Keynote Momentum11: Elfriede Hammerl über Gleichheit

1. Nov 2011

Zum Nachlesen: Die Keynote von Elfriede Hammerl für die Eröffnung von „Momentum11: Gleichheit“. Gehalten am Donnerstag, 27.10.2011 in Hallstatt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

eine konventionelle Anrede. Irgendwie konservativ. Bürgerlich. Ich wähle sie  bewusst und aus eben diesem Grund. Wir alle sind Bürgerinnen und Bürger im Sinn der Französischen Revolution. Wir alle verdienen gleich viel Ansehen und Respekt. Und wir könnten einige der bürgerlichen Umgangsformen durchaus konservieren. Nicht durchgehend sind sie Instrumente zur Abgrenzung von den einst so genannten niederen Ständen, viele transportieren einfach etwas durchaus Notwendiges: Rücksichtnahme auf andere. Die sollten wir weiter pflegen, statt uns einreden zu lassen, die fortschreitende Rüpelhaftigkeit im öffentlichen Raum sei eine notwendige Folge aufgehobener Klassenschranken. Ist sie nicht. Die Klassenschranken existieren nach wie vor. Die propagierte Rüpelhaftigkeit – Stichwort „Geiz ist geil“ – bewirkt nur, dass die nicht mehr so genannten niederen Stände einander unbefangen in die Goschen hauen, miteinander konkurrieren, einander was wegzuschnappen versuchen, statt sich anzuschauen, welchen Strukturen sie welches Unbehagen und welchen Mangel verdanken.

Die Unterscheidung zwischen Damen und Herren und Frauen und Männern hat ausserdem etwas mit einer Kindheitserinnerung zu tun, deren Bedeutung mir erst im nachhinein bewusst geworden ist. Ich habe überlegt, ob ich sie Ihnen erzählen soll, denn es geht darin um öffentliche Toiletten – kein ganz elegantes Thema – , aber, naja, es ist notwendig. Also: Ich erinnere mich, dass meine Mutter, als ich ein kleines Mädchen war,  sich mehrfach vor Bekannten darüber empörte, dass die Türen in den Toiletteanlagen von Gasthäusern, Restaurants, Berghütten etc. wie folgt beschriftet waren: „Frauen“ und „Herren“. Das war damals häufig, ja üblich. Meine Mutter sagte empört: Entweder Frauen und Männer oder Damen und Herren. Aber Herren und Frauen – das geht nicht. Heute weiss ich, ich habe daraus etwas Wichtiges gelernt: Ungleichbehandlung und Diskriminierung lauern überall. Und: Der Teufel steckt – auch und nicht zuletzt – im oft für nebensächlich gehaltenen Detail.

Also, meine Damen und Herren, Bürgerinnen und Bürger: Ungleichheit. Österreich ist ein Land der Ungleichen. Ja, es gibt Schlimmeres, es gibt fast immer Schlimmeres, aber wir wollen jetzt einmal nicht relativieren, sondern auf das schauen, was uns umgibt und worauf wir glauben, Einfluss zu haben. Worauf wir glauben, Einfluss zu haben sollen. Worauf wir Einfluss haben sollten.

Die Daten und Fakten sind bekannt: Wer Ländereien erbt, ist fein heraus, denn er oder sie zahlt hierzulande keine Erbschaftssteuer und wenig Grundsteuer.
Wer über Vermögen verfügt, zahlt keine Vermögensteuer. Wer Einkommen lediglich aus Arbeit lukriert, zahlt Steuern, außer seine oder ihre Arbeit wird so schlecht entloht, dass man ihr oder ihm nichts mehr abziehen kann. Wer zehn- oder 2o.000 Euro im Monat verdient, zahlt nicht mehr Krankenkassenbeiträge als diejenigen, die es gerade auf 4200 Euro bringen. Höchstbemessungsgrundlage heisst das. Solidarisch tragen wir bei nach unseren Kräften, nur die Spitzenverdiener sind von der Solidarität befreit. Alle zusammen finanzieren wir ihre medizinische Grundversorgung, das akzeptieren sie, höhere Beiträge würden sie nicht akzeptieren, heisst es. Und schon kuschen wir.

Und während die Höchstbemessung die Bestverdienenden schont, schont die Mindestbemessung die wenig Verdienenden keineswegs, Sozialversicherungsbeiträge werden schon ab einem Einkommen von 537,78  Euro monatlich fällig. Wir sind ein Land der Ungleichen. Frauen kriegen für gleiche oder gleichwertige Leistungen um rund ein Viertel weniger Geld als Männer. Wer als Arbeiterkind aufwächst, hat schlechte Chancen, später einmal zu den Gebildeten bzw. gut Ausgebildeten zu gehören. Bildung ist in Österreich ein Gut, das vererbt wird. Ungebildete Eltern haben nichts zu vererben. 90 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien und 60 Prozent der Kinder aus Maturantenhaushalten machen mindestens die Matura. Nicht so Kinder mit Eltern, die bloß einen Pflichtschulabschluss haben: die gehen zu 85 Prozent lediglich in die Hauptschule, die in Zukunft halt Neue Mittelkschule heisst.

Zwei Prozent der Österreicher und Österreicherinnen verfügen über ein Drittel des gesamten Geldvermögens. 68 Prozent des Gesamtvermögens verteilen sich auf zehn Prozent der Bevölkerung. Oder, anders gesagt: 9o Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben bloß Anteil an den restlichen 32 Prozent des Gesamtvermögens. Ähnliches beim Immobilienbesitz: 60 Prozent gehören zehn Prozent der Bevölkerung.

Die  Investmentgesellschaft Valluga mit Sitz in Liechtenstein berichtet in ihrem diesjährigen Vermögensreport, dass sich die Zahl der reichen Menschen in Österreich um insgesamt 5000 auf 73.900 erhöht habe. Als reich gilt nach Valluga-Definition, wer über ein Finanzvermögen von mindestens einer Million Euro verfügt. Diese Millionäre haben laut Valluga ihr Vermögen um 9,5 Prozent auf 230 Millionen Euro aufgestockt. Zahlen, die eine schon ein wenig schwindlig machen könnten. Aber: keine Neiddebatte! Kann sich eh niemand was darunter vorstellen. Unter diesen Zahlen schon eher – jedenfalls geht es mir so, und ich bin wahrscheinlich nicht allein damit: Ein Viertel der Arbeitnehmer verdient pro Jahr weniger als 11.380 Euro, nur zehn Prozent bekommen mehr als 55.000 Euro.

Einen großen Brocken der Steuereinnahmen machen die Mehrwertsteuer und diverse Verbrauchssteuern aus. Und hier stoßen wir endlich auf ein bisschen Gleichheit: Beim Konsum sind alle gleich. Naja, nicht ganz, wenn wir bedenken, dass es sich Reiche einkaufsmäßig meist ganz gut richten können, mit Geschäftsbeziehungen und Rabatten auf große Mengen und hohe Preise und so, aber prinzipiell zahlen sie nicht weniger Mehrwertsteuer als die Ärmeren auch. Man könnte es freilich auch umgekehrt sehen: Die Ärmeren müssen genauso viel Mehrwertsteuer blechen wie die Reichen. Keine soziale Staffelung bei Konsumgütern. Solange Gleichheit sich so ausdrückt, haben die Besserverdienenden nichts dagegen. Die Schlechterverdienenden seltsamerweise auch nicht, zumindest protestieren sie nicht. Vielleicht haben sie es sich noch nicht bewusst gemacht. Ganz sicher macht man es ihnen nicht bewusst.

Ja, ich weiss: die Transferleistungen. Da ist Österreich relativ großzügig. Die Experten und Expterinnen rechnen uns vor, dass sie für Verteilungsgerechtigkeit sorgen. Nur: Was wird verteilt und was nicht? Das ist so ähnlich wie die Geschichte von den Läufern, die aus unterschiedlicher Distanz starten. Selbst wenn sie gleich schnell laufen, ist derjenige mit der kürzeren Entfernung zum Ziel früher dort. Wer viel hat, behält viel, auch wenn ihm weniger gegeben wird als denen, die weniger haben und denen nie so viel gegeben wird, dass sie am Ende viel haben. Offensichtlich ändert die Umverteilung durch Transferleistungen wenig an den grundlegenden strukturellen Unterschieden zwischen den sozialen Schichten und Milieus. Substanzbesteuerung ist ein No-go.

Zahlen. Wie gesagt: Nicht so leicht, sich etwas darunter vorzustellen. Sich die Menschen dahinter vorzustellen. Wie lebt wer? Wie lebt wer wo? Wie lebt wer womit? Wie lebt wer ohne? Immer wieder einmal fahre ich durch Wohngebiete, die sich vor allem durch eines auszeichnen: Man kann sich schwer ausmalen, dort zu Hause zu sein. Trabantenstädte im Einzugsgebiet des nordöstlichen Wien, zum Beispiel. Schlafghettos. Ausgelagerte Aufbewahrschachteln für Menschen. Übereinandergeschlichtet an verkehrsreichen Straßen. Loggien über Lärm- und Abgashöllen, Karikaturen der Frühstücksterrasse, die zum Traumbild vom Eigenheim gehört. Manchmal Lärmschutzwände davor. Wohnen hinter Trennscheiben. Man kann sich gerade noch vorstellen, hier erschöpft vor den Fernseher zu sinken. Die Nacht hinter sich zu bringen, schlafend, sofern man die Schallschutzfenster geschlossen läßt. Aber daheim sein? Sich geborgen fühlen? Was wird hier zum Vertrauten – die Gesichtslosigkeit toter Betonschluchten? Nein, ich beschwöre keine dörfliche Idylle als Gegenmodell. Ich bin ein Kind der Großstadt. Aber die Großstadt, die ich liebe, hat unverwechselbare Ecken, Straßen mit Läden und Lokalen, ist voll historischer Pracht oder auf eine geschichtenträchtige Art schäbig, bietet Theater und Konzertsäle und Orte der Begegnung, mit Menschen, mit Kultur, mit Politik; meine Stadt lebt und macht lebendig.
Hier zu wohnen, hier zu leben, das muss man sich allerdings leisten können, die herrschaftlichen Altbauwohnungen, die schicken Lofts, die Penthouses – die uns in den Wochenendbeilagen der Zeitungen gezeigt werden -, aber auch die Villen und Villenetagen, citynah und doch im Grünen. Hier zu wohnen, hier zu leben wird immer teurer, aber die Altbauetagen, die Lofts, die Penthouses, die Villen stehen trotzdem nicht leer – nur: welche Möglichkeiten haben zum Beispiel diejenigen aus den Wohnsilos, sich die Stadt zu eigen zu machen, die angeblich auch ihre ist, oder das Land, mit seinen verbauten Seezugängen, den Wäldern in Privateigentum, den verbarrikadierten Parks, den abgeschotteten Familiensitzen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein weitgehend sich selbst überlassener junger Mensch aus einer Gettosiedlung, egal, ob städtisch oder ländlich, jemals das Kind aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen einholt, für das die Eltern schon im Vorschulalter englischsprachige Spielgruppen organisieren, die von native speakers moderiert werden?

Zu den Bildungsvorteilen kommen die Vorteile der sozialen Vernetzung, über die Kinder aus gut etablierten Familien verfügen. Manchmal hat man überhaupt den Eindruck, dass Positionen innerhalb bestimmter Berufsgruppen als Erbpacht vergeben werden. In Anwaltskanzleien trifft man Kinder aus Juristenfamilien als Konzipienten oder Konzipientinnen, die vielversprechenden jungen Ärzte und Ärztinnen an den Kliniken entpuppen sich als Sprösslinge aus Medizinerdynastien (offenbar hatten sie kein Problem, einen Turnusplatz zu kriegen), und in der Medienbranche tummeln sich zu hauf junge Menschen, deren Namen mir gut bekannt sind, weil ich schon mit ihren Vätern oder Müttern – manchmal auch mit ihren Großvätern – bei den selben Pressekonferenzen war. Nicht grundlos sagt ein Gutteil der Bevölkerung hierzulande, zum Wichtigsten im Leben zähle es, „jemanden zu kennen“. Und das heisst, jemanden aus einem gehobenen Soziotop zu kennen, und zwar gut genug, um auf seine oder ihre Unterstützung zählen zu dürfen, was vor allem dann der Fall ist, wenn man dem selben Soziotop angehört.

Wer niemanden kennt, ist ein armer Hund. Konkretes Beispiel, dieser Tage erlebt: Eine alte Verwandte liegt im Spital und braucht Schmerzmittel. Der Schmerz kommt in Wellen, am wirksamsten ist es, wenn das Medikament dagegen verabreicht wird, sobald er einzusetzen beginnt. Die Kranke kennt die ersten Anzeichen und bittet daher rechtzeitig um ihr Mittel. Sie kriegt es aber nicht. Hat niemand Zeit dafür. Geduld soll sie haben. Manchmal dauert es zwei Stunden, bis sie das Medikament endlich bekommt. Zum Glück kennt eine andere Verwandte einen Arzt, der einen Oberarzt der Abteilung kennt, auf der die Kranke liegt. Ein Anruf bei ihm und ein zweiter Anruf von Arzt zu Arzt, und schon mutiert die Patientin von einer lästigen Bittstellerin zu einer Person, um die man sich kümmern muss. Schön, wenn sowas klappt. Bitter, wenn eine nicht aus einer Familie kommt, in der man Kontakt zu Oberärzten hält. Ein alltägliches kleines Vorkommnis im übrigen, zu dem aber niemand so stehen würde. Offiziell gibt es ja keine Ungleichbehandlung. Inoffiziell wissen alle davon, aber man gibt es nicht zu. Auch deswegen nicht, weil wir die falsche Wirkung fürchten: dass nämlich, sobald Beispiele von Ungleichbehandlung publik werden, künftig nicht alle besser, sondern alle schlechter behandlt werden. Also lieber wenigstens den Pivilegierten ihre Privilegien lassen. Einfluss, Macht, Ansehen und Respekt sind eben höchst ungleich und ungerecht verteilt in unserer Gesellschaft.

Man braucht nur ein bisschen um sich zu schauen, ein kleines Stück über das eigene Umfeld hinaus, um mitzukriegen, wie unterschiedlich die Lebenswelten sind, in denen Menschen hierzulande sich aufhalten und aufhalten müssen.  So viel Ungleichheit. Was, um Gottes Willen fürchten diejenigen, die pausenlos vor der Gleichmacherei warnen, von der wir angeblich alle bedroht sind? Wie kommen sie denn überhaupt auf die Idee, dass ein bisschen Bemühen um Ausgleich, um mehr Gerechtigkeit, schon Gleichheit schafft?

Bleiben wir beim Kind, das früh gefördert wird bzw. bei seinen nicht geförderten Altersgenossen aus benachteiligten Verhältnissen: Auch die beste Bildungsreform wird den Vorteil eines engagierten Elternhauses nicht gänzlich kompensieren können. Das finden wir vielleicht traurig, die engagierten Eltern, die schliesslich wollen, das ihr Engagement Früchte trägt, könnte es beruhigen. Aber nein, sie haben Angst, dass ihre Früchte nicht prächtig genug abstechen von dem, was andere ernten, darum sind sie gegen die gemeinsame Schule bis 14 und überhaupt gegen alles, was mehr Bildung zu einem Allgemeingut machen könnte. Nicht alle engagierten Eltern sind so. Aber viel zu viele.

Was fürchten die Privilegierten, wenn sie sich vor Gleichheit fürchten? Den Verlust ihrer Privilegien? Aber müssen denn halbwegs angenehme Lebensumstände Privilegien sein? Oder können wir uns darauf einigen, dass sie allen zustehen? Und wird ein Leben um so vieles ärmer, wenn statt maßlosen Reichtums bloß ein immer noch behaglicher Wohlstand zur Verfügung steht? Materiell ärmer ja, aber sagen nicht die Reichen selber gern, dass Geld allein nicht glücklich macht? Also: Nur zu, Unglück vermeiden, Reichtum abgeben, glücklich sein. Weil’s wahr ist.

Mittlerweile gibt es, wir wissen es, sogar Reiche, die freiwillig mehr Steuern zahlen wollen. Anderenorts. In den USA schrieb der Millionär Warren Buffet in einem Gastkommentar für die „New York Times“: „Meine Freunde und ich, wir sind lange genug vom Kongress gehätschelt worden.“  In Frankreich haben 16 Milliardäre und Topmanager via Zeitungsinseraten zu einer Reichensteuer aufgerufen. Und auch in Deutschland hat sich eine Reihe von Vermögenden, darunter eine „Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe“ dafür ausgesprochen, mehr Steuern zahlen zu sollen. Bei uns hat die Finanzministerin zunächst allen Ernstes Überlegungen zur Einführung einer Vermögensteuer mit der Verfolgung der Juden durch die Nazis verglichen. Da bleibt einer schlicht die Luft weg. Auch deswegen, weil Frau Fekter immer noch in Amt und Würden ist. Inzwischen ist eine breite Diskussion über den Mittelstand und seine drohende Verarmung auch hier losgebrochen, und die ÖVP ist sich in ihrer Ablehnung von Vermögensteuern nicht mehr so einig. Wenigstens.

Besteuert uns! Wir zahlen zu wenig in die Staatskassen ein!  Starke Ansagen, aber kein Grund zu Rührungstränen. Wir wissen, dass dahinter persönliches Kalkül steht, das auch gar nicht geleugnet wird. Diese Reichen wollen den sozialen Frieden. Sie wollen sich freikaufen von der Erbitterung derer, die wenig haben, aus Angst vor den eventuellen Folgen dieser Erbitterung. Sie halten allzu krasse Unterschiede für eine Gefahr. Nicht Gleichheit streben sie an, aber immerhin ein bisschen weniger Ungleichheit.

Erstaunlicherweise bleibt die Einsicht, dass in einem Übermaß an Ungleichheit ein aggressives Potenzial steckt, auf einen relativ kleinen Personenkreis beschränkt, zumindest bei uns. Nicht die zerstörerischen Kräfte, die in einer durch Ungleichheit gespaltenen Gesellschaft lauern, werden als Bedrohung empfunden, sondern gerechtere Verhältnisse.
Keine Neiddebatte! lautet hierzulande üblicherweise die Devise, was bedeutet, dass berechtigte Empörung über ungerechte Verhältnisse als Untugend diffamiert wird, als unmoralisch, als Verstoß gegen die göttlichen Gebote. Der Neid: eine der sieben Hauptsünden nach katholischem Verständnis. „Kathpedia“ definiert ihn so: „Er besteht darin, dass man traurig ist, weil es einem anderen gut geht, und maßlos danach verlangt, sich dessen Gut selbst auf ungerechte Weise anzueignen.“ Definition Ende. Der Vorwurf des Neids unterstellt also, dass man seine Gefühle darauf fokussiert, anderen Menschen ihr gutes Leben nicht zu vergönnen. Und dass diese anderen über mehr Gut völlig zu Recht verfügen.
Keine Rede davon, dass man vielleicht traurig ist, weil es einem selber schlecht geht, und dass diese Traurigkeit völlig verständlich wäre. Und keine Diskussion darüber, auf wie gerechte oder ungerechte Weise sich die Vermögenden ihr Gut angeeignet haben. Genau darum geht es aber: Wer hat Anspruch worauf? Und warum?

Worauf gründen denn die Privilegierten ihren Anspruch auf Privilegien? Auf Leistung, heisst es. Gut. Halten wir – nicht zum erstenmal – fest: Es ist keine Leistung, geerbt zu haben. Es ist keine Leistung, in ein wohlhabendes Elternhaus hineingeboren zu werden. Es ist keine Leistung, bemühte, engagierte, fördernde, liebevolle Eltern zu haben. Ist es eine Leistung, mit Aktienspekulationen Gewinne zu machen? Nicht, wenn man Leistung mit Produktivität gleichsetzt, oder gar mit einem nützlichen Beitrag zum Gemeinwohl.
Und was die Arbeitseinkommen betrifft, die ja nun unzweifelhaft mit dem Erbringen von Leistung zusammenhängen sollten: Ist es wahrscheinlich und glaubwürdig, dass die Monatsleistung eines so genannten Topmanagers mehr wert ist als alles, was ein kleiner Arbeitnehmer oder eine kleine Arbeitnehmerin im Laufe eines ganzen Erwerbslebens leistet?
Und wieso ist das, was ein Werbefuzzi macht, oder ein, sagen wir: TV-Societyreporter, viel mehr wert als die Tätigkeit einer Altenpflegerin? Ja, keine neuen Fragen. Und trotzdem immer wieder stur die Behauptung, dass Einkommensunterschiede Leistungsunterschiede abbilden würden. Menschen leisten unterschiedlich viel, das stimmt schon. Es gibt Fleissige und Faule und Pflichtbewusste und Pflichtvergessene. Aber ihre Einkommens- und Lebensverhältnisse leiten sich leider nicht linear von ihrem Einsatz und ihrem Können und ihren Kenntnissen ab. Ich kann es nicht mehr hören, das  selbstgerechte Leistunsggeschwafel derer, die auf die Butterseite gefallen sind, sei es unverdient oder zwar mit eigenem Zutun, aber auch mit einer Portion Glück, die bewirkt, dass ihr Zutun entsprechend gewürdigt wird. Ich hab sie satt, die Nutz-nix-, Bringt-nix-, Das-Kapital-wird-flüchten-Kommentare! Das Kapital, das flüchtige Reh… Fangt es ein, strengt euch an, das brave Nutztier im Stall festzuhalten gelingt ja auch. Und  ich hab es satt, dass Experten mich für dumm und ungebildet erklären, wenn ich mich nicht damit abfinde, dass die Verhältnisse sind, wie sie sind, weil das fluchtbereite Kapital nicht verschreckt werden darf!

Ich gehöre zu einer Generation, die in dem Glauben erzogen wurde, dass Bildung ein Schlüssel zum Weltverständnis ist, und dass man das Leben besser meistert, wenn man alphabetisiert, informiert und lernbegierig ist, statt stumpf, dumpf und ahnungslos. Ich bin aufgewachsen in der Überzeugung, dass es wichtig ist, Gedichte zu kennen, Musik zu hören, Malerei anzusehen und dabei unterscheiden zu lernen, was den Geist erhellt und nachhaltige Spuren hinterläßt in Herz und Hirn, und was Ablenkungsschrott ist, dummes Getöse, hirnvernebelnd und herzbetäubend.

Die Unterscheidungskriterien in meiner Jugend waren freilich das Ergebnis einer elitären Definition von Kultur, die Bildungsschwache nicht nur nicht ermuntern, sondern eher abschrecken wollte vom Konsum so genannter anspruchsvoller Kulturgüter. Wir haben in den 1970er Jahren heftig opponiert gegen dieses klassenbewusste Kulturverständnis und für den Abbau von Barrieren plädiert. Wir wollten eine Kunst, die sich mit den Lebenswelten der so genannten einfachen Leute auseinandersetzt, aber nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe und auf der Basis liebevoller Identifikation. Die heutige Unterhaltungsindustrie täuscht diese Augenhöhe vor. Sie läßt sich scheinbar auf die Lebenswelten von Unterprivilegierten ein. Sie passt sich der Ahnungslosigkeit derer an, die sie vorführt, ja, noch mehr, sie propagiert dumpfes Nichtwissen als Qualität. Mit liebevoller Annäherung hat das nichts zu tun, im Gegenteil, das findet auf der Basis von zynischer Menschenverachtung statt. Unterschichtfernsehen heisst das, verächtlich, und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, mit seinem Bildungsauftrag, mischt kräftig mit und versucht ebenfalls, im Kampf um Quoten mit Freakshows zu punkten. Eine spezielle Variante davon sind Castingshows, sie heissen „Die große Chance“ oder „Das Supertalent“ oder so ähnlich, täuschen vor, dass heutzutage jeder und jede die Möglichkeit habe, seine oder ihre Begabung auf schnellem Weg in Geld und Ruhm umzusetzen, und sind in Wirklichkeit Teil einer Verblödungsmaschinerie, die chancenlosen Ehrgeiz aufs tote Gleis falscher Hoffnungen entsorgt.

Nein, so stellen wir uns Gleichheit nicht vor: alle gleich dumpfbackig, gleich getäuscht, gleich aussichtlos, gleichermaßen dem Diktat der Dummheit unterworfen.
Aber eben diese Bedrohung wird beschworen, wenn vor Gleichmacherei gewarnt wird. So weit ist es schon gekommen! Wohin soll das noch führen? So dient die Verblödungsmaschinerie der Unterhaltungsindustrie, indem sie nach unten nivelliert, den Propagandisten der Ungleichheit als abschreckendes Beispiel für zu viel Egalité. Tatsächlich hat diese Pervertierung eines schrankenlosen Zugangs zum öffentlichen Diskurs in eine öffentliche Vorführung schrankenloser Selbstüberschätzung nichts mit einer egalitären Gesellschaft im Sinne einer gerechten Gesellschaft zu tun.

Was also ist Gleichheit? Gleichheit heisst: Gleicher Respekt vor unterschiedlichen Talenten. Gleiche Möglichkeiten, unterschiedliche Talente zu entfalten. Ein gerechter Zugang zu Ressourcen. Nicht das gleiche Glück für alle, aber der selbe Anspruch auf Glück nach eigenen Wünschen und eigenem Zuschnitt. Gleiche Voraussetzungen, um die passende Vorstellung vom eigenen Glück zu entwickeln.

Für mich ist Glück, nicht ständig von Finanzen und Kapitalflüssen hören zu müssen, für mich ist Glück, nicht über Dow Jones,  DAX, Nikkei oder ATX reden zu sollen, ich wünsche mir, dass sich Vokabeln wie Investment, Anleger, Fonds, Portfolio oder Dividende wieder in den Wirtschaftsteil der Zeitungen zurückziehen, statt unser ganzes Leben zu dominieren, ich möchte mich für Bullen und Bären nur interessieren, sofern sie in der Natur vorkommen und nicht an der Börse. Ich wünsche mir, dass wir wieder – oder endlich – über das wirklich Wichtige reden, über Kunst und Philosophie, über Musik und Literatur, über Liebe und Schönheit und Freundschaft und Zusammenhalt statt über Konkurrenz.

Ich wünsche mir, dass wir die Kapitalflüsse nicht wichtig nehmen müssen, weil unsere materielle Existenz gesichert ist, weil die Wirtschaft uns dient statt wir der Wirtschaft.
Occupy Wallstreet, ja, aber nicht, um dort zu bleiben, sondern um beruhigt weiterschlendern zu können an schönere, interessantere, sinnspendende Orte. Dass ich mit meinen Wünschen, dass wir mit unserem Ärger nicht allein sind, gibt immerhin Anlaß zu Hoffnung. Allerorten Empörte, die es es nicht länger hinnehmen wollen, dass Massen von anständigen, redlichen Menschen als Spielball entfesselter Finanzmarkt-Glücksspieler dienen. Dass sich jetzt sogar Stimmen aus demVatikan gegen das Diktat der Banken erheben, ist zumindest originell, nicht zuletzt im Lichte der Vatikanischen Konzernbeteiligungen. Aber nehmen wir es als zusätzliches Signal einer Aufbruchsstimmung, die vielleicht ja doch eine Änderung bewirkt.

Eine Änderung in Richtung Gleichheit. Gleichheit heisst nicht: uniforme Menschen. Gleichheit heisst nicht: uniforme Lebensentwürfe. Gleichheit heisst nicht: sich an den schlechtesten Möglichkeiten zu orientieren und die Vision vom Bestmöglichen für unzulässig zu erklären. Gleichheit heisst: das gleiche Recht auf individuelle Lebensentwürfe und die gleichen Chancen, sie zu realisieren. Schon denkbar, dass wir unsere Idealvorstellungen nie erreichen. Aber wir sollten zumindest versuchen, ihnen so nahe wie möglich zu kommen.