„Eine linke Erzählung hätte keine Mehrheit“

7. Nov 2018

Ulrike Herrmann Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann eröffnet heute mit ihrer Keynote das Momentum. DerMoment hat sie vorab interviewt.

derMoment: 2010 veröffentlichten sie ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen“. Darin halten Sie fest, dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist. Wird heute mehr über diesen Befund gesprochen?

Ulrike Herrmann: Nein, eigentlich nicht. Viele Leute glauben, dass das Thema jetzt weniger aktuell sei. Anders als damals haben wir heute Vollbeschäftigung, und die Reallöhne steigen erstmals seit langer Zeit wieder. Vielen erscheint die Frage der sozialen Gerechtigkeit nicht mehr so wichtig. Daran haben auch der Aufstieg der AfD und die breite Rezeption von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ nichts geändert? Die soziale Frage wurde zwar kurz thematisiert, aber dann wurde der Zusammenhang zwischen Verarmung und Rechtsruck statistisch abgeschmettert, indem gesagt wurde, es gibt ja auch gut situierte RentnerInnen, die die AfD wählen. Jetzt spricht kaum mehr jemand darüber.

derMoment: Gibt es den Zusammenhang in Ihren Augen?

Ulrike Herrmann: Ja und der lässt sich statistisch auch zeigen. Die AfD ist unter den ArbeiterInnen die stärkste Partei. In Österreich ist es mit der FPÖ nichts Anderes. Allerdings zeigen die Statistiken: Der Nationalismus hat in allen Schichten Erfolg, nicht nur bei den ArbeiterInnen, sondern auch bei UnternehmerInnen oder RentnerInnen.

derMoment: Was bedeutet das?

Ulrike Herrmann: Es stellte eine verheerende, ideologische Verschiebung dar. Früher war klar, dass die Reichen die Ausbeuter sein müssen, sonst wären sie ja nicht so reich. Ein ganzes Volk arbeitet – aber am Ende landet das Volksvermögen nur bei wenigen. Jetzt wird der Begriff der Ausbeutung völlig neu besetzt: Angeblich sind die MigrantInnen das große, ja einzige Problem. Plötzlich sollen also die Ärmsten die Ausbeuter sein, nicht mehr die Reichen. Diese ideologische Verschiebung führt dazu, dass Fragen der sozialen Gerechtigkeit gar nicht mehr thematisiert werden.

derMoment: Warum gibt es keine linke Gegenerzählung?

Ulrike Herrmann: Die wäre nicht mehrheitsfähig. Der Teil der Gesellschaft, der von Verarmung und sozialem Abstieg nicht betroffen ist, interessiert sich meist nicht für dieses Thema. Jene, die es selbst spüren, gehen oft nicht zur Wahl, weil sie frustriert sind – oder wählen die Rechten.

derMoment: Obwohl die wirtschaftliche Lage eigentlich gut ist.

Ulrike Herrmann: Ja, es ist eine Krise ohne Krise. Die deutsche und die österreichische Wirtschaft stehen gut da, die Leute haben Arbeit und verdienen wieder mehr. Gleichzeitig implodieren in beiden Ländern die Volksparteien. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert, wenn die nächste Krise kommt. Die Rechten werden dann noch mehr Erfolg haben. Und die nächste Krise wird kommen.

derMoment: Was macht Sie da so sicher?

Ulrike Herrmann: Jeder Mensch, der in einer Bank arbeitet, wartet auf die nächste Krise. Es gibt zu viel Geld und zu viel Spekulation.

 

Ulrike Herrmann hat viele verschiedene Dinge gelernt. Sie machte eine Ausbildung zur Bankkauffrau, besuchte anschließend eine Schule für JournalistInnen und studierte dann Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Seit 2000 ist sie Redakteurin der Tageszeitung „taz“.

 

Buchtipp: „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ (Ulrike Herrmann) – Dort untersucht sie, warum die Mehrheit der Bürger immer wieder für Reformen stimmt, von denen nur eine kleine reiche Minderheit profitiert.

 

Zur Gesamtausgabe der Kongresszeitung derMoment.

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