Bartel Rainer: „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Demokratie versus Wissensvorsprung“

19. Feb 2013

Gouvernementalität ist der viel umfassendere und realistischere Begriff für all das, was zu kollektiver, zu politischer Macht führt. Er umschließt Institutionen, Analysen, Taktiken bzw. Techniken und bildet eine Alternative zur souveränen Herrschaft des Volks, aber auch zur Disziplinierung des Volks mittels Sicherheitsdispositiven (Foucault 1975). Schon sind wir mit dem Phänomen der Macht und der Problematik ihrer Kontrolle mitten im schwierigen Beziehungsgeflecht von Forschung und Wahrheit, Diskursen und Politiken, Fremd- und Selbststeuerung etc., aber auch von Lehren und Studieren, Forschen und Lehren. Die institutionalisierte, professionelle Bildung reiht sich ein in den Kreislauf von Macht – Herrschaft – Autorität – Bildung – Information – Wissen – Kontrolle – Institutionalisierung – Demokratiequalität. Wir geraten auf die institutionell-historisch-evolutionäre Ebene der Analyse, wo Verteilung als Chancenzuweisung und Ergebnispotenzial für die Individuen und für die Gesellschaft wesentlich mit entscheidet. Damit sind wir methodisch und inhaltlich außerhalb des ökonomischen mainstream mit seinen günstigen Annahmen bezüglich Chancengerechtigkeit und seiner einseitigen Behandlung von Eliten als den Bringer_inne_n von Fortschritt aller Art. Eliten sind aber auch jene Gruppen, die in der Verteilung von Kapital im umfassenden Sinn derart begünstigt sind, dass sie sich darin von der großen Bevölkerungsmehrheit abgrenzen und damit ihren Machtbereich eingrenzen und die Wohlfahrt auf individueller und kollektiver Ebene ziemlich autonom gestalten können. Das ist heutzutage die ultima ratio des Verteilungskampfs um Kapital i. w. S. und somit um Macht, Herrschaft und Autorität(en). Das Bildungssystem hält dabei offenbar eine zentrale Position und soll sich daher den Kontrollfragen nach Indoktrination und Manipulation stellen müssen. Allerdings bestehen die Bedingungen für die Inklusion in die Zentren sozialer Macht offenbar nicht allein in der Bildung, sondern auch in Ein- und Unterordnung, Identifikation und Loyalität. In der Wissenschaft sprechen wir von Disziplinen. Disciplina bedeutet sowohl Lehre als auch Zucht. Unter dem Einfluss des „Störfaktors Mensch“ formen sich wirtschaftswissenschaftliche Dogmen und erfolgt eine machtstrategischer Ausgestaltung der wissenschaftlichen Zuchtordnung. Wissens- oder Wissenschaftsstrategie als Machtstrategie ist demokratieschädlich, weil eine solide, objektive Informationsbasis für demokratische Entscheidungen vorgetäuscht und so die Entscheidungsfreiheit beschränkt wird. Die Volkswirtschaftslehre ist immanent politisch, weil sich wirtschaftliche Auswirkungen nicht auf die jeweiligen Vertragspartner_innen beschränken, sondern das Kollektiv mitbetreffen, also auch ohne den Staat oder Korporatismus veritabel politisch sind. Neoklassik versus Keynesianismus ist das große dogmatische Gegensatzpaar schlechthin. Einerseits weisen Lehrbücher der Makroökonomik selbst in der Ära des Neoliberalismus in der Regel zumindest ein oder mehrere keynesianische Kapitel auf. Andererseits wird selbst das Arbeitsmarktmodell meist unverändert von der mikroökonomischen Ebene entlehnt (mikroökonomische Neoklassik) und als Modell zur Erklärung der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung verwendet (makroökonomische Neoklassik): Die Lohnhöhe bestimmt die Beschäftigung. Nun gibt es auch Lehrbücher, die sich als heterodox im Sinn von non-mainstream verstanden wissen wollen. In ihnen wird der Arbeitsmarkt – zumindest auf den ersten Blick – durch die aggregierte Nachfrage auf dem Gütermarkt bestimmt, und die Resultate sind die Beschäftigung bzw. Arbeitslosigkeit, der Nominallohnsatz und das Preisniveau; hier läuft also die Kausalität andersrum.

In diesem Beitrag soll untersucht werden, inwieweit es sich dabei tatsächlich um non-mainstream handelt, es heterodox/keynesianisch zugeht und eine Emanzipation aus dem mikroökonomischen Modell des Arbeitsmarktes und seines viel gepriesenen Gleichgewichts erfolgt, statt sich der harmonischen Sicht der Neoklassik von einer sich selbst kurierenden Wirtschaft unterzuordnen. Abschließend werden Überlegungen zu alternativer Methodik angestellt.

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Abstract_Bartel Rainer (application/pdf)
BarbaraKapeller 2013-02-19 19:50:54

Paper_Bartel Rainer (application/pdf)
BarbaraKapeller 2013-02-19 19:48:56