Jelenic Branka: Potentiale migrationsbedingter Mehrsprachigkeit im transnationalen Raum verfasst

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„Potentiale migrationsbedingter Mehrsprachigkeit im transnationalen Raum verfasst”

Die Kriegsereignisse im ehemaligen Jugoslawien lösten Anfang der 1990er Jahre eine der größten Migrationswellen aus. Schätzungen zufolge wurden 4,6 Millionen Staatsbürger des früheren Jugoslawien zu Flüchtlingen, wobei viele von ihnen auch in Österreich Zuflucht fanden. Heute stellen die Personen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens die größte Zuwandergruppe in Österreich dar, gefolgt von deutschen und türkischen Staatsbürgern. Die Mehrheit der in Österreich lebenden Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien besaß im Jahr 2007 einen serbisch-montenegrinischen Migrationshintergrund, gefolgt von Bosniern, Kroaten und Mazedoniern. Alles in allem wiesen Anfang des Jahres 2007, 16 % der österreichischen Gesamtbevölkerung, das entspricht rund 1,353 Mio. Menschen, einen Migrationshintergrund auf. Darunter befinden sich auch die Auskunftspersonen, die im Rahmen dieser Arbeit interviewt wurden. Von den zehn StudentInnen wurden neun im ehemaligen Jugoslawien geboren.

Auch wenn viele der Zugewanderten heute ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben, weisen sie dennoch eine starke Mobilität zwischen Österreich und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens auf. Neue Transport- und Kommunikationstechnologien ermöglichen den MigrantInnen die Kontakte zu ihren Familien, Freunden und Bekannten über Ländergrenzen hinweg, intensiver als je zuvor zu pflegen. Aus diesen Verbindungen heraus bilden sich transnationale soziale Räume, die durch grenzüberschreitende Bewegungen von Waren, Geld, kulturellen Praktiken und Menschen gekennzeichnet sind. Diese Form der Migration fand in der Forschung bis jetzt wenig Beachtung. Aus diesem Grund fordern Experten, dass die klassischen Formen und Folgen von Wanderungsprozessen um die Analyse der transnationalen Migration ergänzt werden.

Ziel dieser Arbeit war es herauszufinden, ob und in welcher Form transnationale Migration zwischen Österreich und den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens stattfindet. Ausgehend von dieser Überlegung, galt es herauszufinden, welche Bedeutung Mobilität im Leben der Befragten einnimmt und in welcher Art und Weise die StudentInnen in transnationale soziale Räume eingebunden sind. Darüberhinaus wurde der Frage nachgegangen, welcher Gesellschaft sich die StudentInnen zugehörig fühlen. Mit Hilfe der durchgeführten Interviews sollte schließlich auch herausgefunden werden, wie sich Migration bzw. transnationaleMigration auf den Alltag der StudentInnen auswirkt. Dabei richtete sich der Fokus primär auf die Bedeutung und den Gebrauch von Sprachen.

Es stelle sich heraus, dass das Sprachverhalten der interviewten StudentInnen durch ein alltägliches Verwenden von zwei oder mehreren Sprachen gekennzeichnet ist. Neben Deutsch werden vor allem für den innerfamiliären Sprachgebrauch die Sprachen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens verwendet. Dazu zählen vorwiegend Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.

Die StudentInnen leisten somit einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit in Österreich. Die häufigsten Umgangssprachen ausländischer Staatsangehöriger in Österreich sind Serbisch, Deutsch, Türkisch und Kroatisch. Neben dem bloßen Gebrauch und der Weitergabe der Herkunftssprachen, tragen vor allem Kommunikations- und Informationstechnologien aus den Herkunftsländern zum Erhalt der Herkunftssprache bei. Es ist langfristig damit zu rechnen, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zwei- bzw. mehrsprachig in den institutionellen Bildungsprozess eintreten werden. Aus diesem Grund wird gefordert, dass die Herkunftssprachen der Kinder in den Unterricht miteinbezogen werden. Experten sind sich einig, dass durch die gleichzeitige Förderung der Muttersprache und der Unterrichtssprache nicht nur die sprachliche Kreativität der SchülerInnen gefördert wird, sondern auch der Erwerb weiterer Sprachen erleichtert wird.

Zum jetzigen Zeitpunkt erfolgt die sprachliche Förderung von SchülerInnen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch entweder durch den Förderunterricht „Deutsch als Zweitsprache“ oder den muttersprachlichen Unterricht.

Viel zu oft konzentriert sich die Forschung auf die Schwierigkeiten, die durch Migration verursacht werden und nur all zu selten stehen die besonderen Kompetenzen von MigrantInnen im Blickpunkt der Betrachtung. Durch ihr zwei- bzw. mehrsprachiges Aufwachsen und den Bezug zum Herkunftsland müssen die MigrantInnen stets über den Einsatz einer geeigneten Sprache entscheiden. Sie lernen dabei zu unterscheiden, wann, unter welchen Umständen und mit wem sie in welcher ihrer Sprachen kommunizieren können. Sie verfügen damit über Kompetenzen, die nicht nur einer Sprache zugeordnet werden können, sondern sprachübergreifend sind. Damit legen sie sogenannte Sprachmanagementkompetenz an den Tag, die auch im Beruf nützlich sein können.

Es kann davon ausgegangen werden, dass sich Kinder, die in Familien mit Migrationshintergrund aufwachsen, bereits in einem frühen Status die zuvor erläuterten sprachlichen Kompetenzen aneignen. Sie entwickeln ein gewisses Einfühlungsvermögen gegenüber ihren Gesprächspartnern in einer gegebenen Kommunikationssituation. Sie wissen genau, mit wem sie sich in welcher Sprache unterhalten müssen um verstanden zu werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Muttersprache der Kinder in den schulischen Unterricht mit einbezogen wird. Wenn diese Kompetenzen in der Schule rechtzeitig gefördert werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder eines Tages von ihrer Mehrsprachigkeit profitieren können. Denn gerade in Zeiten der Globalisierung sind Arbeitskräfte gefragt, die in der Lage sind, mit Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen Gespräche zu führen. Dieser Auffassung sind auch die befragten StudentInnen. Sie sind davon überzeugt, dass ihre sprachlichen und kulturellen Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt verwertbar sind. Der Großteil der Auskunftspersonen sieht in der Internationalisierung der Märkte die beste Möglichkeit der Verwertung sprachlicher Kompetenzen. Andere wiederum sehen die Vorteile ihrer migrationsbedingten Mehrsprachigkeit in Berufsgruppen, die dem sozialen Bereich zugeordnet werden können.

Branka Jelenic

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AutorIn Momentum 2011-05-20 12:09:19