„Ich war immer mehr Prolo als die Anderen”

3. Nov 2018

Stefanie Sargnagel liest Stefanie Sargnagel erzählt im Gespräch mit derMoment, wie ihre Jugend als ArbeiterInnenkind war, was Klassen für sie bedeuten und warum die Unterschiede zwischen ihnen nicht immer so dramatisch sind.

derMoment: Du hast über deinen Arbeitsalltag im Call-Center geschrieben, bezeichnest dich als ArbeiterInnenkind. Jetzt bist du eine bekannte Künstlerin. Würdest du das als „sozialen Aufstieg“ bezeichnen?

Stefanie Sargnagel: Auf jeden Fall. Ich bin von jemandem mit kaum Geld aus dem Underground zu jemandem mit einem hohen Einkommen und viel Öffentlichkeit aufgestiegen. Das hat auch künstlerische Auswirkungen und ich habe ein völlig anderes Sendungsbewusstsein.

derMoment: Die taz hat dich einmal beschrieben als „Kunststudierende, Prekär-Jobberin und Trinkerin“. Ist man als Künstlerin nicht auch immer irgendwie Prekär-Jobberin? Wie fühlen sich die Unterschiede zwischen dem Job als Künstlerin und dem Job im Callcenter an?

Stefanie Sargnagel: Ich weiß mit dieser Aussage mache ich mich nicht beliebt, aber als Künstlerin habe ich mich nie unfreiwillig prekär gefühlt. Dieses Studium geht man gerade als ArbeiterInnenkind nicht mit der Erwartung an, eines Tages viel Geld zu haben. Man hat theoretisch die Möglichkeit, alles zu studieren und sich ein besseres Einkommen zu sichern. Es ist nicht dasselbe, wie wenn man aufgrund mangelnder Ausbildungsmöglichkeiten zu einem Job ohne Aufstiegsmöglichkeiten verdonnert ist. Ich habe Glück gehabt, mache etwas Populäres, nämlich Humor und verdiene sehr gut.

derMoment: Du hast über dich und deine eigenen Verhältnisse gesagt: „Ich tu mich ja gern so stilisieren als armes Arbeiterkind.“ Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester und alleinerziehend, „das war schon anders als bei anderen“. Wie hast du dieses Anderssein denn gemerkt?

Stefanie Sargnagel: Meine FreundInnen hatten alle drei Mal so große Wohnungen. Daheim wurde bei denen eine andere Sprache gesprochen, auch eine etwas indirektere nach meinem Empfinden. Und es gab ganz andere Dinge zu essen. Bei Essenseinladungen habe ich mich immer unwohl gefühlt, weil ich das Gefühl hatte, ich verstehe da gewisse Codes nicht.

derMoment: Du warst also schon sehr früh mit dem Thema Klasse konfrontiert?

Stefanie Sargnagel: Ich hab es vielleicht nicht so genannt, mir war aber immer klar, dass ich mehr Prolo bin als meine Freunde. Ich habe immer schon damit kokettiert, man hat einfach andere Sprüche drauf.

derMoment: Wie ist es dazu gekommen, dass du als “armes ArbeiterInnenkind”, wie du sagst, auf einem konservativen Gymnasium gelandet bist?

Stefanie Sargnagel: Es war die nächstgelegene Schule zu meiner Volksschule. Aufgrund der sehr umfassenden Nachmittagsbetreuung war ich in einer katholischen Privatschule im 18. Bezirk. Alle, die ins Gymnasium gingen, gingen dahin. Ich hatte Bestnoten, aber meine Eltern hätten sicher kein Problem damit gehabt, wenn ich die Hauptschule gemacht hätte. Sie hätten nur darauf geachtet, dass es keine Brennpunktschule ist. Im Gymnasium fand ich es aber schrecklich. Ich wurde trotz meiner Talente von der Lehrerschaft als Störenfried betrachtet und hätte mich in einer linkeren Schule sicher wohler gefühlt.

derMoment: Wie kam’s dazu, dass du Malerei studieren wolltest?

Stefanie Sargnagel: Ich habe die Schule abgebrochen und hatte keine Matura. Ich wollte seit ich ein Kleinkind war etwas Künstlerisches machen und habe immer schon Witze gemacht, gezeichnet und Geschichten geschrieben. Hätte ich die Schullaufbahn normal gemeistert, hätte ich vermutlich eine Ausbildung zur Grafik-Designerin gemacht. Irgendetwas wo man einen richtigen Beruf hat.

derMoment: Warst du im Kunststudium mit Klassenunterschieden, Herkunftsfragen etc. konfrontiert?

Stefanie Sargnagel: Das kommt auf das Milieu an, die Kunstszene ist sehr vielfältig und reicht von linksradikalen KünstlerInnen bis zu stumpfen KarierristInnen. Es ist schon ein Rich-Kid-Studium, aber Freaks haben darin schon auch ihren Platz. Prinzipiell habe ich aber das Gefühl, dass das Studium ‘Bildende Kunst’ eher Egomanen als solidarische Charaktere anzieht. Freundschaften habe ich während dem Studium nicht viele geschlossen. Ich hatte das Gefühl, die meisten wollten etwas anderes als ich. Bilder malen, um sie reichen Leuten zu verkaufen, hat mich eher abgetörnt.

derMoment: Der Zugang zu “Kunst” ist ja nicht unbedingt niederschwellig. Für wen machst du Kunst bzw. wen repräsentierst du damit?

Stefanie Sargnagel: Als Humorkünstlerin erreiche ich natürlich mehr Leute als eine abstrakte Malerin. Prinzipiell sehe ich mich als Art Troll. Humor ist eine super Art seine Meinung unverblümt zu sagen. Ich repräsentiere alle, die meinen Humor teilen.

derMoment: Wir nehmen an, wenn man lustige Texte schreibt oder Comics zeichnet, stellt man sich irgendwie vor, wie das dann ist, wenn Leute drüber lachen. Wie stellst du dir eigentlich deine LeserInnen vor?

Stefanie Sargnagel: Ich habe da keine konkrete Vorstellung. Ich mache sehr viele Lesungen und sehe dort mein Publikum. Das ändert sich je nach Veranstaltungsort. Ich bin eigentlich immer am positivsten überrascht wenn alte Männer Selfies mit mir machen wollen.

derMoment: Autoren wie Didier Eribon haben ja über die Erfahrung geschrieben, mit ihrer Herkunft zu brechen, ihre „Klasse“, „ihre Schicht“ zu verlassen –und dass das emotional herausfordernd war, dass es dabei viele Irritationsmomente gab. Gab es für dich Irritationsmomente als du plötzlich mit Journalistinnen, mit selbst ernannten Kommentatorinnen, anderen Autorinnen und Künstlerinnen zu tun hattest?

Stefanie Sargnagel: Ich würde das nicht dramatisieren. Meine Familie war im Grunde immer sehr aufgeschlossen, zumindest die Frauen. Ein bisschen wie bei den Simpsons. Theater, Literatur, Kabarett waren immer präsent. Eltern lernen ja auch von ihren Kindern. Meiner Familie war höhere Bildung allein aus infrastrukturellen oder sozialen Gründen nicht möglich. Die Frauen, die mich geprägt haben, waren aber immer sehr interessiert. Die Irritationsmomente hatte ich in der Kindheit. Danach war ich schon sehr eindeutig in einem künstlerischen alternativen intellektuellen Milieu verhaftet. (KG, JT)

 

 

Stefanie Sargnagel (32) ist Autorin und Zeichnerin. Bekannt wurde sie durch ihre Statusmeldungen auf Facebook, die sie später auch als Buch veröffentlicht hat. Sargnagel ist in Wien als ArbeiterInnenkind aufgewachsen, hat Kunst studiert und ist Mitbegründerin der Burschenschaft Hysteria.

Buchtipps: „Binge Living: Callcenter Monologe“, erschienen 2013 und „Fitness“, erschienen 2015 – beide bei edelsteiner dahimène edition; „Statusmeldungen“, erschienen 2017 im Rowohlt Verlag.

 

Zur Gesamtausgabe der Kongresszeitung DerMoment.

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