Fürlinger Bettina, Hiesmaier Manuela, Hofmann Barbara: Prekaritätsempfinden von Drittmittelangestellten an der JKU Linz

25. Okt 2010

Abstract Momentum 10 Track 3 „Arbeitsrecht und Arbeitsverhältnisse”

„Prekaritätsempfinden von Drittmittelangestellten an der JKU Linz”

1. Zum Prekaritätsbegriff
Prekarisierung bezeichnet den Prozess der Zunahme von Arbeitsverhältnissen, die nicht dem gängigen „Normalarbeitsverhältnis“ entsprechen. Dieses wird von Schwarz (2007: 10) aus gewerkschaftlicher Sicht anhand von vier Elementen definiert: Dem Vorliegen einer Vollzeittätigkeit mit entsprechendem Einkommen, der Integration in die sozialen Sicherungssysteme, eine Unbefristetheit und der vertraglichen Absicherung mit klar umrissenen Pflichten des Arbeitnehmers/der Arbeitnehmerin und des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin. Anschließend daran können objektive Indikatoren für das Vorliegen einer prekären Beschäftigung beispielsweise angelehnt an Brinkmann u.a. (2006 zitiert in Klecha/Reimer 2008: 17) definiert werden. Ein Erwerbsverhältnis wird daraus folgend als „prekär“ bezeichnet „(…) wenn die Beschäftigten aufgrund ihrer Tätigkeit deutlich unter ein Einkommens-, Schutz und soziales Integrationsniveau sinken, das in der Gegenwartsgesellschaft als Standard definiert und mehrheitlich anerkannt wird.“ Prekarität ist somit als relationale Kategorie zu verstehen, die immer in Bezug zu gesellschaftlichen Normalitätsstandards gedacht werden muss.

Castel (2009: 23ff.) erläutert, wie sich in der Phase der kapitalistischen Entwicklung in den 1960er und 70er Jahren durch Strukturen kollektiver Absicherung (Kollektivverträge, Arbeitsrecht, Sozialversicherungen) massive und anhaltende soziale Unsicherheiten für die große Mehrheit der (in den Arbeitsmarkt integrierten/männlichen) Bevölkerung gebändigt werden konnten. Wie sein „Gegenspieler“, der staatsbürokratische Sozialismus, hat der fordistisch geprägte Kapitalismus der Nachkriegszeit zur Entprekarisierung geführt (Dörre 2009: 39). Mitte der 1970er Jahre, so Castel (2009: 25), schlug diese Dynamik in eine Entkollektivierung, Reindividualisierung und Flexiblisierung um. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von einer „politisch wie ökonomisch motivierten (…) Einführung der vielzitierten ‚Flexibilität’“ (Bourdieu 1997: 4). Dörre (2009: 41ff.) sieht als treibende Kraft hinter diesen Entwicklungen die finanzkapitalistische Landnahme, bei der Prinzipien der Finanzwirtschaft immer stärker auch in der Realwirtschaft ihre Umsetzung fanden. Um Gewinnmargen zu erhöhen, um auf
Schwankungen der Märkte zu reagieren und generell der neuen „Wettbewerbslogik“ zu entsprechen wurden neue Managementstile, Personaleinsatzkonzepte und neue Zeitregime notwendig, was schließlich wesentlich zur Prekarisierung geführt hat. Unter dem Schlagwort der Flexibilisierung wird von Arbeitgeber_innen-Seite argumentiert, dass Beschäftigte sowohl leichter wieder freigesetzt und deshalb eher angestellt werden, als auch die finanzielle Belastung (Kostenargument etwa bei niedrigeren Lohnnebenkosten) gering gehalten werden können.

Viel könnte man an dieser Stelle noch über die vielschichtigen Problematiken der Zunahme von prekärer Beschäftigung schreiben. Wichtig erscheint aber an diesem Punkt, dass prekäre Beschäftigung nicht nur jeweils auf den/die Einzelne_n in solch einer Beschäftigungssituation rückwirkt, sondern Wirkungen auf die Gesamtgesellschaft festgestellt werden können: So erhöht die Zunahme prekärer Beschäftigung vielerorts den Druck auf alle Beschäftigten dieses Segments – auch auf jene, die (noch) ein „Normalarbeitsverhältnis“ aufweisen. In Anlehnung an Castel (2000) kann davon ausgegangen werden, dass auch jene, die er in der „Zone der Integration“ verortet sind, nun vermehrt destabilisiert werden oder sich zumindest der Bedrohung
prekärer Beschäftigung bewusst sind (vgl. Dörre 2009: 54ff. zur disziplinierenden Wirkung von Prekarität). Gleichzeitig stehen auch die Systeme und Institutionen sozialer Sicherheit durch die Zunahme prekärer Beschäftigung vor Herausforderungen, wenn die Zuführungen zum System (i.d. R. Beiträge) nachlassen, aber gleichzeitig die Inanspruchnahme (z.B. durch häufigere Arbeitslosigkeit zwischen Befristungen) steigt (vgl. Schwarz 2007: 9). Im neueren wissenschaftlichen Diskurs wird nun auch auf das Prekaritätsempfinden der betroffenen Beschäftigten durch Sinnverlust, Anerkennungsdefizit oder Planungsunsicherheiten abgestellt, um auch subjektive Bewertungs- und Verarbeitungsformen prekärer Erwerbsarbeit darstellen zu können. Prekäre Verhältnisse als solche müssen weiters nicht subjektiv (an)erkannt werden (vgl. Goes 2008: 14) auch wenn sie gemäß ihrer strukturellen Kriterien als solche zu definieren sind. So kann prekäre Beschäftigung freiwillig gewählt sein (z.B. Teilzeitarbeit)
oder für gewisse Lebenssituationen (z.B. Berufseinstieg) akzeptiert werden. Die aus prekärer Beschäftigung entstandene „erwerbsbiografische Problemlage“ (Castel/Dörre 2009: 17) wird so mehr oder weniger aktiv bearbeitet und bewertet.

Genau diese Frage nach dem subjektiven Prekaritätsempfinden in einer objektiv als „prekär“ bezeichneten Situation, erscheint als ein wichtiges Forschungsthema bei dem die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Deshalb soll im Zentrum des Beitrags der Autorinnen die sozialwissenschaftliche Untersuchung des subjektiven Prekaritätsempfinden einer fassbaren Gruppe von Beschäftigen, den Drittmittelangestellten der Johannes Kepler Universität Linz (JKU), stehen.

Bettina Fürlinger, Manuela Hiesmaier, Barbara Hofmann

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AutorIn Momentum 2011-02-19 20:22:16