Interview mit Keynote-Speakerin Julia Friedrichs

14. Okt 2016

Die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs hat den Momentum-Kongress 2016 mit einer Keynote eröffnet. Die Kongresszeitung derMoment hat sich vorab mit ihr unterhalten.

derMoment: Wie sehr ist unsere soziale Stellung von der unserer Eltern vorprogrammiert?

Julia Friedrichs: In Deutschland kann und muss man von einer Klassengesellschaft sprechen, weil es zwei extreme Ungleichheiten gibt. Das ist einerseits die Ungleichheit des Vermögens und zum anderen die Ungleichheit der Chancen.

Was Einkommen betrifft ist Deutschland im europäischen Vergleich nicht übermäßig ungerecht, hier macht der Staat einiges, um Ungleichheit aufzufangen. Aber gerade in Fragen von Vermögen und Chancen ist Deutschland, auch im Vergleich mit anderen Industrieländern, ein extrem ungleiches Land und gerade diese Kombination ist fatal. Sozialer Aufstieg ist sehr schwierig und auch seit den 80er-Jahren immer schwieriger geworden. Obwohl die Chancen rechtlich gleich verteilt sind, haben wir im Endeffekt keine durchlässige Gesellschaft – keine, in der man aufsteigt, sondern eine, in der man bleibt, wo die Eltern auch schon waren.

derMoment: Kann man von der starken Vermögenskonzentration Rückschlüsse auf die Machtkonzentration ziehen?

Friedrichs: Am Beispiel der Erbschaftssteuerdiskussion in Deutschland würde ich nach 2 Jahren intensiver Recherche sagen, dass es eine kleine Gruppe der sehr Vermögenden geschafft hat, die Debatte zu besetzen, sehr exklusive Zugänge zur Politik zu haben und mit einer konzentrierten Lobbyarbeit die eigenen Interessen durchzusetzen. Hier ist meines Erachtens eine klare Klientelpolitik gelungen. Im Einzelfall ist der direkte Einfluss auf Politik aber immer schwer zu belegen. Belegbar ist jedoch das Politikergebnis. Wir haben in den letzten 15 Jahren ganz klar Politik gemacht, die den oberen 10 Prozent der Gesellschaft nützt.

derMoment: Fühlen sich Bevölkerungsschichten, die an der Armutsgrenze leben, politisch überhaupt noch vertreten?

Friedrichs: Menschen aus der Unterschicht glauben immer weniger daran, dass sie vertreten werden, sie gehen unterdurchschnittlich oft wählen und beteiligen sich seltener an weicheren politischen Instrumenten wie Demonstrationen, Petitionen oder direkten Abstimmungen. Es gibt ja diese Hoffnung, direkte Demokratie könne das Demokratiedefizit lösen. Wenn man das aus der Perspektive von sozialer Ungleichheit betrachtet, ist direkte Demokratie jedoch sozial selektiv, weil sich vor allem die Gebildeten aus Ober- und Mittelschicht beteiligen.

Ich glaube auch, dass in den letzten Jahren eine wahnsinnige Kluft zwischen den Ärmeren in unseren reichen Ländern und den politischen Parteien aufgetreten ist. Das hat auch damit zu tun, dass die SozialdemokratInnen nicht mehr als natürliche Verbündete wahrgenommen werden. Sie sprechen eine andere Sprache, weil sie andere Themen belegen, weil sie Entscheidungen getroffen haben, die gegen die Interessen ihrer ureigenen Klientel gingen.

derMoment: Stichwort Hartz IV?

Friedrichs: Ich würde eher sagen: Stichwort Komplettliberalisierung des Niedriglohnsektors, was Leiharbeitsverträge, Werkverträge, und die Durchlöcherung der Arbeitsverhältnisse angeht. Ärmere Menschen spüren, dass es im unteren Arbeitsmarktsegment wesentlich brutaler geworden ist. Viele Instrumente der Flexibilisierung haben zwar den ArbeitgeberInnen geholfen, aber sie selbst extrem hart getroffen.

derMoment: Sie schreiben: „Schwache brauchen starke Institutionen. Wenn das gelingen soll, dürfen Schulen nicht nach Marktgesetzen funktionieren.“ Was kann ein freier Markt nicht gewährleisten?

Friedrichs: Im Moment können Eltern sehr stark mitentscheiden, welche Schule ihr Kind besucht und suchen natürlich nach den besten Optionen. Dafür muss man sich aber kümmern und mühen. Man muss sich auch bei der Gesetzeslage auskennen und es müssen gut formulierte Anträge gestellt werden. Das alles fällt Eltern schwer, die nicht akademisch geschult sind. Das derzeitige Prozedere ist absurd und hat bei der Beschulung von 6-Jährigen nichts zu suchen. Gerade ärmere Eltern mit mehreren Kindern müssen sich darauf verlassen können, dass es reicht, dass sie ihr Kind an der Schule anmelden und es in eine exzellente Schule kommt.

Bei diesem Wettlauf um die besseren Schulen verlieren aber die, die immer schon verloren haben. Unser derzeitiges Schulsystem wirkt nicht als Chancengeber, der immer wieder die Hand reicht. Unser Schulsystem macht genau das Gegenteil; es wirkt von Beginn an als Sortiermaschine.

derMoment: Das heißt, die Wahlmöglichkeit der Eltern soll eingeschränkt werden?

Friedrichs: Genau, aber verbunden mit der Garantie, dass alle Schulen ihre Standards erfüllen. Hier muss der Staat ansetzen und das Bildungssystem ausfinanzieren, vor allem das frühkindliche. Das wäre auch bezahlbar…

derMoment: … und die Ausgaben spart sich der Staat dann später selbst.

Friedrichs: Ja klar, das Geld ist so viel klüger investiert, anstatt später bei sozialen Reparaturmaßnahmen.

derMoment: Haben nach diesen Gesichtspunkten Privatschulen eine Daseinsberechtigung?

Friedrichs: Im Elementarschulbereich nicht. Die Schule ist einer der wenigen Orte in unserer zersplitterten Gesellschaft, wo man Gemeinschaft schaffen kann und wo Kinder lernen können, mit Vielfalt umzugehen. Das Privatschulsystem unterläuft das, weil Privatschulen keine Vielfalt abbilden. Und dazu zählen auch Waldorfschulen.

 

 

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