Gleiches Glück für gleiche Menschen?

28. Okt 2011

„Wege zu Gleichheit und Glück“ gehen die TeilnehmerInnen im gleichnamigen Track. Der Schwerpunkt liegt auf politischen Strategien und Analysen zum Wohlfahrtsstaat.

Man hat das Gefühl, dass viel über den sozialen Abstieg oder über das Ende der Mittelschicht geredet wird“, schreibt Bettina Leibetseder in ihrem Beitrag über den österreichischen Wohlfahrtsstaat. Ist aber der Wohlfahrtsstaat dazu da, eine einzige ‚Mittelschicht‘ zu bilden? Den Beitrag zur Verringerung von Ungleichheit ist groß. Aber schafft auch der Wohlfahrtsstaat selbst eine Stratifizierung – etwa jene zwischen Versicherungsleistungen, auf die ein Anspruch besteht, und Fürsorgeleistungen, die die bloße Existenz sichern sollen? Noch in den 80ern sei diskutiert worden, dass die Sozialhilfe bald nur noch für Randgruppen zuständig sein werde.

Indes ist das Gegenteil eingetreten: Die Prekarisierung wird durch den herkömmlichen Sozialstaat verstärkt – etwa dann, wenn zur an sich schon atypischen Beschäftigung auch noch der Ausschluss aus Sozialversicherungssystemen tritt. Von einer Differenzierung von InsiderInundOutsiderIndes Wohlfahrtsstaats hält Leibetseder aber nichts: Auch die InsiderInnen, die über ein normales Beschäftigungsverhältnis verfügen, spüren Druck und Unsicherheit stärker. Man könne davon ausgehen, dass die „Lebensbiografien brüchiger werden“, so die Autorin.

Prekär heißt krank

Dass prekäre Beschäftigungs- verhältnisse auch krank machen können, berichten Bettina Ottendörfer, Werner Bencic und Karin Kastner: Anhand einer Auswertung von Daten der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse weisen sie nach, dass männliche Leiharbeiter stär- ker von psychischen Erkran- kungen betroffen sind als ihre regulär beschäftigten Kol- legen. Sowohl die Kranken- stände, als auch die im Kran- kenhaus verbrachten Tage und die Verschreibungen von Psychopharmaka waren bei Leiharbeitern höher – und das, obwohl diese deutlich jünger als der Durchschnitt der Arbeiter sind.

Aktionsfähigkeit dringend gesucht

Wenn sich die Anstrengungen von Gewerkschaften zur Durchsetzung der Interessen ihrer Mitglieder vor allem im nationalstaatlichen Rahmen abspielen, schafft der nun wie- der stärker diskutierte Transfer von wirtschaftspolitischen Kompetenzen nach Brüssel Handlungsbedarf in der Organisation der Interessenvertretungsarbeit. Dieser Frage gehen Christina Weichselbaumer und Irene Steindl nach. Einmal mehr stehen der von vielen begrüßten Vertiefung der europäischen Zusammen- arbeit auch gewichtige Bedenken gegenüber: „Eine Koalition aus gut organisierten ArbeitgeberInnen- und Industrieverbänden und mehrheitlich wirtschaftsliberal gesinnten MEPs arbeitet eng mit dem inhaltlich ähnlich gelagerten Broker und Agenda-Setter Kommission zusammen.“ Mit dem Erstarken der EU-Institutionen als wirtschaftspolitische Zentrale wird den Gewerkschaften letztlich nichts anders übrig bleiben, als ihre europäische Aktionsfähigkeit zu steigern, resümieren die Autorinnen.

Nicht mit der Herstellung von Gleichheit, sondern mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gleichheit und Glück beschäftigt sich Markus Pühringer in seinem Papier. Zumindest aus einer konstruktivistischen Pers- pektive sei die Parole „Gleichheit ist Glück“ nicht haltbar, wenn man über Glück nur individuell sprechen könnte. Pühringer berichtet über Ergebnisse aus der Neurobiologie, die zeigen, dass Glücksgefühle stark von Kooperation und Anerkennung abhängig sind. Der Mechanismus geht aber auch in die andere Rich- tung: „Fühlen sich Menschen (…) ausgegrenzt und unfair behandelt, so wird das Aggressionszentrum aktiviert.“ Aber was bedeutet das nun für das „Glück im Kapitalismus“? Jedenfalls spielen Erwerbsarbeit und Vermögen eine Rolle für die Anerkennung, die Menschen der Gesellschaft zuteil wird. Pühringer stellt mehrere Thesen zur Diskussion: Wenn für das Glück der Menschen relativer Wohlstand wichtiger ist als der absolute, müsste sich die Politik stärker um Verteilung als um Wachstum kümmern. Und wer steigende Ungleich- heit in Kauf nehme, müsse mit einer Verschiebung der Aggression gegen Schwächere und Sündenböcke rechnen. Auch eine höhere Besteuerung von Überstunden und eine Arbeitszeitverkürzung thematisiert Pühringer. (DG)

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