Huber Jakob: Wirtschaftswissenschaft und Sozialdemokratie: Ein Gedankenexperiment.

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track 1 „Verteilung und Umverteilung”

„Wirtschaftswissenschaft und Sozialdemokratie: Ein Gedankenexperiment.”

1. Motivation und Einschränkungen
“Die Alliance der Wissenschaft und der Arbeiter, dieser beiden entgegengesetzten Pole der Gesellschaft, die, wenn sie sich umarmen, alle Kulturhindernisse in ihren ehernen Armen erdrücken werden – das ist das Ziel, dem ich, so lange ich atme, mein Leben zu weihen beschlossen habe.” Ferdinand Lassalle, Gründungsvater der SPD [1863] 1970:144

Zehn Jahre später wurde 1873 der Verein für Socialpolitik gegründet, er sollte nach Gustav Schmoller „auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen“ (1872). Diese historische Allianz aus Wissenschaft und ArbeiterInnenbewegung war in der Tat erfolgreich. Es ist ihr in den letzten 150 Jahren gelungen, durch Reformpolitik zahlreiche „Kulturhindernisse“ zu überwinden und den Kapitalismus zumindest in Westeuropa über weite Strecken und lange Zeit zu bändigen.

Der Zusammenbruch des Finanzkapitalismus hat nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch das Denken über sie erschüttert und eine Krise der Sozialdemokratie und der Wirtschaftswissenschaften offengelegt. So hat etwa im Mai 2010 auch die letzte bedeutende sozialdemokratische Partei Europas (New Labour) einen historischen Tiefststand erreicht, im Europäischen Rat und in der Kommission dominieren die Konservativen wie nie zuvor. Und anlässlich der Gründung des Institutes for New Economic Thinking meinte etwa Joseph Stiglitz (2010): „I think the crisis has brought out, that we really don’t understand how our economy works.“ Beide Krisen sind nicht über Nacht eingetreten, sondern das Ergebnis langjähriger Prozesse. Anfang der 1990er Jahre meinte ein noch optimistischer Ewald Nowotny, damals Professor an der WU und sozialdemokratischer Finanzsprecher im Nationalrat: „Dies ist eine gute Zeit für sozialdemokratische Ökonomen. Nach Jahren der Flaute und des Gegenwindes beginnt sich der ‚Wind des Zeitgeistes‘ wieder [von konservativer zu linksliberaler Hegemonie, Anm.] zu drehen. “ (1992:9) Diese Hoffnung hat sich aus heutiger Sicht nicht bewahrheitet.

Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass die Prinzipien der Rothschild’schen Common Sense Economics (Tichy, 1985) heute (noch) weniger Berücksichtigung finden. Umso weniger ist die Ursachenforschung ein Selbstzweck und umso mehr gilt es für Wirtschaftswissenschaften und Sozialdemokratie, die richtigen Schlüsse aus der Krise zu ziehen.

Betrachtet man die letzten beiden Jahrzehnte seit dem Fall des Eisernen Vorhangs drängt sich in Anlehnung an Paul Krugman (2009) die Frage auf: How did economists and socialdemocrats get it so wrong? Sowohl innerhalb der Sozialdemokratie (etwa Cramme Wirtschaftswissenschaften und Sozialdemokratie et al, 2009, Hönigsberger, 2009, Walter, 2010) als auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften (etwa Lawson, 2009, Wong, 2009 aber auch Kirchgässner, 2009) finden nach innen gerichtete Krisendiskurse statt.

In diesem Beitrag soll hingegen die Allianz aus SozialdemokratInnen und WirtschaftswissenschafterInnen und ihre spezifische „Krise“ in einem Gedankenexperiment analysiert werden. Dazu ist es in einem ersten Schritt notwendig, diese Allianz idealtypisch zu „konstruieren“. Sozialdemokratisch bezieht sich hier in Anlehnung an Hasenritter et al (2008) auf eine mentale und nicht notwendigerweise eine parteipolitische Zuordnung, im Rahmen der Wirtschaftswissenschaften wird der Schwerpunkt auf ÖkonomInnen gelegt.

Die Allianz wird als (fiktive) institutionalisierte Akteurin gedacht, deren Vorleistungen SozialdemokratInnen und WirtschaftswissenschafterInnen zum eigenen und gemeinsamen Vorteil in Anspruch nehmen (können). Wer oder was soll diese Allianz sein? Wer sind die AkteurInnen? Welches Verhältnis von Wissenschaft und Politik liegt dieser Allianz zugrunde? Welchen Zwecken dient sie und welcher Mittel bedient sie sich auf welchen Handlungsfeldern? In diesem Rahmen können anschließend die durch die Krise offengelegten Schwächen der Sozialdemokratie, der Wirtschaftswissenschaften und ihrer Allianz analysiert werden.

Der Beitrag nimmt damit gewissermaßen eine betriebswirtschaftliche bzw. organisationssoziologische Perspektive ein. Auf eine historisch-empirische Untermauerung wird aus Platzgründen ebenso verzichtet wie auf eine tiefere Untersuchung der Ursachen des Niedergangs. Dass die folgenden (kruden) Thesen subjektiven Überlegungen entspringen und dem Postulat der Werturteilsfreiheit widersprechen versteht sich von selbst.

Im Bezug auf das Kongress- und Trackthema lassen sich zumindest drei unmittelbare Bezugspunkte formulieren: Erstens der Bedeutungsverlust von Verteilungsfragen in der Wirtschaftswissenschaft und zweitens die Entsolidarisierungsprozesse durch Politiken der letzten Jahre sind zentrale Folgen des Niedergangs der Allianz. Wenn drittens die Allianz wieder an Stärke gewinnen soll, wird ein größeres Ausmaß an Solidarität – mehr „Voice“, weniger „Exit“ (Hirschmann) – zwischen sozialdemokratischen ÖkonomInnen und PolitikerInnen notwendig sein.

Jakob Huber

Dokumente zum Download

Beitrag_Huber (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-02-19 16:11:21