Interview mit Robert Pfaller

23. Okt 2013

„Regulierungen und Schikanen im Kleinen“

Der Philosoph Robert Pfaller, Eröffnungsredner am Momentum 2013, erklärt im Interview warum wir heutzutage andere als DiebInnen unseres Genusses wahrnehmen und sich der Leistungszwang negativ auf unsere Hochschulen auswirkt.

Die Rede von Robert Pfaller am Kongress Momentum13: Fortschritt können Sie hier ansehen.

der Moment: Ist unsere Gesellschaft lustfeindlich?

Robert Pfaller: Anders lässt sie sich wohl kaum beschreiben. Mediziner, Psychoanalytiker und Therapeuten berichten übereinstimmend von einem erhöhten Aufkommen von beispielsweise Depression, Low Desire Syndrome oder Anorexie. Auf alltagskultureller Ebene können wir beobachten, dass sich wohl noch nie so viele Menschen über andere beschwert haben. Das Glück des Anderen ist uns ein Ärgernis geworden; und unser eigenes erscheint uns kaum noch zugänglich.

Sie sind Mitinitiator von meinveto.at. Auf der Plattform machen Sie sich gegen eine zu starke Bevormundung durch den Staat stark. Schlagen Kampfbegriffe wie „Regulierungswut“ und „Kontrollwahn“ nicht in dieselbe Kerbe wie die neoliberale Politik, die es den Menschen erst gar nicht ermöglicht, echte Wahlfreiheit zu erleben?

Bei „Mein Veto“ bin ich nur einer der ersten Unterstützer gewesen. Aber ich habe, zusammen mit Alexandra Ötzlinger, eine zweite, EU-weite Initiative gegründet mit dem Namen „Adults for Adults. Citizens against Patronizing Politics.“ Die aktuelle Bevormundungspolitik muss bekämpft werden, da die Interventionsfähigkeit der Politik eine begrenzte Ressource ist.

Wo soll sich der Staat also einmischen?

Dort, wo die Individuen die Verhältnisse nicht selbst ordnen können – zum Beispiel bei der Regulierung der Finanzmärkte. Hier gehört die Interventionsfähigkeit der Politik hin. Sie geht hier aber verloren, wenn sie stattdessen auf das verschwendet wird, was die Leute sehr gut selber regeln können. Darüber hinaus haben die Regulierungen und Schikanen im Kleinen vor allem die Funktion, die Gesellschaft zu entsolidarisieren, indem sie den Anderen ausschließlich als Bedrohung wahrnehmbar machen. Dadurch wird der berechtigte Ärger der Leute geschickt abgelenkt, und sie fordern von der Politik kaum noch ein, dass sie ihren wirklichen Aufgaben nachkommt. Die Regulierungswut im Kleinen ist darum die Komplizin der Deregulierung im Großen.

Befördert eine fortschrittliche Gesellschaft Verbote und Zwänge? Kann Fortschritt auch mit mehr Freiheit verbunden sein?

Die politischen Regulierungen, die wir dringend brauchen – zum Beispiel eben der Finanzmärkte – würden im Leben der Einzelnen kaum spürbar. Eben weil wir keine solchen Regulierungen haben, ist das Lebensglück und die Freiheit von Millionen in Europa bedroht. Durch lächerliche Vorschriften im Kleinen verhöhnt man sie noch zusätzlich. Pseudopolitische Regelungen wirken sich im Individualleben aus. Die Leute sind arbeits- und obdachlos, aber man warnt sie vor dem Rauchen. Eine fortschrittliche, freie Gesellschaft würde sich dadurch auszeichnen, dass sowohl solche Bedrohungen als auch solche Schikanen verschwinden.

Warum gilt Faulheit als etwas Schlechtes? Warum sind wir böse auf NichtstuerInnen?

In einer Atmosphäre, in der alle sich aufgrund der entsprechenden Regulierungen, Appelle und Warnhinweise als unendlich schwach und verletzlich empfinden, erscheint ihnen der Andere oft als mächtiger „Dieb des Genießens“. Da ist es ganz gleich, ob er zu faul ist oder zu fleißig ist – immer scheint er etwas zu haben, das wir nicht haben. Und er scheint der Grund dafür zu sein, dass wir es nicht haben.

Wie wirkt sich der omnipräsente Leistungszwang auf die Hochschulen und Universitäten aus?

Die Universitäten, die vor nicht langer Zeit noch Orte neugierigen Nachdenkens und kritischer Selbstreflexion der Gesellschaft sein konnten, sind heute durchwegs repressive Apparate geworden. Studierende wie Lehrende sind permanentem Zwang und ständiger Kontrolle unterworfen. Mindestens 70 Prozent der studentischen Aufmerksamkeit werden durch die Formalitäten des Studiums beansprucht. Mit Inhalten kann man sich da kaum noch beschäftigen. Darum bringt der Zwang keine vernünftigen Leistungen hervor, sondern verhindert sie. Wir produzieren kaum noch sinnvolle Erfolge, sondern nur Attrappen und bürokratische Aufzeichnungen davon. Um jemals wieder von den Attrappen zu den Realitäten von universitärer Produktivität zu gelangen, ist darum eine radikale Entbürokratisierung der Universitäten und Forschungsförderungsinstitutionen notwendig.

 

Robert Pfaller ist Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Neben seinen Studien für Interpassivität ist er bekannt für sein Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ und sein Engagement gegen staatliche Bevormundung.

Tags: