit zu stellen, ermöglichte es, Widerstand gegen Nationalsozialismus und Austrofaschismus zu thematisieren und zu erforschen. Wesentlich wurde diese Entwicklung durch die Gründung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) befeuert sowie durch die Etablierung neuer historiografischer Werkzeuge: Einerseits trug die zunehmende Fokussierung auf Sozial- und Alltagsgeschichte dazu bei, verstärkt Mikrokosmen zu untersuchen und als Formalobjekt zu betrachten, andererseits waren es neue methodische Elemente wie die Oral history, die es ermöglichten, bislang „sprachlosen“ gesellschaftlichen Gruppen eine Stimme zu geben und somit historische Quellen wesentlich zu erweitern.

4.    Wiederentdeckung des Widerstands — Sichtbarmachung
Diese „Wiederentdeckung“ des Widerstands im Allgemeinen und im Salzkammergut im Speziellen war auch für jene Gruppierungen ein Kampf um die eigene Geschichte, die selbst innerhalb der marginalisierten Widerstandsgeschichte nochmals sprachloser (gemacht worden) waren. Insbesondere waren Frauen ganz wesentlich dafür verantwortlich gewesen, den Widerstand zu organisieren und am Laufen zu halten, ihre Geschichte war jedoch nach 1945 überhaupt nicht erzählt worden.

Die erste Phase der Beschäftigung mit dem Widerstand in den 1970er-Jahren wurde vielfach noch unter der Deutung der Opferthese betrachtet: So entstanden z.B. im DÖW bzw. in Auschwitz Ausstellungen, die den österreichischen Beitrag zur Befreiung besonders heroisch in den Mittelpunkt rückten und der Opferthese implizit affirmativ begegneten. Mit den Affären Reder/Frischenschlager bzw. Waldheim begann die Anziehungskraft der Opferthese zu bröckeln — damit rückte auch die Geschichte des Widerstands sukzessive in den Hintergrund und erfuhr eine weitere — eher unbeabsichtigte — Marginalisierung.

5.    Chancen und Herausforderung: Widerstand als zentrales Element von Geschichtsvermittlung
In den letzten Jahren ist es in der Geschichtsvermittlung im Bezug auf österreichische Zeitgeschichte zu einer starken Fokussierung auf den Holocaust bzw. den Opfern der NS-Vernichtungspolitik gekommen. Widerstand  wurde als Teil des Narratives von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus kritisch betrachtet und kaum noch als historisches Phänomen wahrgenommen bzw. vermittelt.

In diesem erinnerungspolitischen Kontext kann die Beschäftigung mit Widerstand einen zentralen Beitrag zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte bieten. WiderstandskämpferInnen zeigen beispielhaft, dass Geschichte nicht bloß „passiert“ und von Menschen als passive AkteurInnen „ertragen“ werden muss. Sie können demnach gerade bei kritischer Analyse als positive „role-models“ in der Vermittlungsarbeit herangezogen werden.

Insbesondere die Rezeptionsgeschichte des Widerstandes wirft ein vielschichtiges Bild auf Kontinuitäten und Brüche innerhalb der österreichischen Gesellschaft im Bezug auf die NS-Vergangenheit. Deutungshoheiten und deren Einfluss auf Geschichtsbilder werden anhand der (Nicht-)Thematisierung von Widerstand gegen Nationalsozialismus und Austrofaschismus greifbar.

In der Ausstelllung unSICHTBAR sowie auch auf Studienfahrten des Vereins GEDENKDIENST steht eine zielgerichtete Widerstandsvermittlung an zentraler Stelle. Die Auseinandersetzung mit Widerstand kann Handlungsspielräume, Entscheidungen, Konflikte und Ziele von in der Geschichte handelnden Menschen aufzeigen. Der Widerstand im Salzkammergut, seine AkteurInnen, sein historischer Kontext sowie seine Rezeptionsgeschichte stellt ein komplexes, aber doch greifbares Segment nationalsozialistischer bzw. austrofaschistischer Geschichte dar und ist somit gerade in der Geschichtsdidaktik ein guter Ansatz zur Vermittlung eines vielschichtigen und kritischen Geschichtsbild.

Dokumente zum Download

Kienesberger_Meissel_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 12:05:02