Hauser Kornelia: Quellen der Solidarität

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track 9 „Was ist Solidarität?”

„Quellen von Solidarität

1. Historische Einbettung
Aus Brüderlichkeit wurde Solidarität. Das Erbe der französischen Revolution muss durch die „Eiswüste der Abstraktion“ (Walter Benjamin) gehen und kann erst dann beim Individuum ankommen. Aus den Brüdern gleich in Gott, wurden die Brüder gleich im Staat und vor dem Gesetz.

Der Bruder war eine aus der unmittelbaren Erfahrung über-setzte Grösse, die die durch Blutsbande hergestellte Verantwortung gar nicht erst infrage stellen ließ. Die Verwandtschaftsverhältnisse bilden den normativen Anker, der dem Geforderten erst Halt gibt. Diese Verantwortung als Tun lässt sich im Wort „Brüderlichkeit“ mithören und zugleich erweitern: Zu dem Bruder im Blut gesellte sich der Bruder im Geiste – Geistesverwandtschaften können Blutsverwandtschaftsqualität in der Verbindlichkeit erhalten. Was in der Familie die Nestbeschmutzung ist im gesellschaftlichen Leben der Verrat am Gleichen. Die Idee, dass das, was im kleinsten Ensemble des Sozialen – der Familie – vorausgesetzt werden kann, sich auch durchsetzen möge im größten – der Menschheit – hat vielerlei Schäden erlitten: nicht nur ist die Idee männlich eingerahmt, sie hat auch die Familie unterschätzt: nur das Bürgerkind wird in eine Familie hineingeboren, das proletarische Kind hingegen in eine Klasse (Walter Benjamin) und so verteilen sich bei der Durchsetzung der aufgeklärten Vergesellschaftungsformen die Ressourcen. Die Menschheitsidee wurde in Nationen eingezäumt, deren Überschreitung historisch selten nachhaltig gelang. Die Kleinfamilie mit ihren Unmittelbarkeitsbeziehungen ist nicht nur die Brutstätte der Sexualität (Foucault), sondern auch systemisch zentraler Ort für die Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen. Dass sie von konservativer Seite immer weiter als „für die Gesellschaft „unabdingbar“ angerufen wird verschweigt, dass sie als Sozialverband, ohne den die Schwachen, Alten, Kranken und Nicht-Erwachsenen unversorgt blieben, gebraucht wird, da Alternativen nicht finanziert werden. Die „Generationensolidarität“ wird hier noch ganz in Blutsbanden ohne Abstraktion gebraucht.

Der Sozialstaat, der das Versprechen realisierte, dass niemand allein verkommen müsse, war hingegen in der Logik (intelligibler) Solidarität gebaut. Die „Brüderlichkeit“ ist eine Forderung, deren Konnotationen vom Selbstverständlichen bis zum ganz neu Herzustellenden reichen und zugleich durch ihre Aussprache wach hält, dass die Menschenrechte nicht naturhaft
„angeboren“, sondern erkämpft sind und somit von jeder und jedem wieder erstritten werden müssen.

Der Begriff, das Wort, die Forderung „Solidarität“ erschließt sich schwieriger: die Flüchtigkeit einer wählbaren Moral ist darin historisch ebenso erhalten wie die teils schweren Kämpfe, sie herzustellen. Und der normative Anker ist – da auch er historisch-gesellschaftlich hergestellt werden muss – von den politischen Bedingungen, dem Stand der Befreiungskämpfe und der gesellschaftlichen Einsicht in Gerechtigkeit und Gleichheit ausgesetzt.

Kornelia Hauser


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AutorIn Momentum 2011-03-08 22:45:01