Fischer Tatjana: „Das Land im Wandel – die Menschen auch?“

5. Nov 2009

Abstract Momentum 09 Track 6 „Wohnen, Urbanisierung und Raumplanung”

„Das Land im Wandel – die Menschen auch?“

Der geplante Beitrag mit dem Titel „Das Land im Wandel – die Menschen auch?“ beleuchtet Teilaspekte der Frage, wie sich ländliche Regionen im 21. Jahrhundert in Österreich verändern werden, welche Auswirkungen sich daraus auf die Lebenssituation älterer Bevölkerung bereits ergeben haben und ergeben werden und welche möglichen Impulse eine durchdachte (Kommunal-)Politik als Reaktion auf den Wandel, der vielfach durch Herausforderungen bei der Organisation und Bewältigung des Alltags geprägt ist, setzen kann.

Dabei wird auf die Auswirkungen der Lebensqualität älterer, (noch) in ihren Privathaushalten lebenden Menschen im ländlichen Raum Österreichs fokussiert und dabei die Relevanz raumrelevanter Aspekte, Trends und – antizipierten – langfristigen Entwicklungen erörtert. Dazu zählen neben allgemeinen unveränderbaren allgemeinen naturräumlichen Faktoren vor allem jene, durch den Menschen beeinflussbare Aspekte wie etwa (siedlungs-)raumstrukturelle Ausprägungen, Versorgungsstrukturen und sozialräumliche Aspekte.

Beim „genaueren Hinsehen“ zeigt sich – unter Berücksichtigung unterschiedlicher Bedingungen aufgrund der Verschiedenheit der ländlichen Raumtypen – die sehr unterschiedliche Eingriffstiefe raumbezogener Aspekte in das Leben Älterer in Abhängigkeit der Anspruchsgruppe. Dies manifestiert sich unter Anderem in der jeweiligen Wahrnehmung raumrelevanter Aspekte und dem spezifischen Raumverhalten. Dies ist insofern von Bedeutung, als dies zu einem zunehmenden Verlust an räumlicher und sozialer Nähe sowie zu einer strukturellen Umgestaltung „des Landes“ beiträgt und somit vielerorts der Hoffnung vieler (heute) älterer Menschen auf „ein selbst bestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden bis zuletzt“ im ländlichen Raum die Grundlage entziehen wird.

Diese Herausforderungen, die sich aus dem Wechselspiel zwischen demographischen Entwicklungen und raumstrukturellen Veränderungen ergeben, haben bereits eine intensive Beschäftigung mit Lösungsansätzen zur Sicherung bzw. Hebung der Lebensqualität älterer Menschen im ländlichen Raum sowohl auf kommunaler als regionaler Ebene induziert. Dennoch zeigt sich, dass auch diese Ideen und etablierte Maßnahmen vielfach nicht von dem (flächendeckenden) Erfolg gekrönt sind, der ihnen zu Beginn zugesprochen worden ist, zumal viele der bestehenden Lösungsansätze durch eine monostrukturierte,    sektorale Problemzentriertheit gekennzeichnet sind und von „ceteris paribus“-Bedingungen aus gehen. Die Reflexion der Hintergründe und Ursachen dafür werden ebenfalls Teil des geplanten Beitrags sein. Dabei wird hinsichtlich der Weiterentwicklung zu zukunfts- bzw. tragfähigen Lösungsansätzen für den Mut zur ehrlichen Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Zustandsbild der Lebensqualität älterer Menschen im ländlichen Raum unter Berücksichtigung folgender Überlegungen plädiert:

Maßnahmen zur Sicherung der Lebensqualität älterer Menschen dürfen nicht losgelöst von anderen gesellschaftspolitischen Bereichen gesetzt werden, d. h., es ist eine integrative Annäherung an die Thematik notwendig.

Zukünftige Lösungsansätze müssen vom Wachstumsparadigma abgehen und die „Schrumpfung“ zur Kenntnis nehmen. Für strukturschwache ländliche Räume ergibt sich die Notwendigkeit einer sozialverträglichen Gestaltung von Schrumpfungsprozessen    (z. B. durch bedarfsorientierte Angebote im Bereich Mobilität).

Die Notwendigkeit des Abgehens von einem veralteten Bild älterer Menschen, das durch Genügsamkeit in den Ansprüchen und Nicht-Automobilität geprägt ist.

Berücksichtigung der zunehmenden Heterogenität älterer Menschen auch im ländlichen Raum: Ältere am Land lebende Menschen sind nicht mehr mit bäuerlicher Bevölkerung gleich zu setzen.

Es kommt zu Veränderungen in den Anspruchsprofilen älterer Menschen, da sich ländliche und städtische Wertesysteme zunehmend angleichen.

Durch die „Verjüngung des Alters“ kommt es lediglich zu einer Verschiebung der Nachfrage nach Hilfe und Betreuung hin ins höhere Alter, wobei berücksichtigt werden muss, dass die potenziellen pflegenden Angehörigen immer weniger und selbst immer älter werden.

Berücksichtigung des zukünftig noch höheren Stellenwerts der Automobilität, die zur Vergrößerung der Aktionsradien automobiler älterer Menschen beiträgt: Viele der älteren Menschen von Morgen sind heute Pendler, die oft auf das eigene Auto angewiesen sind.

Beachtung der Wechselwirkungen zwischen aktionsräumlichem Verhalten und raumstrukturellen Veränderungen: Dies wird von den älteren Menschen selbst erst am Übergang von der Selbstständigkeit zur Hilfsbedürftigkeit (Verlust der Fahrtüchtigkeit) erkannt.

Der (ländliche) Raum hinkt den Ansprüchen seiner Bewohner immer hinterher: Persistenz von baulichen Strukturen und Siedlungssystemen sowie die langfristige Bindung von Kapital bei der Schaffung (neuer alters-)spezifischer Infrastruktur.

Berücksichtigung der Verknappung öffentlicher Budgets und der Polarisierung in einkommensstarke und -schwache ältere Menschen (Wandel der Bedingungen am Arbeitsmarkt, „versteckte Armut“)

Ungelöste Finanzierungsfragen in kostenintensiven Versorgungsbereichen (z. B. im (sozial-)medizinischen Bereich) stehen einer Ausweitung der Angebotspalette entgegen.

Der „Pflege- und Betreuungsbereich“ darf nicht weiterhin als Allheilmittel zur Lösung der Beschäftigungsprobleme von Frauen im ländlichen Raum gesehen werden, da bereits viele (junge) Frauen erwerbstätig sind, weil sie unabhängig von ihrem Ehepartner sein möchten, bzw. nach einer höheren Ausbildung und besser bezahlten Berufen streben.

Die zunehmende Individualisierung wird vor allem in strukturschwachen ländlichen Räumen mit kleiner Wohnbevölkerung    und geringer Bevölkerungsdichte zu Problemen bei der Umsetzung infrastruktureller Lösungen führen.

Daraus wiederum resultieren folgende drei Kernfragen, denen die Politik mittel- und langfristig besonderes Augenmerk schenken wird müssen:

1. Die Frage nach der Struktur der Anspruchsgruppen, für die Lösungen entwickelt werden müssen? Bislang fehlen Daten auf kleinräumiger Ebene sowie Detailanalysen hinsichtlich der Entwicklung der Nachfragestruktur und der Nachfragerprofile.

2. Die Frage nach der notwendigen „kritischen Masse“ bzw. Mindestnachfragerzahl nach (örtlicher) Grundversorgungs- sowie altersspezifischer Infrastruktur, um den weiteren Rückzug der Nahversorgung und der Ausdünnung des Angebots an mobilen Diensten und (teil-)stationären Einrichtungen im (sozial-)medizinischen Bereich vor allem im strukturschwachen ländlichen Raum mit geringer Nachfrageranzahl zu verhindern.

3. Die Frage nach dem geeigneten räumlichen Bezugsrahmen für „neue Lösungsansätze“.
Der geplante Beitrag fasst die Ergebnisse der Autorin zu ihren einschlägigen Feldforschungen im ländlichen Raum Österreichs, ihre Erfahrungen aus transdisziplinären Projektarbeiten und der Öffentlichkeitsarbeit – unter anderem im Zusammenhang mit der umfassenden Dorferneuerung im Burgenland – sowie die Erkenntnisse aus den Begegnungen mit Kommunalpolitikern zusammen. Die Ausführungen konzentrieren sich dabei sich dabei auf ausgewählte Beispielsgebiete – unter Anderem auch auf das Innere Salzkammergut – im ländlichen Raum Österreichs. Dies erfolgt durch die Verschneidung raum- und sozialwissenschaftlicher Aspekte und ist geprägt durch den Mut zur ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Thema sowie dem Loslösen von ceteris paribus- Bedingungen. In den geplanten Vortrag geht neben Fakten- und Erfahrungswissen auch Vermutungswissen ein.

Tatjana Fischer

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AutorIn Momentum 2011-05-17 11:29:03