Göweil Reinhard: Gleichheit ist Glück

26. Jul 2011

Gleichheit ist auch Unglück, der Satz ist also ein Tauschobjekt. Ich will weniger auf  die ökonomische Deutung des Satzes eingehen als vielmehr auf seine gesellschaftspolitische Relevanz.  In vielen Bereichen besteht eine Zwei- oder Mehr-Klassen-Gesellschaft. In der Justiz werden Minderqualifizierte, Zuwanderer und Arbeitslose strenger bestraft als Akademiker – für vergleichbare Delikte. In der Medizin gibt es Menschen, die lebensbedrohend lange auf Operationen warten müssen und andere nicht.  Die gesamte Sozialbürokratie ist aufgebaut auf Anonymität (die SV-Nummer zählt mehr als der Name), und macht Menschen in unserer Gesellschaft – trotz guter Grundversorgung – unglücklich. Mit Masse können Bürokratien schlecht umgehen. Wer laut genug schreit oder prominent genug ist, dem wird geholfen. Anderen später oder nicht.

Am anderen Ende dieses Spektrums steht in solidarisch gebauten Bürokratien (privaten und öffentlichen) die Beglückung. Beispiel: Die Entscheidung eines einzelnen, welche unselbständige Beschäftigungsform er wählt ist irrelevant. Sozialversicherungen schreiben auch Mitarbeitern vor, dass sie jetzt angestellt werden, selbst wenn sie es nicht wollen. Und strafen Unternehmen, die dem Wunsch des Mitarbeiters entsprechen. Dem Thema Glück und Gleichheit muss also ein anderer Satz beigestellt werden: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen.

Solidarität und Selbstverantwortung werden oft als Gegensatzpaar verwendet, aus Gründen der politischen Folklore: Neoliberale, die Selbstverantwortung predigen, meinen damit, den einzelnen allein zu lassen. Linke, die von Solidarität reden, meinen oft ein allumfassendes System, aus dem es keinerlei Entrinnen gibt. Beides sind absolutistische Ansätze, und wie jeder Absolutismus machen auch diese Menschen unglücklich.

Gemeinschaft und Individualität – wie geht das also zusammen?

Vielleicht in einer Gesellschaft, die der Gleichheit der Behandlung größeren Stellenwert beimisst, die Gleichmachung und Gleichheit nicht verwechselt.  Und die auch unter dem Motto steht, dass in ihrer Mitte und am Rand niemand untergehen darf.

Glück ist, wenn der Nächste wichtiger ist als Gesetze. Oder, um es mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zu beschreiben:  „But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.“