Högelsberger Heinz: Gleichheit und Lebensglück – Neue Aufgaben für Gewerkschaften

26. Jul 2011

Im Diskurs über Glück, Zufriedenheit und Gleichheit gibt es eine Reihe von Aspekten:

• Obwohl die Menschen in den industrialisierten Ländern innerhalb der letzten 50 Jahre viel wohlhabender geworden sind, sind sie auch nicht glücklicher als ihre Großelterngeneration.

• Die Glücksforschung hat festgestellt, dass sich die Lebenszufriedenheit einzelner stark am relativen Vergleich zu den Mitmenschen orientiert. Kauft sich beispielsweise der Nachbar von Person A ein größeres Auto, kann dies A unglücklicher machen, als wenn beide gar keinen PKW hätten. Das Glücksgefühl des Nachbarn wiederum ist nur von kurzer Dauer, da er sich rasch an den neuen Besitz gewöhnt. • Richard Wilkinson hat in zahlreichen Meta-Studien nachgewiesen, dass es in egalitären Gesellschaften allen besser geht; sogar den Reichen!1

• Viele Menschen haben Sehnsucht nach weniger Stress und weniger Arbeit. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2010 würden gut ein Drittel der Menschen in Österreich auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten, wenn sie dafür um 20 Prozent weniger arbeiten müssten. Bei Polyfelt wurde die Arbeitszeit um acht Prozent verkürzt, die Arbeiter stimmten einem Lohnverzicht um fünf Prozent zu2. Ein neuer Schichtplan bei Borealis reduzierte Wochenarbeitszeit 34,4 Stunden (dadurch 10 Prozent neue Arbeitsplätze). Bedingung des Managements war Lohnkostenneutralität, die MitarbeiterInnen stimmten einem reduzierten Gehalt (bei 10% Arbeitszeitverkürzung rund 6% Netto- Lohnverlust) mit großer Mehrheit zu3. Bei der AUA wurde eine zehnprozentige Arbeitszeitverkürzung mit 5 % Lohnverzicht „erkauft“. Offenbar kann aus all diesen Beispielen eine Faustformel abgeleitet werden, wonach eine Arbeitszeitverkürzung ca. doppelt so hoch wie ein allfälliger Lohnverzicht sein müsste, um akzeptiert zu werden. • Glück und Lebenszufriedenheit der Menschen steigt mit dem Einkommen bis zu einer gewissen Grenze. Sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind und Vorsorge gegen Zukunftsängste getroffen wurde (Altersversorgung, Ausbildung der Kinder usw.), spielt ein weiterer Reichtumszuwachs keine Rolle mehr. Dann ist Lebenszufriedenheit hauptsächlich von der Gesundheit, Einstellung zum Leben, Freundschaften und sozialen Beziehungen abhängig.

• Klimawandel, „peak-oil“ und Ressourcenknappheit lehren uns, dass wir in Zukunft mit weniger matriellen Gütern und weniger Energie auskommen müssen und es einer Änderung des Lebensstils bedarf. Wie müsste also eine (Verteilungs-)-Politik aussehen, die die Parameter Gerechtigkeit, Glück und Lebenszufriedenheit, sowie Umweltschutz berücksichtigt? Bislang haben Gewerkschaften und andere ArbeitnehmerInnenvertretungen dafür kaum Lösungsansätze angeboten. Hier der Versuch einer Antwort: Im Endeffekt muss es Bestreben der Gewerkschaft sein, Glück und Lebenszufriedenheit für die Arbeitnehmerinnen zu erlangen, erhalten, vergrößern. Ein sicherer Job, soziale Absicherung, ArbeitnehmerInnenschutz (z.B. Unfallprävention) und ein fairer bzw. möglichst 1 R. Wilkinson & K. Pickett (2009): Gleichheit ist Glück 2 Die Zeit, 26.7.2007 3 www.arbeitundalter.at hoher Lohn sind dabei natürlich wichtige Bausteine. Aber es kommen auch andere Faktoren dazu, die bislang nicht zur klassischen Gewerkschaftsarbeit gezählt wurden.

• Gerechte Verteilung von Arbeit: Sowohl die Arbeit selbst (Überstunden versus Arbeitslosigkeit), als auch deren Bezahlung muss gerechter verteilt werden. Beides muss Hand in Hand gehen, damit sich auch Beschäftigte in bisherigen Niedriglohnsegmenten eine Stundenreduktion „leisten“ können.

• Ausbau der Daseinsvorsorge: Optimal ausgebaute Daseinsvorsorge, die gratis oder sehr preisgünstig allen angeboten wird, wirkt nivellierend und führt aus der Armutsfalle.

• Entschleunigung der Arbeit: Die Bereitschaft zu Lohnverzicht für reduzierte Arbeitszeit zeigt den hohen Leidensdruck. Aufgabe der Gewerkschaften müsste es sein, die Arbeitszeitverdichtung zu stoppen und Entschleunigungsmaßnahmen durchzusetzen.

• Kein Lohnverzicht Auch eine substantielle allgemeine Arbeitszeitreduktion sollte weitgehend ohne Lohnverzicht durchgesetzt werden. Argument dafür wäre die gestiegene und bislang nicht abgegoltene Produktivität.

• Teilzeit salonfähig machen: Teilzeitarbeit muss als vollwertig anerkannt werden. Speziell in bisherigen Niedriglohnsektoren sollte man auch von Teilzeit menschenwürdig leben können. So muss durch eine offensive Lohnpolitik (= Hebung der Lohnquote) und durch eine dementsprechende Steuerprogression dafür gesorgt werden, dass Teilzeit durch möglichst wenig Netto-Lohnverzicht „erkauft“ wird.

• Steuern auf Vermögen und auf Umweltverbrauch: Die umverteilende Wirkung von Vermögenssteuern ist selbsterklärend. Aber auch Umwelt- und Energieverbrauch steigt mit dem Reichtum. Wohlhabende Menschen wohnen in größeren Häusern, haben daher einen höheren Heizbedarf, besitzen mehr Haushaltsgeräte, fahren in größeren Autos über längere Entfernungen, benützen öfter das Flugzeug und konsumieren generell mehr. Klug und sozial gestaltete Ökosteuern – die beispielsweise progressiv wirken – haben daher eine positive soziale Komponente und einen ökologischen Steuerungseffekt. Allerdings müssen spezielle soziale Härten (Heizkosten, Mobilität in schlecht erschlossenen ländlichen Gebieten) kompensiert werden.

• Gewerkschaftliche Forderungen für gut verdienende ArbeitnehmerInnen: Die bisherige Praxis, auch für dieses Klientel steigende Gehälter zu fordern, macht die Menschen nicht glücklicher, führt aber zu mehr Konsum und Umweltverbrauch. Hier wäre zu überlegen, welche nicht-matrielle Forderungen besser geeignet wären, die Lebenssituation dieser ArbeitnehmerInnen zu verbessern (z.B. zusätzliche Urlaubstage, Weiterbildungsmöglichkeiten, verbesserte Kinderbetreuung usw.).

• Bewusstseinsbildende Maßnahmen: Wer Konsum als Lebenszweck ansieht und sich damit über Missstände hinwegtröstet, unterstützt das herrschende System doppelt:

(1) zusätzlicher Konsum trägt zu weiteren Geschäften und Profiten bei.

(2) Wer „konsumiert statt rebelliert“ wirkt systemerhaltend. • Absage an ewiges Wirtschaftswachstum: Gewerkschaften vertreten oft das Credo vom Wirtschaftswachstum, weil sie sich dadurch Verteilungsdebatten und –kämpfe ersparen wollen. Aus ökologischen Gründen ist es aber geboten, sich darauf zu konzentrieren, auch bei eine stagnierenden oder schrumpfenden Wirtschaft einen wachsenden Anteil der Gewinne für die Beschäftigten erkämpfen.

Dokumente zum Download

Högelsberger-2011_Paper (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-10-11 18:20:51

Högelsberger_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 13:45:36