Fuchs Patrice: Gesellschaftliche Psychohygiene und die Rolle des Staates.

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 7 „Gesundheitssystem und Pflegeversorgung”

„Gesellschaftliche Psychohygiene und die Rolle des Staates. Wo fehlt’s wirklich und wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Neben Kunst und Kultur ist vor allem die gesellschaftliche Psychohygiene ein Bereich, den eine zivilisierte und fortschrittliche Gesellschaft ernst nehmen und weiter entwickeln sollte. Nicht nur, weil dadurch wirkliches Leid vermieden werden kann, sondern auch weil die Menschen bestenfalls nicht nur materiell versorgt sein sollen, sondern die Möglichkeit haben sollten, ein möglich glückliches Leben zu führen.

Verschiedene kritische Ansätze aus der Praxis:
Psychosoziale Betreuung Behinderter
‚Die Versorgung er Menschen mit psychiatrischen Störungen an ihrem Wohnort und Arbeitsplatz erfordert gemeindenahe psychosoziale Dienste. Diese müssen die veralteten psychiatrischen Anstalten ersetzen, die die Leidenden aus der Gesellschaft entfernen, das Stigma vergrößern und doch keine kostenwirksame Versorgung biete.‘
(Europ. Ministerille WHO-Konferenz psychische Gesundheit, Helsinki, Finnland, 12-15 Januar 2005)

In den letzten Jahrzehnten wurden auch in Österreich vermehrt Langzeitklienten aus den geschlossenen Anstalten ‚umgesiedelt‘ und in betreute Wohngemeinschaften untergebracht. Nach jahrzehnter langer höchst regulierter, eingeschränkter und vereinsamter Betreung bleiben die Symptome der Hospitalisierung im großen Ausmaß weiter bestehen, aber eine menschenwürdigere und persönlichere Betreuung ist möglich und wird auch gut aufgenommen.

Die Betreuung behinderter Menschen am Wohnort macht diese auch für die Öffentlichkeit mehr sichtbar. Gleichzeitig bringt es die Notwendigkeit mit sich die öffentliche Infrastruktur auf deren Bedürfnisse anzupassen.

Psychosoziale Versorgung von Kindern
Der hauptsächliche Leistungsträger in dieser Sparte ist das Amt für Jugend und Familie. Jährlich gehen 10.000 Gefährdungsmeldungen ein, die von ca. 1500 Beamten der verschiedenen Disziplinen bearbeitet werden. Die Fälle sind nicht an einem Tag zu erledigen sondern ziehen fast immer längerfristige Interventionen nach sich, weil ab Annahme eines Falles immer eine Verbesserung der Lage entwickelt werden muss. Es werden Gerichtsverhandlungen begleitet, Hausbesuche gemacht, mehrmalige klärende Gruppengespräche mit den Angehörigen geführt und vor allem: Kinder aus der Familie heraus genommen und in die Krisenzentren einquartiert.

Die MA11 wurde in den letzten Jahren so stark finanziell beschnitten, dass mittlerweile diese letzte wichtige Intervention nicht mehr garantiert durchgeführt werden kann. Die Krisenzentren sind so überbelegt, dass die Kinder teilweise am Gang schlafen müssen. Nicht zu letzt leiden die MitarbeiterInnen der Krisenzentren unter der Situation und weigern sich neue Kinder aufzunehmen, weil sie sie nicht mehr angemessen betreuen können.

In Hinsicht darauf, dass es sich immer um Kinder in Notsituationen handelt, die auf Grund von seelischer oder körperlicher Gewalt nicht in der Familie verbleiben können, ist dieser Zustand nicht tragbar.

Psychosoziale Versorgung von weiblichen Opfern von Gewalt
Die österreichischen Frauenhäuser sind für viele Frauen, die einzige leistbare und sichere Möglichkeit sich von ihren gewalttätigen Männern zu trennen. Die Frauenhäuser sind immer voll belegt. 49% der hilfesuchenden Frauen sind österreichische Staatsbürgerinnen.

Was für eine wichtige Funktion die Faruenhäuser für unsere Gesellschaft haben, belegt die Tatsache, dass über 90% der in Österreich begangenen Morde an Frauen verübt werden, und zwar fast ausschließlich in Situationen, in denen sich die Frau von ihrem Mann trennen will.

Man kann also sagen: Frauen, die sich von ihren Männern trennen wollen, begeben sich statistisch gesehen in eine lebensgefährdende Situation.

Um das Problem von einer anderen Seite aufzugreifen und zu bearbeiten, gibt es die Männerberatung. Für die Männerberatung arbeiten ausschließlich Männer. Sie gehören zu den wenigen wissenschaftlich geschulten Personen, die sich mit ‚Männerforschung‘ auseinander setzen.

Die Männerberatung hat spezielle Programme entwickelt um mit Männern Antigewalt-Trainings zu absolvieren. Solche Programme sollte es in ganz Österreich geben und sie sollten viel öfter angewandt werden, weil sie das Problem an ihrer tatsächlichen Wurzel behandelt.

Psychosoziale Versorgung von Personen mit psychischen Leiden
Jeder vierte Österreicher erkrankt einmal in seinem Leben an einer psychischen Erkrankung. Spitzenreiter sind die Depressionen, gefolgt von Angststörungen. Beeinträchtigt wird nicht nur der oder die Betroffene sondern auch da gesamte Umfeld.

In Österreich gibt es bereits seit Jahren das verbürgte Recht auf Psychotherapie auf Krankenkasse, jedoch hapert es an der Umsetzung. Die Wartelisten sind sehr lang und es werden auch nur begrenzte Stundenanzahlen genehmigt. Der Kostenersatz liegt auf einem zu niedrigen Niveau. Vor allem Personen mit wenig Einkommen, können sich eine Psychotherapie ganz einfach nicht leisten.

Schulung und Begleitung von verantwortlichem Personal
Intensivere psychologische Schulung und Supervision von verantwortlichem Personal, gehört zu einer notwendigen Allgemeinbildung und Sensibilisierung von Einzelpersonen, um Gruppendynamiken in verschiedenen Situationen zu verbessern. LehrerInnen und pädagogisches Personal, sollten möglichst selbstreflektiert an ihre Arbeit herangehen und wichtige psychologische Bezüge zwischenmenschlicher Dynamiken herstellen und entwicklungspsychologischer Stadien kennen. Vorgesetzte sollten Symptome von Selbstmordgefährdung, aber auch von Depressionen erkennen können.

Grundsätzlich sollte das allgemeine Wissen von psychologischen Zusammenhängen in einer Gesellschaft möglichst hoch sein, um die zwischenmenschliche Kommunikation und das Verständnis für einander zu fördern und tragische Notfälle zu vermeiden.

Patrice Fuchs

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AutorIn Momentum 2011-05-12 09:57:30