Dobusch Leonhard: Von Open Access to Free Knowledge: Warum Open Access nur der erste Schritt zu freiem wissenschaftlichen Wissen ist

28. Sep 2008

Abstract Momentum 08 Track 5 „Freies Wissen vs. Digital Divide”

„Von Open Access to Free Knowledge: Warum Open Access nur der erste Schritt zu freiem wissenschaftlichen Wissen ist

Die Probleme bei der Gestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems lassen sich in zwei grobe, miteinander wechselseitig verbundene, Kategorien fassen: erkenntnistheoretische und bürokratische Probleme. Einerseits geht es darum,    was    Wissensgenerierung    und    Erkenntnisgewinn    in    den    einzelnen Wissenschaftsdisziplinen überhaupt bedeutet, was Wissenschaft leisten kann und soll. Andererseits stellt sich die Frage, wie derartige Prozesse am besten organisiert werden können, begonnen von Universitätsstrukturen über Forschungsfinanzierung bis hin zu Urheberrechten. Deutlich wird die untrennbare Vermischung der beiden Problembereich bereits an einer scheinbar banalen Frage wie jener nach dem Zugang zu wissenschaftlichem Wissen.

Denn der Didacus Stella zugeschriebene und von Isaac Newton zitierte, kleinste gemeinsame Nenner von Wissenschaftler/innen sämtlicher Disziplinen ist mit Sicherheit das Eingeständnis eines „Standing on the Shoulders of Giants“. Forschung und Lehre baut immer auf den Vorarbeiten anderer Forscher/innen auf, und sei es auch nur als Ansatzpunkt für eine kritisch- demontierende Auseinandersetzung mit deren Arbeit. Der möglichst freie Zugang zu diesen Vorarbeiten ist conditio sine qua non jeder Forschung und Lehre – egal ob man an einen daran anknüpfenden, kumulativen „Erkenntnisfortschritt“ für möglich oder diesen für eine bloße Illusion halten mag.

Diese Binsenweisheit hat im Wissenschaftssystem nicht nur zu Diskussionen über das Problem der sogenannten „Zeitschriftenkrise“ (vgl. z.B. Hanekop und Wittke 2005) sondern auch über mögliche Auswege durch frei zugängliche, digitale Publikationswege unter dem Sammelbegriff „Open Access“ (z.B. Mruck und Mey 2004; Mader und Langeder 2007) geführt. Nach öffentlichen Open-Access-Erklärungen in Budapest und Berlin haben sich inzwischen nicht nur die wichtigsten Forschungsinstitutionen Deutschlands und Österreichs zu einer Unterstützung von Open Access bereit erklärt sondern wurden in den USA auch bereits erste Gesetze erlassen, die die Pflicht zur Open-Access-Publikation für bestimmte, öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse vorsehen.

Einer umfassenden Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aus dem Jahre 2005 zu Folge ist die Akzeptanz unter Forscher/innen zumindest in Deutschland noch relativ gering, wobei die Nutzung von Open-Access-Publikationsformaten unter Sozial- und GeisteswissenschafterInnen besonders wenig verbreitet ist (siehe DFG 2005).

Mit Hilfe der aus insgesamt 39 qualitativen Dilemma-Interviews mit Forscher/innen nach Abschluss ihrer Promotion aus verschiedenen Disziplinen gewonnenen Daten lässt sich nun nicht nur diese Zurückhaltung besser verstehen, sondern es lassen sich auch konkrete Ansatzpunkte dafür ausmachen, wie Open Access (auch: von politischer Seite her) besser unterstützt werden könnte.

Eine zentrale Rolle spielen beispielsweise quer über alle Disziplinen hinweg etablierte Journale, deren (zumindest: attestierte) Qualität wie Reputation zwar einerseits auf ihren Platz in Journal-Rankings zurückgeht, andererseits aber auch zu einem großen Teil auf die Reputation ihrer Herausgeber/innen basiert. Derartige HerausgeberInnenkollektive bilden – zusätzlich zu bestehenden Bemühungen der bereits erwähnten Forschungsförderungseinrichtungen – einen bislang zu wenig wahrgenommenen Ansatzpunkt für eine Verbesserung des Zugangs zu wissenschaftlichem Wissen im Interesse der Allgemeinheit.

Gleichzeitig offenbart die größere und in den letzten Jahren steigende Bedeutung von quantitativen Maß- und Kennzahlen wie Journal-Rankings ein viel weitreichenderes Problem des Wissenschaftsbetriebs, sind diese wegen ihrer selbststabilisierenden Natur nicht nur eine Barriere für neue Open-Access-Journale, sondern auch ein Problem für wissenschaftliche Wissensproduktion an sich (vgl. Frey 2004). Mit dem vorherrschenden System der Rankings und Klassifikationen einher gehen nicht nur Phänomene wie ein US-Bias, ein Language-Bias sowie das Herausbilden von „citation clubs“, sondern noch viel fatalere, inhaltliche Phänomene wie ein Herdentrieb in der Themenwahl sowie eine Tendenz zum Konservativismus. Besonders erschreckendes Beispiel dafür ist die Volkswirtschaftslehre (vgl. Kapeller und Dobusch 2007). Andererseits ist gerade auch mit dem Internet und der immer noch stark ansteigenden Zahl an Journalen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine Antwort auf den längst eingetretenen „Information Overload“ ausständig. So bildet eine Diskussion dieser, auch nach einer „Open-Access-Revolution“ immer noch ungelöster Fragen und möglicher Antworten, wie beispielsweise regulatorische Eingriffe in den wissenschaftlichen „Publikationsmarkt“, den Abschluss des Beitrags.

Leonhard Dobusch

Dokumente zum Download

Beitrag_Dobusch (application/pdf)
AutorIn Momentum 2011-05-06 15:54:33