Hovorka Gerhard: Eckpunkte einer zukunftsfähigen (Berg)landwirtschaft

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 5 „Freier Handel auf dem Prüfstand”

„Eckpunkte einer zukunftsfähigen (Berg)landwirtschaft”
Der Stellenwert der Landwirtschaft und insbesondere der Berglandwirtschaft in der Öffentlichkeit hängt auch davon ab, auf Basis welcher ökonomischen theoretischen Ansätze ihre Bedeutung und ihre Leistungen untersucht und bewertet werden. In der Agrarwissenschaft dominieren die neoklassischen Ansätze und die Freihandelstheorie. Multifunktionale Leistungen der Berglandwirtschaft werden von diesen Erklärungsmustern nur als Problem der „Internationalisierung von Externalitäten“ wahrgenommen und deren finanzielle Abgeltung nur widerwillig akzeptiert, da auch im Agrarbereich dem freien Markt prinzipiell die Fähigkeit zur Lösung aller Probleme zugeschrieben wird. Obwohl die Kritik daran schon seit geraumer Zeit formuliert wird und die tägliche Praxis diese Theorie widerlegt, ist kein wirkliches Umdenken in der Agrarwissenschaft feststellbar.

Im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion hat der „freie Markt“ in Theorie und Praxis weder adäquate Zukunftsvorschläge für die Mehrheit der Bevölkerung und der Bauern/Bäuerinnen in der 3. Welt noch für die Berglandwirtschaft in Österreich oder vergleichbaren Staaten zu bieten. Eine allgemein anerkannte theoretische Gegenposition im Agrarbereich ist (noch) nicht in Sicht. Der Liberalisierung der Agrarmärkte und damit der Konkurrenzdruck auf die Betriebe werden weiter zunehmen. Dies wäre ohne politische Gegensteuerung mit negativen Folgen für die Kulturlandschaft, Biodiversität und Besiedelung verbunden.

In diesem Beitrag soll ausgehend von einer Darstellung des Istzustandes kurz einige denkbaren Szenarien zukünftiger Entwicklungen im Berggebiet und der Berglandwirtschaft in Österreich vorgestellt werden. Darauf aufbauend werden einige Eckpunkte für eine zukunftsfähige Berglandwirtschaft dargestellt und diskutiert. Die Entwicklungen der Berglandwirtschaft werden vom agrarwissenschaftlichen „Überbau“, der Gestaltung der wirtschafts-, agrar-, sozial- und umweltpolitischen Rahmenbedingungen auf internationaler und nationaler Ebene und der Qualität und Intensität der regionalen Umsetzung abhängig sein. Aber natürlich sind auch die Anpassungsstrategien und der Veränderungswille der Berglandwirtschaft selbst ein wichtiger Faktor für die Gestaltung der Zukunft.

Für eine zukunftsfähige Berglandwirtschaft werden vor allem folgende Punkte von zentraler Bedeutung sein:

–    Ein adäquates – nicht neoliberales – Theoriekonzept und die gesellschaftliche Anerkennung der multifunktionalen Leistungen. Es bedarf alternativer theoretischer Ansätze, die auch für die Berglandwirtschaft relevant sind.

–    Die Abgeltung der gesellschaftlichen Leistungen der Berglandwirtschaft durch Förderungen (das Agrarumweltprogramm ÖPUL und die Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete sind derzeit die wichtigsten Förderungen)

–    Breite Entscheidungsfindung, da die Gesellschaft längerfristig nur dann bereit sein wird, für die Landwirtschaft die erforderlichen Budgetmittel zur Verfügung zu stellen, wenn nachvollziehbar ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele damit erreicht werden.

–    Agrarpolitische Rahmenbedingungen für die österreichische Agrarstruktur zugunsten der Klein- und Mittellandwirtschaft

–    GVO-Freiheit im Berggebiet wird in Zukunft von zentraler Bedeutung sein

–    Zukunftsstrategie biologischer Landbau als Leitbild stärker verankern

–    Qualitätsproduktion im Berggebiet die auf die Bedürfnisse der KonsumentInnen abgestellt ist

–    Diversifizierung der Bergbauernbetriebe mit dem Ziel einer höheren Wertschöpfung durch Weiterverarbeitung der eigenen Produkte und Anbietung von kommunalen Dienstleistungen sowie erneuerbarer Energie (vor allem Wald)

–    Integrierte Regionalentwicklung im Berggebiet, da die Berglandwirtschaft immer stärker in die regionalen Strukturen integriert wird und eng mit anderen wirtschaftlichen Bereichen (dem vor- und nachgelagerten Bereich, Handwerk und Gewerbe, Tourismus) verknüpft ist

–    Ausbau der nationalen und internationalen Netzwerkstrukturen, da diese Innovationen und die Erarbeitung neuer Strategien fördern

–    Soziokulturelle Öffnung, denn ein wesentlicher zukünftiger Stabilitätsfaktor der Berglandwirtschaft werden nicht nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sondern vor allem auch die Schaffung eines modernen, offenen und emanzipatorischen Klimas in den Regionen, Dörfern und Familien sein.

Der Strukturwandel im Agrarsektor in Österreich wird sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Wie die Geschichte zeigt, haben sich die Bauern und Bäuerinnen im Berggebiet aber trotz naturräumlich bedingter Benachteiligungen und wirtschaftlicher Problemphasen bisher überraschend flexibel auf die unterschiedlichsten externen Einflüsse eingestellt und sich behauptet. Der individuelle und gesellschaftliche Freiheitsgrad hängt in der Zukunft davon ab, inwieweit es gelingt, einen Rahmen für Lebensbedingungen und –perspektiven zu schaffen, die auf gesellschaftlicher Teilhabe, einer ausreichenden wirtschaftlichen Basis sowie einem offenen, soziokulturellen Klima beruhen. Dafür benötigt es auch, aber selbstverständlich nicht nur, eine Neuorientierung und Reform der Agrarpolitik, die als Teil einer modernen Regionalpolitik mit anderen relevanten Politikinstrumenten abgestimmt ist. Aus verteilungspolitischer Sicht wäre ein wichtiger Schritt, die Förderungshöhe in Zukunft nicht mehr vom Umfang und Art der landwirtschaftlichen Fläche abhängig zu machen, sondern die kalkulierten Standardarbeitszeiten, d.h. den notwendigen Arbeitseinsatz heran zu ziehen.

Gerhard Hovorka

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AutorIn Momentum 2011-05-17 10:07:25