Karml Martina et al: Praktischer Sinn und Unsinn on Bildung in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 6 „Bildungsphilosophien”

„Praktischer Sinn und Unsinn on Bildung in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs

Die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse in Europa sind durch massive wirtschaftliche, soziale und kulturelle Prozesse des Wandels gekennzeichnet. Für die Beschreibung dieses Wandels werden von SozialwissenschafterInnen unterschiedliche Begriffe und Konzepte – wie beispielsweise postindustrielle Gesellschaft, Postfordismus, Neoliberalismus, flexibilisierter Kapitalismus, Gesellschaft ohne Eigenschaften – verwendet.

Eine zentrale Dynamik für diese mehrfachen Umbrüche geht von grundlegenden Veränderungen im System der Erwerbsarbeit aus, die sich vor dem Hintergrund von Transformationen der kapitalistischen Produktionsweise vollziehen. Die traditionellen Arbeits- und Berufslaufbahnen, die für den Fordismus des 20. Jahrhunderts typisch waren, konstituierten langfristige Zeithorizonte und Bindungen zwischen Arbeit und Kapital. Vergleichbar mit einer Ehe haben sich zwischen den beiden Seiten wechselseitige Verpflichtungen herausgebildet, die auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhten. Im Zusammenhang mit der Globalisierung sind in den letzten Jahrzehnten strukturelle Veränderungen der Arbeitswelt deutlich geworden, die auf eine Erosion dieses Verpflichtungssystems hinweisen. Es findet eine grundlegende Entstandardisierung im System der Erwerbsarbeit statt. In das stabile System des Fordismus ist der unruhige Geist der Kurzfristigkeit eingedrungen. Das System der Vollbeschäftigung mit der Perspektive einer „lebenslangen Ganztagsarbeit“ weicht sich in immer neuen Rationalisierungswellen auf. Die gängigen Standardisierungen bei den zentralen Säulen dieses Systems, den Arbeitsverträgen, Arbeitszeiten und Arbeitsorten, werden durch flexible Formen abgelöst. Die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtarbeit werden fließend und plurale Formen der Unterbeschäftigung breiten sich aus.

Vor diesem Hintergrund bilden sich auch neue Erwartungen an die Arbeitskräfte der Zukunft heraus. Die am Markt nachgefragten ArbeitnehmerInnen sollen geografisch mobil, beruflich flexibel sein, kontinuierlich daran arbeiten, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zu erweitern sowie ihrer Arbeitskraft gegenüber selbst die Haltung einer Unternehmerpersönlichkeit entwickeln. An diesen Erfordernissen seien auch die privaten Lebensarrangements auszurichten, die damit auch in das neue System der Kurzfristigkeit mit allen sozialen Konsequenzen hingezogen werden würden.
Die skizzierten Veränderungen wirken auch auf eine Umgestaltung des Bildungssystems hin. Die Konzepte rund um das lebenslange Lernen, die Debatten um die Modularisierung der Curricula und die Forderungen, die Ausbildungswege stärker auf Employability von Jugendlichen auszurichten, verweisen auf die neue Logik von Kurzfristigkeit, Flexibilisierung und Vorläufigkeit von Wissensbeständen, die sich auch innerhalb von Ausbildungsprozessen bemerkbar macht.

Grundlage unseres Papers ist ein Lehrforschungsprojekt am Institut für Soziologie der Universität Linz. Es beschäftigt sich unter dem Arbeitstitel „Wie lernen Jugendliche, eine „employable person“ zu werden?“ mit der Frage, wie sich Lehrlinge und SchülerInnen im Alter von rund 16 bis 20 Jahren auf die skizzierten, sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes einstellen. Wir arbeiten mit qualitativen Methoden. Das Ziel ist, anhand weniger exemplarischer Fälle die spezifische Denk- und Handlungslogik von jungen Frauen und Männern gegenüber den Prozessen des Wandels im Bildungs- und Erwerbssystem zu rekonstruieren.

Für die Tagung in Hallstatt möchten wir die Ergebnisse dieses Projekts vor allem unter dem Gesichtspunkt reinterpretieren, welche „praktische“ Bildungsphilosophie sich die Jugendlichen unter dem Eindruck der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse aneignen. Im Detail werden wir versuchen, auf folgende Fragen eine Antwort zur Diskussion zu stellen:- Wie verändert sich die Bedeutung von Bildung und Ausbildung im Jugendalter, wenn im System des „flexiblen Kapitalismus“ kaum damit gerechnet werden kann, dass diese Anstrengung eine realistische Chance auf eine interessante und stabile Beschäftigung eröffnet?

– Wie geht die neue Anforderungsstruktur der Employability in die expliziten und „heimlichen“ Lehrpläne der Höheren Schulen und der Berufsschulen ein und welche Unterschiede zwischen diesen Institutionen der Bildung und Ausbildung sind dabei beobachtbar?

– Welche grundlegende lebenspraktische Bedeutung für eine sinnvolle Zukunft unter den herrschenden Verhältnissen wird Wissen und Bildung zugeschrieben? Dabei interessiert uns vor allem die Frage: Wie unterscheidet sich diese Bedeutung von Wissen und Bildung nach Klasse und Geschlecht?

In unserem Projekt gehen wir davon aus, dass Jugendliche die Veränderungen im Bildungs- und Beschäftigungssystem durchaus ambivalent erfahren. In manchen Aspekten scheinen die neuen Entwicklungen bestimmte Erwartungen und Hoffnungen der Jugendlichen zu durchkreuzen, beispielsweise das Bestreben, stabile Verhältnisse für eine langfristige Lebensplanung zu haben. In anderen Aspekten wiederum scheinen sie deren Perspektiven und Pläne auch zu unterstützen, beispielsweise das Offenhalten von vielfältigen Optionen und die Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu machen. Mit der empirischen Untersuchung wollen wir ein Stück weit herausfinden, wie Jugendliche in Auseinandersetzung mit den neuen Verhältnissen und mit den an sie gestellten Erwartungen ihre Subjektivität ausbilden. Theoretisch stützen wir uns auf das Konzept des Habitus von Pierre Bourdieu. Habitus ist zu verstehen als System von erworbenen Dispositionen des Denkens und Handelns, das bestimmte Formen der Praxis erzeugt und strukturiert. Für unser Projekt bedeutet das, das Konzept des Habitus sozialisationstheoretisch zu wenden und anhand der qualitativen Daten die Prozesse des Erwerbs solcher Dispositionen zu rekonstruieren. Besondere Aufmerksamkeit werden wir in der Interpretation den Unterschieden der Sozialisationsräume nach sozialer Herkunft und Geschlecht widmen.

Natürlich ist uns klar, dass die aktuelle Frage nach gesellschaftspolitisch wünschbaren Bildungskonzepten letztlich nicht auf einer empirischen Ebene zu beantworten ist. Aber es erscheint uns sinnvoll, eine entsprechende Diskussion ganz bewusst

– sowohl in den Kontext einer gesellschaftstheoretischen Perspektive zu stellen, die nicht nur das Bildungssystem, sondern auch das System der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation mit in den Blick nimmt,

– als auch in Auseinandersetzung mit empirischen Erfahrungen darüber abzuführen, wie Jugendliche diese Veränderungen wahrnehmen und ihr Handeln danach ausrichten.

Florian Hinterberger, Wilma Kniewasser, Martina Kraml, Clemens Nösslböck, Meinrad Ziegler

Dokumente zum Download

Beitrag_Kraml_et_al (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-11 14:23:24