Hetzer Andreas: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 3 „Globale und ökologische Gerechtigkeit”

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“
Eine Kritik an Agrotreibstoffen als radikale Gesellschaftskritik

„Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias (gute Familienväter) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“
Karl Marx

Die Statistiken der letzten Jahre für Treibstoffe aus pflanzlichen Rohstoffen lassen einen bemerkenswerten Anstieg erkennen. Die weltweite Ethanol-Produktion konnte zwischen 2000 und 2005 mehr als verdoppelt werden und die Herstellung von Biodiesel im globalen Maßstab wurde sogar vervierfacht. Diese Expansion wurde unter anderem von den politischen

Rahmenbedingungen getragen, die von der EU und den USA zum Thema Agrotreibstoffe auf den Weg gebracht wurden. Im März 2007 legten die Staats- und Regierungschefs der EU eine verbindliche Beimischungsquote von Agrotreibstoffen zum Normalbenzin von 5,75 Prozent bis 2010 fest, die bis 2020 auf 10 Prozent gesteigert werden soll. Die USA hat bis 2017 sogar die ehrgeizige Zielmarke von 15 Prozent ausgegeben. Die steigenden Energiekosten und der dynamische Markt für Rohölpreise tragen ihren Teil dazu bei, dass das landwirtschaftliche Segment der Energiegewinnung die wohl stärksten Zuwachsraten der letzten Jahre aufweist. Die Nachfrage nach Agrotreibstoffen wird besonders von den power houses der Weltwirtschaft angeheizt, die ein Interesse an der Diversifizierung von Energieträgern haben, um ihre Position auf dem Weltmarkt auch in Zukunft zu sichern. Darüber hinaus wird der Pflanzensprit als saubere Alternative gepriesen, die den Ausstoß schädlicher Klimagase beträchtlich verringere und zur Erfüllung der Ziele des Kyoto-Protokolls beitrage.
Agrotreibstoffe sind also längst kein Projekt einer neuen Ökologiebewegung, sondern ein industriepolitisches Programm einer politischen und ökonomischen Elite in den Industrie- und aufsteigenden Schwellenländern.

Seriöse Studien zur Untersuchung von Energiebilanzen sowie ökologischen Langzeitfolgen zeigen, dass die angebliche Alternative Agrotreibstoffe unter momentanen Produktionsbedingungen keinen Beitrag zur Verringerung des Schadstoffausstoßes oder zur Reduktion von Treibhausgasen leistet. Der großflächige, monokulturelle Anbau wird in der
Regel von einem transnational agierenden Komplex aus Chemie-, Automobil-, Gentech- und Ölkonzernen dominiert. Längst wird die vollkommene Kommodifizierung natürlicher Ressourcen durch Allianzen transnationaler Konzerne dominiert, die an der energetischen Ressourcenverschwendung und den Treibhausgasemissionen wesentlichen Anteil haben. Der Löwenanteil des Energieaufwandes bei der Herstellung des Agrosprits konzentriert sich auf die Phasen der landwirtschaftlichen Biomasseerzeugung und der Umwandlung der Pflanzenbestandteile. Die maschinelle Bearbeitung des Bodens erfolgt unter intensivem Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, zu deren Bereitstellung selbst wieder Energie aufgewendet werden muss. Die Prozessenergie zur Konversion der landwirtschaftlichen Rohstoffe schwankt je nach Pflanzenart, Treibstoffoption (z.B. Ethanol, Gas oder Diesel) und Produktionsmethode. Fakt ist, dass auch hier ein enormer Energieaufwand vonnöten ist.
Selbst der OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft Stefan Tangermann geht davon aus, dass „unterm Strich in Europa oft rund 80 Prozent der gewonnenen Bioenergie vorher in Form fossiler Energie investiert werden“.

Diese noch recht positive Kalkulation verkehrt sich schließlich in eine negative Bilanz, sobald dynamische Interferenzen zwischen der gesellschaftlichen Form der Aneignung von Natur und den natürlichen Produktionsbedingungen in die Betrachtung einbezogen werden. Es ist davon auszugehen, dass die enorme Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft mittels chemischer und technischer Intensivierung die Bodenqualität mindert und langfristig niedrigere Erträge verursacht, die dann wiederum nur durch einen noch intensiveren Chemikalieneinsatz gesteigert werden können. Es ist darüber hinaus problematisch, dass die verschiedenen Bereitstellungsoptionen für Agrosprit zwar einerseits an klimatische Bedingungen gebunden sind, andererseits aber stets der Rohstoff bevorzugt wird, der die höchsten Profite verspricht. Bei den globalen Preisschwankungen auf dem Rohstoffmarkt besteht die Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs zwischen verschiedenen
Pflanzenkulturen, so dass Mischkulturen eher die Ausnahme als die Regel sein werden. Die starke Nachfrage nach Energiepflanzen, die ja teilweise auch als Nahrungsmittel dienen, führt zu einer Verknappung wertvoller Güter und treibt die Weltmarktpreise sowohl für die Agrotreibstoffe als auch die Nahrungsmittel in die Höhe. Beide Optionen stehen im

Wettbewerb um dieselben landwirtschaftlichen Ressourcen, so dass ein extensiver Energiehunger der Industrieländer zur Gefährdung der Ernährungssicherheit der Menschen in den Anbauländern führen kann. Am Beispiel von Brasilien hat sich gezeigt, dass die Preise für Zucker als auch für Ethanol stark miteinander gekoppelt sind. Und während der Tortillakrise in Mexiko wurde ersichtlich, dass sich die Weltmarktpreise für Mais unmittelbar auf die Märkte in Mexiko niederschlugen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer sind von steigenden Lebensmittelpreisen besonders betroffen, weil die ärmere Bevölkerung einen Großteil ihrer Haushaltsausgaben für Nahrung ausgibt, so dass die Agrotreibstoffproduktion, die als Preistreiber primär auf die Energieversorgung der Industrieländer abzielt, die prekäre Ernährungssituation der armen Weltbevölkerung zusätzlich verschärft. Es leuchtet unmittelbar ein, dass dem Nachfragedruck in diesem Agrarsegment auf Dauer nur durch eine Expansion an Nutzflächen begegnet werden kann. Bei steigenden Preisen nimmt der Flächendruck zu, so dass die Urbarmachung vormals funktionierender und für das Weltklima enorm bedeutender Ökosysteme stetig voranschreitet. Da die Beimischungsquoten der EU und der USA nicht allein mit dem existierenden Flächenpotenzial der Industrieländer eingehalten werden können, kommen die Länder des Südens ins Spiel. Sie verfügen über beträchtliche Nutzflächen und können Agrotreibstoffe insgesamt billiger produzieren. Als Anreiz werden stabile Exporteinnahmen und der Transfer moderner Technologien garantiert, so dass ein
Quantensprung zu Hochtechnologieländern möglich sei. Gleichzeitig entständen zahlreiche Arbeitsplätze, die ein Anheben des Lebensstandards mit sich brächten. Die Umnutzung des Bodens und die Abholzung von Regenwäldern gehören aber zur gängigen Praxis in Ländern wie Kolumbien, Indonesien, Malaysia, Argentinien oder Brasilien, so dass allein dadurch mehr Klimagase durch die Agrotreibstoffproduktion ausgestoßen als eingespart werden. Regenwälder zählen durch ihre hohe Feuchtigkeit und ihre Jahrtausende alte Humus- oder Torfschicht zu den wichtigsten Kohlenstoffspeichern der Erde. Indem der Boden entwässert und durch Brände ausgetrocknet wird, werden derart große Mengen an Kohlenstoffdioxid freigesetzt, dass es Jahrzehnte brauchen würde, um diese freigesetzten Gase durch Agrosprit – vorausgesetzt er würde ökologisch nachhaltig produziert – zu amortisieren. Dabei orientieren sich die Anreize für Entwicklungs- und Schwellenländer am modernisierungstheoretischen Paradigma und erinnern stark an Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile. Es
kommt zu einer Externalisierung der ökologischen Gefährdungspotenziale auf die Länder des Südens. Klassische Dependenzverhältnisse und die Abhängigkeit von einigen wenigen landwirtschaftlichen Exportprodukten werden verfestigt, anstatt die eigene Ernährung sicherzustellen.

So weit, so schlecht. Es ließe sich argumentieren, dass eine Umstellung auf kleinbäuerliche
und nachhaltig produzierende Landwirtschaft, die sich dem agroökologischen Ansatz
verpflichtet fühlt und einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität leistet, eine
Alternative zu den verheerenden Konsequenzen des Agrobusiness darstellt. In Brasilien wird
mit der Siegelinitiative für Biodiesel seit 2005 versucht, Kleinbauern in die Produktion von
Biodiesel einzubinden. Den Abnehmerfirmen des Pflanzenöls werden entsprechende
Vergünstigungen garantiert, damit die Zusammenarbeit mit kleinbäuerlichen Strukturen
attraktiver wird. Das Projekt zeigt, dass Ölpflanzen wie Rizinus durchaus mit
Nahrungsmittelpflanzen (z.B. Bohnen) kombiniert werden können und in aufeinander
abgestimmten Mischkulturen gedeihen. Die Landarbeitergewerkschaften Brasiliens Contag
und Fetraf begrüssen die Energieerzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen und können sich
eine Zusammenarbeit mit Regierung und dem staatlichen Ölkonzern Petrobras durchaus
vorstellen. Und auch das Kleinbauernnetzwerk Via Campesina, das ansonsten der
agroindustriellen Exportlandwirtschaft den Kampf ansagt, gibt sich gesprächsbereit. Es ist
jedoch fraglich, inwieweit der extensive Bedarf an Rohstoffen für Agrosprit allein durch
derartige Produktionsketten gedeckt werden kann. Denn die angeheizte Nachfrage durch die
Industrieländer bedingt eben auch die industrialisierte und chemisierte Agrarwirtschaft von
Großproduzenten. Insofern ist es konsequent, dass zahlreiche Bauern- und
Nichtregierungsorganisationen des Südens in ihren Aufrufen und Protestschreiben für eine
Abschaffung der Zielvorgaben plädieren, weil sie die Nahrungsmittelsicherheit gefährdet
sehen.4 Eine Produktion von Biosprit, der diesen Namen verdient, könnte zwar einen
gewissen Anteil des lokal gebundenen Energieaufkommens decken und zur lokalen
Wertschöpfung beitragen, wohl aber kaum die Industrieländer mit bedienen. Insofern macht
die Energieoption bei gleichzeitiger Nahrungsmittelsicherheit nur dort Sinn, wo eine
Durchkapitalisierung der Landwirtschaft noch nicht eingesetzt hat.

Ziel der Argumentation kann es jedoch nicht sein, einen agricolen Urkommunismus
heraufzubeschwören und einer Romantisierung kleinbäuerlicher Landwirtschaft anzuhängen.
Stattdessen bleibt die Frage zu beantworten, wie ein angemessener Umgang mit der Natur
nach vernünftigen Maßstäben einzurichten ist, der den größtmöglichen Lebensstandard für
alle auf dem Stand momentaner Produktivität gestattet. Gemäß des Adornoschen Diktums,
dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt, müssen konkrete Vorschläge zu einer
ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise unter gegebenen Produktionsverhältnissen ihres
affirmativen Charakters entlarvt werden. Der Vollzug einer emanzipatorischen Praxis kann
nur bedeuten, sich dem reformistischen Denken und Handeln des hegemonial historischen
Blocks zu entziehen und an einer radikalen Kapitalismuskritik festzuhalten, die die
Klimakatastrophe unmittelbar auf ein gestörtes Mensch-Natur-Verhältnis bezieht. Das
Naturverständnis, dass sich am Anbau von Agrotreibstoffen illustrieren lässt, ist von einem
zweckrationalen Denken geprägt und verkennt die Abhängigkeit des Menschen von der
Natur. Indem der Mensch auf die Natur einwirkt und sie produktiv bearbeitet, verändert er
damit zugleich sein eigenes gesellschaftliches Verhältnis zur Natur und damit die Form der
Vergesellschaftung. Was Natur ist, kann jeweils nur bestimmt werden, wenn der Naturbegriff
in die Gesellschaftstheorie integriert wird und sowohl Gesellschaft als auch Natur in ihrer
Bestimmung in ein dialektisches Verhältnis gesetzt werden. Kritik an den Konsequenzen der
Agrotreibstoffproduktion kommt somit nicht ohne eine Kritik an der gesellschaftlichen Form
der Naturaneignung aus. Sie betont damit die „höchst selektive Bearbeitung ökologischer
Probleme“ unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung und betrachtet im
Gegenstand der Ökologie und des Naturschutzes nicht nur die Natur an sich, sondern die
Gesellschaft in ihrer konkreten historischen Gestalt und ihrem Verhältnis zur Natur. Eine
vernünftig angelegte Gesellschaft allerdings hat mit der existierenden gesellschaftlichen
Praxis nichts gemein. Ein Produktionsmodell, „welches in toto Mensch und Natur den
Wertverhältnissen der Kapitalakkumulation unterwirft und damit unter das Kommando des
sich selbst verwertenden Werts als systemnotwendigem Erfordernis subsumiert“, tritt dem
Menschen als ein sich verselbständigender Prozess entgegen, der von ihm nicht mehr
durchschaut wird. Dieses Naturverhältnis befreit zwar den Menschen von den Zwängen der
Natur, leugnet aber zugleich seine eigene Vermitteltheit als natürliches Wesen. Die Praxis der
Naturaneignung unter kapitalistischen Bedingungen wird mit der Entfremdung des Menschen
von der Natur erkauft. Er betrachtet sich als außerhalb der Natur stehend und damit die
ökologische Krise als ein ihm selbst Äußerliches. Indem diese Zusammenhänge durchschaut
werden, eröffnen sie die Möglichkeit, die existierende und destruktive Gesellschaftsformation
radikal zu kritisieren. Der Entwurf eines alternativen Projektes lässt sich nur aus der Negation
momentaner Verhältnisse und des Dialogs mit fortschrittlichen Kräften aus Nord und Süd
gewinnen. Insofern ist der Hinweis des ‚Forums Widerstand gegen das Agrobusiness‘ aus
Argentinien ernst zu nehmen: „Die Zentralität der Energiekrise für den
Kapitalakkumulationsprozess – mit der fortschreitenden Erschöpfung der Ölreserven –
vermag eine weltweite Debatte über andere Produktionsweisen des Lebens im Rahmen eines
radikal anderen Projekts in Gang zu setzen.“ Lassen wir diese Chance nicht ungenutzt!

Andreas Hetzer

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AutorIn Momentum 2011-02-17 20:52:01