Helga Moser: Veränderungen der Anerkennung des kulturellen und sozialen Kapitals durch Migration und ihre Konsequenzen für die Weiterbildung. Dargestellt am Beispiel der philippinischen Arbeitsmigration.

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 7 „Migration, Freiheit durch Anpassung?”

„Veränderungen der Anerkennung des kulturellen und sozialen Kapitals durch Migration und ihre Konsequenzen für die Weiterbildung. Dargestellt am Beispiel der philippinischen Arbeitsmigration.“

Fragestellungen
Migrationsprozesse spielen in den Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, europäische Staaten haben sich zu Einwanderungsgesellschaften entwickelt. Dadurch entsteht auch für die Bildung – und die in der vorliegenden Arbeit im Fokus stehende Weiterbildung – Handlungsbedarf. Denn die Erwachsenenbildung ist in der Praxis und der Wissenschaft mit den aktuellen Entwicklungen verbunden. Dies bringt die Notwendigkeit mit sich, die Relevanz von interkulturellen Fragestellungen im Bildungsbereich anzuerkennen, auf Seiten der MigrantInnen, aber auch auf Seiten der MehrheitsösterreicherInnen und Institutionen in den Einwanderungsländern.

Arbeitsmigration kann als Chance und Potential, aber auch als Problem und Risiko wahrgenommen werden. Die Betrachtung des Phänomens aus verschiedenen Blickwinkeln bringt unterschiedliche Perspektiven und Einschätzungen zutage.

Hinsichtlich der Auswirkungen von Arbeitsmigration auf die Anerkennung von kulturellem und sozialem Kapital wird in den Diskursen zu Brain Drain oder Brain Gain meist nur die Perspektive des Herkunftslandes thematisiert. Für mich ist es jedoch auch interessant, die Fragen von Gewinn oder Verlust bzw. den Umgang mit den Ressourcen der ArbeitsmigrantInnen auf der Mikroebene, d.h. der Perspektive der betroffenen Personen zu stellen. Wobei jedoch damit nicht eine Individualisierung der Problematik intendiert ist. Ausgehend von der Analyse der Mikroebene des Individuums werden auch Phänomene auf der Meso- und Makroebene erschlossen.

Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht folgende Frage: Welche Auswirkungen hat Arbeitsmigration auf die Anerkennung des sozialen und kulturellen Kapitals von ArbeitsmigrantInnen?

Thematische Fokussierung
•    Welche positiven und negativen Folgen hat die Arbeitsmigration für höher Qualifizierte und ihr soziales und kulturelles Kapital?

Ich verwende dabei die von Pierre Bourdieu eingeführten Bedeutungen des Kapitalbegriffs (Bourdieu 2001, S. 112ff.). Hinsichtlich des sozialen Kapitals wird vor allem der Bereich der sozialen Netzwerke und Beziehungen beleuchtet. Bezüglich des kulturellen Kapitals wird der Schwerpunkt einerseits auf formale Qualifikationen und deren Anerkennung im Aufnahmeland, andererseits auf informelles Wissen gelegt.

•    Wie gehen ArbeitsmigrantInnen mit der Veränderung der Relevanz ihres sozialen und kulturellen Kapitals um und welche Handlungsstrategien entwickeln sie?

Ausgehend von der Perspektive der Mikroebene der MigrantInnen wird die Meso- ebene mit dem Fokus auf die Situation der zurückbleibenden Familienangehörigen sowie der durch Migration entstandenen transnationalen Netzwerken betrachtet. Die Makroebenen in denen sich das Individuum bewegt, sind die Gegebenheiten im Herkunfts- sowie im Zuwanderungsland. In der Arbeit werden daher auch die Phänomene und Mechanismen, die auf diesen Ebenen wirken, Eingang finden. Ein Schwerpunkt wird dabei die Analyse der Situation im Weiterbildungsbereich sein. Daraus ergibt sich die eine weitere thematische Fokussierung:

• Welche Konsequenzen lassen sich aus den Veränderungen des sozialen und kulturellen Kapitals für die Weiterbildung und ihre Einrichtungen ableiten?

Fokussierung auf eine Zielgruppe: Philippinische ArbeitsmigrantInnen
Ziel der Arbeit ist es einerseits Antworten auf die aufgeworfenen Fragen auf einer all- gemeinen Ebene zu finden. Andererseits sollen diese Fragen konkret anhand der Arbeitsmigration von Personen aus einem ausgewählten Herkunftsland behandelt werden. Ertragreiche Anknüpfungspunkte zu Fragen der strukturellen und individuellen Bedingungen von Migration bietet die Arbeitsmigration aus den Philippinen. Mehrere Phänomene der internationalen Arbeitsmigration manifestieren sich und kennzeichnen die philippinische Gesellschaft bzw. Emigration von philippinischen Arbeitskräften: die wirtschaftliche Bedeutung der Geldüberweisungen der ArbeitsmigrantInnen in ihr Herkunftsland, die Abwanderung von gut Qualifizierten, die Feminisierung der Migration und der Transnationalismus.

Filipinos/Filipinas stellen in Österreich eine Zuwanderungsgruppe dar, wobei es sich um eine kleine Migrationsminderheit handelt. Ein Großteil der ArbeitsmigrantInnen zog im Rahmen der ab den frühen 1970er Jahren von der Stadt Wien durchgeführten Anwerbungen für den öffentlichen Gesundheitssektor zu. In anderen EU-Staaten (z.B. Italien) arbeiten sie hingegen oft in informellen Sektoren in prekären und unqualifizierten Arbeitsverhältnissen.

Aufbau der Arbeit Thematische Schwerpunktsetzung im Theorieteil Im theoretischen Teil der Arbeit setze ich mich in drei großen Abschnitten mit Forschungsansätzen und Diskursen zu den Themenbereichen „Migration, Integration, Entwicklung“, „Soziales und kulturelles Kapital und Migration“ und „Bildung und Migration“ auseinander.

Der empirische Forschungsprozess
Den aufgeworfenen Fragen gehe ich des Weiteren im Rahmen einer empirischen Untersuchung nach, die nach den Ansätzen der Grounded Theory von Glaser/Strauuss (2008) durchgeführt wird. Als Methode kommen qualitative Erhebungsmethoden zum Einsatz. Mittels qualitativen Interviews werden ExpertInnen und philippinische ArbeitsmigrantInnen befragt.

Der empirische Forschungsprozess unterteilt sich in eine explorative Vorstudie und in die Hauptstudie. Im Sommer 2008 verbrachte ich insgesamt zwei Monate in den Philippinen. Nach meiner Tätigkeit als Begleiterin einer entwicklungspolitischen Bildungsreise recherchierte ich drei Wochen in Manila für mein Forschungsprojekt. Ziel dieser explorative Phase war die Erkundung von Themen, die für den philippinischen Kontext bezüglich Arbeitsmigration relevant sind. Ich führte Interviews mit elf ExpertInnen durch (WissenschafterInnen an Universitäten, MitarbeiterInnen und ForscherInnen in NGOs, Vertreter einer Regierungsbehörde). Des Weiteren betrieb ich Literaturrecherchen und Feldforschung (Teilnahme an Vorträgen, Konferenzen, kulturellen Veranstaltungen, informelle Treffen und Gespräche) um mein Verständnis des Kontextes zu erweitern.

Den Schwerpunkt meiner empirischen Untersuchung, die Hauptstudie, stellt jedoch die Situation von philippinischen MigrantInnen in Österreich dar. Hier ist geplant, narrativ-biografische Interviews mit MigrantInnen aus den Philippinen, die sich bereits einige Jahre in Österreich befinden und einen höheren Berufs- bzw. Bildungs- abschluss besitzen, zu interviewen. Die Interviews sollen im Frühjahr/Sommer 2009 geführt werden. Daran schließt sich die Interpretations- und Auswertungsphase des Dissertationsprojektes. Die Fertigstellung der Dissertation ist mit Mitte 2010 geplant.

Ziel der Arbeit
Ziel der Dissertation ist es, die Auswirkungen der Arbeitsmigration auf die Anerkennung des sozialen und kulturellen Kapitals von MigrantInnen aufzuzeigen. Der Frage wird in einer internationalen Perspektive nachgegangen und damit neue Sichtweisen, die über den nationalen Kontext hinausgehen, ermöglicht. In der empirischen Untersuchung wird dabei auf die Erfahrung von philippinischen Arbeits- migrantInnen Bezug genommen und ihre Bewertung bzw. ihr Umgang mit den Veränderungen ihres sozialen und kulturellen Kapitals erhoben. Die daraus abgeleiteten Handlungsstrategien können als Entscheidungsgrundlage für die Erarbeitung von Bildungs- und Unterstützungsmaßnahmen für MigrantInnen dienen.

Helga Moser

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AutorIn Momentum 2011-05-20 12:19:55