Czech Herwig: Geschichtspolitik in der Medizin nach 1945: Stationen im Kampf um die Deutungshoheit über die NS-Medizinverbrechen

26. Jul 2011

Das Ende des NS-Regimes 1945 brachte für die Medizin das Potenzial einer tiefen Legitimationskrise mit sich. Die Ermordung zehntausender PatientInnen von psychiatrischen Anstalten war während des Krieges auf heftigen Widerspruch in der Bevölkerung gestoßen und wurde nach der Befreiung durch Aufsehen erregende Prozesse im Bewusstsein der Öffentlichkeit gehalten. Aber auch jenseits der vielfach bis heute verharmlosend als „Euthanasie“ bezeichneten Massenmorde hatten sich medizinische Akteure, Institutionen und Diskurse als wesentliche Elemente bei der Durchsetzung eines „rassenhygienischen“ biopolitischen Programms im Nationalsozialismus erwiesen. Als ein Indikator für die Verstrickung weiter Teile der deutschen und österreichischen Medizin kann der Umstand gelten, dass Ärzte und Ärztinnen den Berufsstand mit dem höchsten Anteil an Mitgliedschaften in der NSDAP und ihren Gliederungen bildeten. In meinem Beitrag werde ich einige wichtige Stationen in der Geschichte der Gedächtnispolitik in der österreichischen Medizin von 1945 bis heute nachzeichnen und diese mit breiteren gesellschaftlichen Entwicklungen in Bezug setzen. Wie kam es, dass nach einer relativ kurzen Phase der (selektiven) gerichtlichen Aufarbeitung und damit einhergehenden öffentlichen Auseinandersetzung die Erinnerung an die Medizinverbrechen fast vollständig aus dem öffentlichen Diskurs verschwand, was gezwungenermaßen mit einer Marginalisierung der Opfer einherging? Parallelen zum allgemeinen Umgang mit der NS-Vergangenheit in Österreich sind offensichtlich, dennoch verdienen die Spezifika des medizinischen Feldes eine gesonderte Betrachtung. Wie gelang es nach der geschilderten Ausgangssituation, die Medizin als Trägerin wissenschaftlich legitimierter und auch gesellschaftspolitisch relevanter Autorität zu reetablieren? Welches Bild der unmittelbaren Vergangenheit wurde dabei transportiert, auf welche (Vor-)bilder der Vergangenheit (z.B. Wiener Medizinische Schule) wurde dabei zurückgegriffen und welche Deutungsmuster bezüglich der Verbrechen im Nationalsozialismus wurden dabei durchgesetzt? Welche Rolle spielte der Nationalsozialismus innerhalb der Profession (z.B. in standespolitischen Interessenskonflikten, Auseinandersetzungen um Alternativmedizin, Psychoanalyse u.a.)? Welche historischen Narrative wurden verankert, sei es bei identitätsstiftenden Feiern (Jubiläen, Totengedenken), in Festschriften, Reden u.a.? Wie weit war der spezifische Umgang mit der NS-Vergangenheit in der ärztlichen Standespolitik ein Faktor bei der Restauration medizinscher Eliten aus der Zeit des Austrofaschismus? Wie wurde mit den Kolleginnen und Kollegen umgegangen, die ab 1938 vertrieben worden waren (von 4900 ÄrztInnen in Wien waren ca. 3200 als Juden verfolgt worden)? Welche Kontinuitätslinien in der herrschaftsstabilisierenden Funktion medizinischer Institutionen (insbesondere, aber nicht nur der Psychiatrie) lassen sich ausmachen? Seit den 1990er Jahren hat sich der Umgang mit den NS-Medizinverbrechen radikal gewandelt. Mittlerweile gibt es einen regelrechten Boom in der zeithistorischen Erforschung dieses Komplexes, aber auch zahlreiche gedächtnispolitische Initiativen. Die Trennlinien der Marginalisierung haben sich mittlerweile eher dahingehend verschoben, dass die Opfer der Kindertötungsanstalt „Am Spiegelgrund“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt sind, während die wesentlich zahlreicheren Opfer der „dezentralen Anstaltstötungen“ bis heute im Schatten stehen. Ob dieser Umstand mittlerweile in Änderung begriffen ist, wird abschließend anhand einer Untersuchung der Berichterstattung zu den Gräberfunden in Hall in Tirol zu Beginn dieses Jahres zu klären sein.

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Czech_2011_Abstract (application/pdf)
AutorIn Momentum2011 2011-07-26 12:14:54